Fastenbrechen im Oman Ein Tag im Feuerloch

Ingwer-Schaf im Bananenblatt, Kamel mit Kardamom: Im Oman zelebrieren Familien das Ende des Ramadans mit einem dreitägigen Fest. Höhepunkt ist ein proteinhaltiger Schmaus fürs ganze Dorf. 24 Stunden lang schmoren in einem riesigen Feuerloch 4000 Kilogramm Fleisch.

Jutta Lemcke

Dreimal knallt ein Schuss durch Ibra. Kinder laufen umher und sammeln die leeren Patronenhülsen vom staubigen Boden auf. Sie haben sich mit ihren Vätern, Onkeln und Cousins mitten im Dorf um eine lodernde Feuerstelle versammelt. Der Schuss soll heißen: Es ist Zeit für Showa - das traditionelle Mahl des Eid-Festes zum Ende des Fastenmonats Ramadan.

Wenn im Oman das Eid-Fest naht, das dieses Jahr im August stattfinden wird, erstirbt das öffentliche Leben. Die Straßen in der Hauptstadt Muscat sind wie leer gefegt. Auf dem Viehmarkt in Nizwa harren nur wenige Kamele an Holzpflöcken aus und die jahrhundertealten Festungen von Jabrin, Nakhal und al-Hazm, die sonst von Touristen bevölkert sind, haben die großen Holztore verriegelt.

Nur durch den Mutrah-Souk in Muscat eilen noch Menschen. In bunte Abayas gekleidete Frauen mit farbenfrohen Kopftüchern kaufen Datteln, zuckersüßes Gebäck und Weihrauch. Männer in Dischdaschas mit bestickten Hüten verschwinden in Juwelierläden und besorgen kostbare Geschenke für die Familie. Die Frauen haben sich schon Tage zuvor neue, mit funkelnden Steinchen verzierte Kleider gekauft und sich mit feinsten Hennamalereien die Hände verschönern lassen.

Das dreitägige Eid-Fest hat strikte Regeln - und doch feiert es jede Familie anders. "Bei uns in Ibra wird die Showa am zweiten Tag des Eid vorbereitet", erzählt Muslim al-Shukairi, der das Fest zusammen mit seinen vier Brüdern und sieben Schwestern im Haus seiner Eltern feiert. Von überall aus dem Oman kommen seine Angehörigen nach Ibra. Die genaue Zahl seiner Verwandten kennt Muslim nicht. Zu seinen Geschwistern und deren Ehemännern und -frauen kommen an die 30 Kinder, dann noch einige Tanten, manchmal auch Cousins und Cousinen.

Außerdem steht das Haus, wie es die Tradition verlangt, für Nachbarn und Freunde offen. Im Eingang stapeln sich zahllose Schuhe - Sandalen, Flipflops, Sneakers - in Regalen oder einfach nur dort abgestellt, wo sie gerade abgestreift wurden.

"Esst, seid nicht schüchtern"

"Wir sind eine sehr offene Familie", sagt Muslim, und so feiern Männer und Frauen zwar in getrennten Räumen, doch jeder darf in die Zimmer der anderen gehen. Der Umgangston ist herzlich und locker. Die Männer hocken - manche in Dischdaschas, andere in Shorts und T-Shirt - auf dem Boden und bereiten das Fleisch für den Grill und für die Showa vor.

Riesige Töpfe mit rohem Rind-, Schafs- und Kamelfleisch werden herangeschleppt, mit Kardamom, Ingwer und Kreuzkümmel gewürzt, auf Spieße gesteckt oder in Bananenblätter gewickelt. Die Frauen haben sich in einem anderen Raum versammelt, wo sie lachend die Themen des Tages diskutieren, ihre Babys stillen und die älteren Kinder zur Ordnung rufen.

Auf dem mit Plastikfolien bedeckten Teppich stapeln sich Schüsseln mit scharf gebratenem Fleisch, Reis, Tamarinsoße, Karotten- und Zwiebelsalat. Eine der Frauen reicht Teller herum. Dann folgt eine Schüssel mit Wasser zum Händewaschen, denn gegessen wird mit den Fingern.

"Esst, seid nicht schüchtern", sagt Faiza, Muslims Frau, und zeigt, wie es geht. Fleisch, Soßen, Salate - alles wird mit Reis vermengt und dann mit der rechten Hand in den Mund geschoben. Am Ende kommt erneut die Schüssel mit Wasser, dann folgt omanischer Kaffee mit Kardamon, süßes Gebäck mit Datteln und Halwa.

24 Stunden Garzeit

Am Nachmittag trifft sich die Familie auf dem Hof. Die Showa naht. Muslim wickelt unter den Augen seines Vaters große Fleischstücke in Bananenblätter, die sein Bruder Saleh in einen Sack aus geflochtenen Palmenwedeln schichtet. Am Ende wird ein Drahtgeflecht als Schutz gegen die Hitze um den Sack gewickelt und eine verbeulte leere Coladose als Erkennungszeichen unter den Draht geschoben.

