Wandern in Taiwan Wie in Jurassic Park

In Taiwan wird anders gewandert als in den Alpen: Meist mit einem großen Rucksack voller Essen - und der ganzen Familie. Dabei braucht man für einige Bergtouren starke Nerven.

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Die Außenkante des Pfades bricht senkrecht gut 500 Meter steil nach unten ab. Doch ein dichtes Wolkenmeer versperrt den Blick in die Taroko-Schlucht. Ist es nun unheimlicher, auf den gähnenden Abgrund und den reißenden Flusslauf in der Tiefe blicken zu können - oder die tobenden Wassermassen unter dem Dunst nur zu hören?

So oder so, der schmale Erdpfad entlang der Felsen ist Felix nicht ganz geheuer: "Meine Zehen kribbeln", sagt der 14-Jährige. Dann wagt er sich trotzdem auf den stahlseilgesicherten Weg, der an der berühmten Schlucht entlang durch die tropische Landschaft Taiwans führt.

Die düsteren, nebligen Berge der Insel erinnern mitunter an den Film "Jurassic Park". Es herrscht eine Luftfeuchtigkeit von bis zu 90 Prozent, und wer schon einmal in einer Stunde 500 Höhenmeter bewältigt hat, der weiß, welche Auswirkungen das hat: ständige Stopps, literweise Wasser, der Schweiß läuft in Strömen. Unsere Funktionsbekleidung, die genau das verhindern soll, ist in diesem Klima komplett überfordert.

Taiwan ist anders als die meisten asiatischen Länder: viel sauberer als China, weniger chaotisch als das im Verkehr erstickende Bangkok, aber längst nicht so verwirrend und spirituell wie Indien.

Wandern ja, Strand nein

Eine gut einwöchige Familienwanderung auf der Insel ist dennoch eine Herausforderung. Klar, auch Felix gefallen die Baumriesen, und der 17-jährige Lukas entdeckt wohlwollend, dass er mühelos der Schnellste von uns ist. Trotzdem - die beiden hatten sich die gemeinsame Tour offenbar weniger anstrengend vorgestellt. Sie nörgeln.

"Na toll, Papa", sagt Felix und verdreht die Augen. Als könnte ich etwas dafür, dass die Berge hier so hoch sind. 14 Tage sind wir auf der Insel, davon acht Tage in den Bergen und nur zwei Tage am Strand.

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Berge und Schluchten in Taiwan: Wie in "Jurassic Park"

Da die Taiwanesen selbst die Strände meiden, ist hier Wandern ziemlich angesagt: Wer frei hat oder am Wochenende etwas erleben will, der fährt in die Berge. Und davon gibt es viele - drei Viertel der Insel bestehen aus Gebirgen. Viele der Wandertouren sind von Taipeh aus mit öffentlichen Verkehrsmitteln leicht zu organisieren. Ein Highlight: mehrtägige Touren auf den 3952 Meter hohen Yu Shan, den Jadeberg. Die Routen auf fast pflanzenlosen Graten sind anspruchsvoll und wenig begangen.

Aber auch in den mittelhohen Bergen, die Taiwans moderne Hauptstadt Taipeh umgeben und in denen wir unterwegs sind, kann es durchaus aufregend werden. Weite, undurchdringlich wirkende Bambusfelder ziehen sich um die sanften Gipfel. Plötzlich raschelt es. "Das sieht eigenartig aus", sagt Lukas. "Affen", vermutet Felix.

Wir Eltern werden etwas nervös, immerhin gibt es hier auch Schwarzbären. Doch dann die Erleichterung: Eine alte Frau tritt mit einem hohen Korb auf dem Rücken zwischen den Sträuchern hervor. Offenbar war sie auf der Suche nach Kräutern. Sie lächelt uns mit ihrem zahnlosen Mund freundlich an.

Kein Wärter passt auf

Die Aussicht kurz danach vom Chin-Tien-Kang ist überwältigend. Nicht nur die sattgrün bewachsenen Hänge beeindrucken, sondern vor allem der weite Blick bis zur Hauptstadt. Nach einer Kurve dampft plötzlich ein ganzer Berghang. Es sind keine verlorenen Wolkenreste, die nach oben steigen, sondern Schwefeldämpfe. Überall aus dem Berg treten sie aus, wehen aus Rissen in der Erde oder pressen sich als fauchende Dampffontänen aus dem Boden.

Ein kleines Abenteuer für die Jungs, denn sie können ganz nah an die Schwefeldämpfe heran: Kein Wärter passt auf, Eigenverantwortung ist gefragt. Die ist für Lukas und Felix leichter hinzunehmen als das Fehlen jeglicher Hütten in den Bergen.

