Tyler Brûlé beneidet die Japaner Schicke Schlangen

Im angesagten Tokioter Stadteil Ginza wird Tyler Brûlé Zeuge eines historischen Volksauflaufs: Hunderte Japaner in traditionellen Gewändern bevölkern die Straßen - und beweisen Stehvermögen.

Japanische Büroangestellte in Tokio: Die Damen tragen die traditionelle Yukata
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Japanische Büroangestellte in Tokio: Die Damen tragen die traditionelle Yukata


Wäre "Schlange stehen" eine olympische Sportart, ginge Gold jedes Mal an Japan. Denn selbst wenn die Briten es mit ihren ordentlichen Reihen an Bushaltestellen zu einer gewissen Berühmtheit gebracht haben, glaube ich nicht, dass sie die Wartezeit wirklich genießen.

Die Japaner hingegen lieben nichts mehr, als irgendwo anzustehen: Für einen Platz im Restaurant (warum konnte sich das Prinzip "Reservierung" eigentlich nicht überall durchsetzen?), beim Einsteigen ins Flugzeug (der Rest der Welt sollte sich die japanischen Passagiere zum Vorbild nehmen: den Boarding Pass schon richtig rum in der Hand und den Pass bereits an der entsprechenden Stelle geöffnet), bei Ladeneröffnungen (ein neues Café oder Geschäftskonzept kann kilometerlange Schlangen generieren) und vor allem, wenn spezielle Gratisproben verteilt werden.

Als ich am Sonntagnachmittag einigen Kunden Tokio zeigte, wurde ich in den Straßen Ginzas Zeuge eines solchen Schauspiels. Der erste Hinweis darauf, dass etwas in der Luft lag, war die ungewöhnlich hohe Zahl an Menschen, die die traditionellen Kleidungsstücke Yukata (stellen Sie sich einen leichten, lockeren Kimono für Damen und Herren vor) und Jinbei (denken Sie an eine leichte Kombi aus Shorts und Wickeljacke für Männer) trugen.

Nun ist der August zwar genau die richtige Jahreszeit, um die traditionelle Sommergarderobe rauszuholen. Die ganze Szenerie wirkte aber wie das Filmset eines Historiendramas - lediglich die etwas ausgeflippten Männer mit ihren riesigen Kopfhörern im Nacken sowie Mädchen, die ihre mit zitronen- oder pinkfarbenen Kristallen bedeckten Glitzerhandys präsentierten, fielen etwas aus dem Rahmen.

Kontrollierte Schlangenbildung

Als wir um die Ecke kamen, sahen wir uns der elegantesten Schlange gegenüber, der wir je begegnet waren: Hunderte von Menschen aller Altersklassen in ihrer besten Sommerkleidung, die sich mit dekorativen Fächern Luft zuwedelten. Es gab Familien mit kleinen Mädchen in hellen Yukatas und Jungs in Jinbeis mit fröhlichen Farben. Die Mütter zeigten aufwändige Hochsteckfrisuren und kompliziertes Augen-Make-up, während die Väter versuchten, sich gegenseitig mit breit gestreiften Yukatas und hölzernen Sandalen auszustechen.

"Wofür stehen die denn an?", fragte ich meine Kollegin.

"Ich bin mir nicht sicher", antwortete sie, ebenfalls verblüfft von dem Anblick. "Ich lauf mal kurz rüber und frage nach."

Während sie einen Verantwortlichen ausfindig machte, der sich um die kontrollierte Schlangenbildung kümmerte, blieben Touristen stehen, um Fotos zu machen, und wie bestellt versammelten sich lauter junge Mädchen in ihren aufwändig bedruckten Roben. Sie kicherten hinter ihren Fächern und zeigten Freunden und Familienmitgliedern das Peace-Symbol. Nur Sekunden später wurden die Aufnahmen ins Internet hochgeladen.

"Okay, ich weiß, worum es geht", berichtete meine Kollegin etwas atemlos in der Hitze. "Die Einzelhändler vor Ort haben zusammen eine Kampagne aufgezogen, die die Leute ermutigen soll, den traditionellen Sommerkimono zu tragen. Jeder, der heute ein Yukata anzieht, bekommt einen kleinen Preis."

Auch an der nächsten Ecke, vor dem Kosmetikgeschäft, konnte man eine lange Schlange bewundern - sie setzte sich ebenfalls aus besonders elegant gekleideten jungen Männern und Frauen zusammen. Während einer der Angestellten Grüppchen nach vorne geleitete, um sich kleine Proben abzuholen, wühlten andere Mitarbeiter in Kisten, händigten Süßigkeiten aus, notierten Namen und knipsten Fotos. Als wir unsere Tour durch Ginza wieder aufnahmen, landeten wir schließlich hinter einem Paar älterer Gentlemen, die von einer schicken älteren Dame begleitet wurden.

Das Trio trug Yukatas in gedämpften, erdigen Farben, die Männer hatten ihre ovalen Fächer in ihren Obi (wollene Schärpe) am Rücken gesteckt. Sie unterhielten sich, lachten, und ich hatte das Gefühl, in das Ginza der frühen sechziger Jahre versetzt worden zu sein. Einer der Herren hatte einen Strohhut und eine goldene Pilotenbrille auf, der andere trug eine klobige Brille mit einem rauchigen Halbton auf der Nase und einen perfekt gestutzten Bart.

Überwältigt von der Nostalgie

Ihre Begleitung erinnerte mich an eine dieser perfekten japanischen Frauen, die ich damals in den Siebzigern auf Fotos in Illustrierten gesehen hatte: makellose Haut, silbernes, streng zurückgekämmtes Haar, einen kleinem Kordelbeutel in einer Hand und einen Sonnenschirm in der anderen. Sie sah aus wie Anfang 60, näherte sich aber wahrscheinlich eher der 80.

Ein paar Minuten später waren die drei im sonntäglichen Gewühl verschwunden. Ich stellte mir vor, sie säßen jetzt alle in einem coolen kleinen Restaurant bei Soba (Nudelgericht aus Buchweizen) und einem eiskalten Bier. Oder sie seien vielleicht in einen außergewöhnlich gut erhaltenen Mercedes geschlüpft und nun auf dem Weg in ihr wunderbar weitläufiges Haus in Yokohama, um sich ihre alte Plattensammlung anzuhören, während sie sich eine frische Flasche Sake von einer kleinen Brauerei in Hokkaido gönnten.

Ich weiß nicht, ob mich an diesem Nachmittag die Nostalgie überwältigte oder einfach die Schlichtheit der praktischen Nationaltracht. Die meisten ertrugen die Hitze und Feuchtigkeit Tokios in unseren üblichen westlichen Uniformen, bestehend aus Hemd, Shorts und Schuhen. Deshalb war ich neidisch, dass die Japaner ein funktionales Ensemble hatten, das eindeutig ihrs war (jemand aus dem Westen bringt so einen Look einfach nicht zustande) und die den Träger sowohl würdevoll als auch entspannt aussehen ließ.

Was könnte angenehmer sein, als kühlende Baumwolle, offene Schuhe, eine Robe, die es den Männern erlaubte, etwas Brust zu zeigen und einen Fächer, um die Stirn kühl zu halten? Wenn wir nur auch so ein sommerliches Gewand besäßen - für die Straßen Londons, New Yorks und Roms.



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