Wieder knallt ein Schuss durch Ibra - es wird Zeit. Die Männer hieven den Sack mit rund 100 Kilogramm Fleisch auf eine Schubkarre und eilen zum Feuerloch mitten im Dorf. Etwa 40 Familien, so schätzt Muslim, haben sich hier versammelt. Ungeduldig warten sie, bis auch die Letzten ihre Fleischsäcke bringen, denn vor Sonnenuntergang müssen sie ins Feuer. Mit langen Eisenstangen stochern die Männer in dem tiefen Erdloch, bis die Flammen hochlodern und alle vor der Hitze zurückweichen. Dann erschallt ein Kommando.

Die Männer greifen immer zu zweit die schweren Säcke und werfen sie ins züngelnde Feuerloch. Staub wirbelt hoch, Hitze und laute Rufe erfüllen den Platz. Kaum ist das Fleisch in der Erde, wird die Grube mit einem alten Teppich bedeckt. Dann fegt ein Mann Sand und Erde darüber und besprenkelt alles mit Wasser. 24 Stunden müssen die Fleischberge - zusammen werden es an die 4000 Kilo sein - in der Erde schmoren und schließlich am nächsten Tag mit großen Haken aus dem Loch geholt. Dann ist Zeit für das große Festmahl des Eid-Festes: die Showa.

Weitere Informationen
Eid-Fest
Das Eid-Fest wird jeweils am Ende des Fastenmonats Ramadan (Eid al Fitr) und am Ende des Pilgermonats Hadsch (Eid al Adha) gefeiert. In jedem Dorf sind die Rituale etwas unterschiedlich. So bleibt das Fleisch in einigen Orten zwei Tage, in anderen nur einen Tag unter der Erde.
Omanische Küche
In Restaurants wird fast ausschließlich internationale Küche angeboten. Nur wer die Gelegenheit hat, bei einer omanischen Familie zu essen, kommt in den Genuss der einheimischen Küche. Gegessen wird traditionell ohne Besteck mit der rechten Hand. Spezialitäten sind Showa (im Erdofen gegartes Fleisch), Maqbous (mit Safran gewürzter Reis, serviert mit Fleisch), Arsia (Reis mit Lammfleisch), Halwa (Karamellpaste aus Zucker, Eier, Honig und Gewürzen), Maqdeed (getrocknetes Fleisch) und Lokemat (frittierte Bällchen aus Mehl mit Kardamom gewürzt und mit Limonen-Sirup serviert). Das Essen endet traditionell mit einem omanischen Kaffee mit Kardomom und Datteln.
Übernachtungstipp
Wer das Land ganz authentisch erleben möchte, kann sich in Misfat Al-Abryeen nahe Nizwa einmieten. Dort empfängt Yakoob Al-Abri seine Übernachtungsgäste nach allen Regeln der Gastfreundschaft in einem 300 Jahre alten Lehmhaus, das im traditionellen Stil ausgestattet ist. Familienanschluss ist garantiert und das Abendessen wird auf der Terrasse mit Blick auf die Berge serviert; E-Mail: ouo999@hotmail.com, Tel. 00968/92800120.
Stilvollen Luxus bietet das The Chedi Muscat nahe der Hauptstadt. Das Fünf-Sterne-Design-Hotel bietet einen Privatstrand, hervorragende Küche und den längsten Pool der Arabischen Halbinsel. The Chedi Muscat, P.O. Box 964 Al Khuwair, Postal Code 133, Muscat, Sultanate of Oman, Tel. 00968/24524400, chedimuscat@ghmhotels.com, www.gghmhotels.com.

Jutta Lemcke/SRT/jus



insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
HeisseLuft 03.06.2013
1. Eingang
Zitat von sysopJutta Lemcke Ingwer-Schaf im Bananenblatt, Kamel mit Kardamom: Im Oman zelebrieren Familien das Ende des Ramadans mit einem dreitägigen Fest. Höhepunkt ist ein proteinhaltiger Schmaus fürs ganze Dorf. 24 Stunden lang schmoren in einem riesigen Feuerloch 4000 Kilogramm Fleisch. http://www.spiegel.de/reise/fernweh/fest-des-fastenbrechens-im-oman-a-903405.html
Das Loch ist der Eingang zur Vegetarierhölle.
c218605 03.06.2013
2. Gammelfleischphilosoph?
Zitat von HeisseLuftDas Loch ist der Eingang zur Vegetarierhölle.
Nein, das sind die Schlachthäuser der Industrieländer in denen elendlich gehaltenes Leben im Akkord beendet wird um es auch zügig dem mündigen Verbraucher als seinen täglichen Billigfrass in Pommesbude oder Discounter vorzuwerfen...
DMenakker 03.06.2013
3.
Wenn ich mir überlege, was da an hocharomatischem Bratensaft wohl einfach im Erdreich versickert könnte ich als alter Saucenliebhaber heulen!
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