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Fidschi-Inseln: Knochenjob im Paradies

Von Ulrich Bentele

Die Fidschi-Inseln gelten als Urlaubstraum aus Sonne, Strand und Meer. Tausende Touristen genießen jährlich die Pazifik-Idylle. Die einheimischen Zuckerrohrfarmer kämpfen dagegen um ihre Existenz - manche, bis sie auf dem Feld tot umfallen.

Es ist kurz vor zwölf Uhr mittags auf Beachcomber Island, die Sonne brennt, und gäbe es nicht den gekühlten Pool unter Schatten spendenden Palmen, die leckeren Kokos-Cocktails und die gemütlichen Strandstühle, dann wäre es kaum auszuhalten für die angereiste Touristenschar. So aber ist es ein angenehmes Dasein inmitten des Pazifischen Ozeans, 20 Flugstunden von Deutschland entfernt: weißer Strand, verlockende Korallenriffe, Vollpension zu 30 Euro, und in knapp fünf Minuten ist man einmal um die Insel gestapft. So sehen Urlaubsträume auf den Fidschi-Inseln aus.

Es ist kurz vor zwölf auf dem Zuckerrohrfeld inmitten der Hauptinsel Viti Levu nahe des Dorfes Sobeto. Die Sonne brennt, und pfeilschnell lassen die sieben Männer ihre scharfen Macheten im Sekundentakt durchs Gehölz sausen. Zuckerrohrernte im Juli, Akkordarbeit bei über 30 Grad. Ein Knochenjob im Paradies. Es sind drahtige Männer mit lederner Haut und Schweißperlen auf der Stirn, die hier stoisch ihre Arbeit verrichten - Handarbeit, wie schon die Vorfahren vor Hunderten von Jahren. Die einzige technische Errungenschaft ist ein alter Lkw, der das geernteten Zuckerrohr abtransportiert. Bis zu zehn Stunden stehen die Farmer täglich auf dem Feld, ein Arbeiter erntet dabei eine gute Tonne. Der Tagesverdienst liegt zwischen 10 und 15 Fidschi-Dollar. Ein Fidschi-Dollar entspricht knapp 50 Cent.

"Irgendwann wird er tot umfallen"

Mohammed Selim ist 64 Jahre alt. Seit über 40 Jahren arbeitet er auf dem Feld. Im vergangenen Jahr hatte er eine Herzattacke. Die Familie ist arm, eine staatliche Rente hat er nicht zu erwarten. Weiterhin steht er jeden Tag auf dem Feld. "Was soll ich anderes tun?", fragt er. "Der Zuckerrohr ist nicht nur das Rückgrat von Fidschi, sondern auch das meiner Familie. Wir leben davon." Die Arbeitskollegen sind skeptisch. "Irgendwann wird Mohammed auf dem Feld tot umfallen, er wäre nicht der erste", flüstert sein Nachbar.

Die Zuckerrohrindustrie ist neben dem Tourismus die traditionell wichtigste Einnahmequelle auf den Fidschi-Inseln. Englische Kolonisten begannen vor über 200 Jahren, den Zucker auf den tropischen Inseln anzupflanzen. Als Arbeitssklaven wurden in großem Stil Inder auf die Inseln gebracht. Etwa 200.000 Menschen - fast ein Viertel der Bevölkerung - leben noch heute vom Zucker.

Mühsame Arbeit sind die Farmer gewohnt. Hier ins Landesinnere kommen keine Touristen. Und der Zucker ist ein harter Broterwerb. Der internationale Zuckerpreis steht zwar derzeit sehr hoch, was an der Nachfrage nach Ethanol als Erdöl-Ersatz liegt. Doch den Bauern hier ist das allenfalls ein Trostpflaster. Sie sehen schweren Zeiten entgegen. Lange Zeit hingen die Fidschi-Inseln als ehemalige englische Kronkolonie am Subventionstropf aus Brüssel. 30 Jahre lang haben die Europäer für gutes Geld Zucker von den Fidschi-Inseln erworben. Nachdem die Welthandelsorganisation (WTO) intervenierte, werden die Beihilfen nun radikal gekürzt - um 36 Prozent in den kommenden fünf Jahren. Die bisherigen Verträge sind Ende Juli ausgelaufen. Die Prognose der Fidschi-Nationalbank für das Wirtschaftswachstum in diesem Jahr fiel von 2,9 auf nur noch 0,7 Prozent.

Indischstämmige werden diskriminiert

Auf den internationalen Märkten ist der Fidschi-Zucker kaum konkurrenzfähig, er ist zu teuer. Der Zucker brasilianischer Großfarmen ist um die Hälfte billiger. Ein Blick auf das Feld von Viti Levu zeigt warum. Die Machete ist nach wie vor das einzige Arbeitsmittel, die Felder werden zum Großteil nach wie vor mit einem Ochsenkarren bestellt. Für die Ethanol-Produktion würde eine moderne Infrastruktur benötigt. Die ist aber nicht in Sicht. Anders als etwa auf Mauritius, wo gezielte Investitionen die Ethanolgewinnung gestärkt haben, blockiert auf den Fidschi-Inseln zudem ein ethnischer Konflikt die dringend notwendige Zukunftsinvestition.

Indischstämmige Fidschianer stellen fast die Hälfte der Bevölkerung, auf den Zuckerrohrfeldern sind sie die große Mehrzahl. Die Inder werden - obgleich oft bereits in der fünften Generation auf den Fidschis beheimatet - von der ursprünglichen melanesischen Bevölkerung rechtlich diskriminiert. Zwar regiert seit den Wahlen im Frühjahr erstmals eine große Koalition aus "echten" Fidschis und "indischen" Fidschis, doch noch immer werden die "Inder" politisch diskriminiert. Denn nur die "echten" Fidschis dürfen Farmland besitzen. Die Indischstämmigen, die auf den Feldern arbeiten, dürfen das Land, auf dem sie leben, immer nur für 30 Jahre pachten.

Der Exodus hat längst begonnen

Mohammed Salims Pachtvertrag läuft in fünf Jahren aus. Wie es dann weitergeht, weiß er nicht. 22.000 Fidschi-Dollar müsse er als "Goodwill"-Geste zahlen, signalisierte der Landbesitzer, dann könne er bleiben. Viel Geld, das viele Farmer nicht aufbringen können. Die Folge ist seit Jahren ein Exodus der indischstämmigen Bevölkerung. Noch vor 20 Jahren stellten sie die Mehrheit auf den Fidschi-Inseln, heute sind sie nur noch 40 Prozent der Bevölkerung.

Mittagspause gegen halb zwei Uhr, die langen Zuckerrohre spenden den Bauern Schatten. Es wird Cava gereicht, ein leicht betäubendes Wurzelgebräu, Fidschis Volksdroge, ein wenig Entspannung für die müden Muskeln der Männer.

Auch auf Beachcomber Island gibt es Entspannung für die vom Sonnenbad erschöpften Touristen, zum Beispiel Massagen. Kostenpunkt: 20 Fidschi-Dollar für eine halbe Stunde.

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Fidschi-Inseln: Zwischen Zucker und Sandstrand


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