"Dass es keinen Kaiserschmarrn gibt hier, war mir auch klar", sagt Lukas, "aber gar nichts ist auch nicht so toll." In Taiwan wird eben ganz anders gewandert als in den Alpen. Meist zusammen mit einem Teil der Großfamilie, aber immer mit einem großen Rucksack für das Essen.

Und dann werden sie ausgepackt: die in Schwarztee oder Soja gekochten Eier, die grauslig aussehen, aber gut schmecken; Fisch oder Huhn mit Reis umhüllt in Algenplättchen zu einem Dreieck gepackt; als Nachspeise knusprig gebratene Fische, mit Sesam und Honig ummantelt.

"Taiwan war echt cool"

Weil Urlaub ohne Strand für Kinder meist doch nur der halbe Spaß ist, stoppen wir am Ende der Tour quer über die Insel im Ort Kenting. Das Städtchen ganz im Süden, ist das Traumziel für all jene Taiwanesen, die ihren Urlaub in Meeresnähe verbringen wollen.

Ausladende Hotels mit Hunderten von Zimmern, Musikfestivals, ein quirliger Nachtmarkt und vor allem die von großen Felsformationen eingerahmten Sandstrände kennzeichnen den Ort. Doch an den Stränden liegen fast nur Europäer. "Wir gehen nicht gerne baden", erklärt ein Zuckerrohrsaft-Verkäufer unseren erstaunten Kindern. "Wir könnten braun werden." Die vornehme Blässe gelte in Taiwan als Schönheitsideal.

Was aber wollen die Taiwanesen dann überhaupt hier? Keine Frage, im Hotel relaxen - und vor allem in den umliegenden Naturparks wandern.

Felix und Lukas ist das egal, Hauptsache, das Chinesische Meer ist badewannenwarm, und es ist zumindest jetzt genügend Zeit zum "Chillen". Wie ungewöhnlich und spektakulär die Tour war, erkennt Felix dann doch noch. "So etwas wie die Geräusche im Dschungel oder die dampfenden Berge habe ich woanders noch nie erlebt", sagt er, wenn auch erst kurz nach der Rückkehr: "Taiwan war echt cool."

Dirk Sommer, srt/kry

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insgesamt 26 Beiträge
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Seite 1
blauerapfel 15.01.2018
1. Taiwan IST China
Taiwan ist nicht anders als China, Taiwan IST China. Das haben die UNO anerkannt, die Bundesrepublik Deutschland, und alle Länder, die mit China diplomatische Beziehungen haben.
vanlaak 15.01.2018
2.
@blauerapfel Also meine Freundin ist gerade mit ihrem taiwanischen Pass ohne Probleme und ohne Visum zusammen mit mir in Deutschland eingereist. So einfach, wie sie es gerne hätten, ist es dann wohl nicht.
Ein_Forum_Schreiber 15.01.2018
3. @#1 : Taiwan ist nicht China
Mit den selben Argumenten mit denen China Taiwan und andere Gebiete beansprucht könnte Deutschland halb Italien verlangen den das war ja mal Teil des heiligen römischen Reiches deutscher Nation. Taiwan ist z.B im Gegensatz von China eine Demokratie und auch Menschenrechte werden dort geachtet. China verhindert mit ihren Vetorecht jegliche Anerkennung von Taiwan und droht unverhohlen mit Angriff sollte sich der Status ändern.
jonathan_hencke 15.01.2018
4. Status Quo
Letztendlich befinden sich Taiwan und China in einem Status Quo, und daran wird sich auch nicht so schnell was ändern. Die Botschaften heißen nicht so, sondern sind zB im Goethe-Institut oder so. Die Republik China (Taiwan) und die Volksrepublik China sind Handelspartner genauso wie mit Korea und Japan und Festland-Chinesen sind die häufigsten ausländischen Touristen in Taiwan... Und ich fand übrigens meinen Urlaub in Taiwan auch grandios. Die Natur und gleichzeitig erschlossenen Anteile, die sauberen Städte... und die Taiwanesen können zwar nicht immer gut englisch, aber die sind unglaublich nett.
lesender_hesse 15.01.2018
5. das letzte Mal...
Zitat von blauerapfelTaiwan ist nicht anders als China, Taiwan IST China. Das haben die UNO anerkannt, die Bundesrepublik Deutschland, und alle Länder, die mit China diplomatische Beziehungen haben.
als ich nachgeschaut habe, haben weder die BRD noch die UNO Taiwan als Teil Chinas noch als eigenständigen Staat anerkannt. Das merken Sie auch daran, dass Chinesen ganz anders behandelt werden bei der Einreise in die EU und nach Deutschland als Taiwanesen die visafrei reisen.
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