Dokumentarfilm "Gringo Trails" Vom Fluch des Reisens

Reisen ist wichtig, sagt die Regisseurin Pegi Vail - aber bitte richtig. In ihrem Dokumentarfilm "Gringo Trails" zeigt die US-Amerikanerin am Beispiel von Backpacker-Zielen, was Touristen anrichten können und was sie besser machen sollten.

Zebra Films

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Als Pegi Vail 1986 zum ersten Mal nach Kho Phangan reiste, erschien ihr die thailändische Insel wie ein Paradies - wie "ein tropischer Zufluchtsort". Sie war Mitte 20 damals und abenteuerlustig, sie genoss es, die Welt außerhalb ihrer Heimat USA nur mit dem Rucksack auf dem Rücken zu entdecken. Und so unbeschwert, wie sie sich fühlte, erlebte sie auch die Natur und die Menschen, denen sie begegnete. 13 Jahre später kam sie auf die Insel zurück - und alles war anders.

Statt der Handvoll Backpacker von früher waren jetzt Massen da. Unberührte Strände? Gab es nicht mehr. In jenem Jahr tanzten auf der Full Moon Party zu Silvester 15.000 Menschen auf dem Haad Rin Beach. Weitere elf Jahre später sollten es mehr als dreimal so viele sein.

Für Pegi Vail war ihre zweite Reise zur Insel 1999 lebensverändernd - auch weil das Wiedersehen für die US-Amerikanerin so schmerzlich war. "Ich musste weinen, als ich das erste Mal wieder auf Kho Phangan war", sagt sie. "Es war alles so traurig, auch weil mir klar wurde, dass ich selbst zu dieser Entwicklung beigetragen hatte."

Mit ihrem Dokumentarfilm "Gringo Trails" versucht Vail, ein besseres Beispiel zu sein - indem sie zeigt, wie man besser nicht reist. Seit 1999 hat die Anthropologin, die an der New York University arbeitet, immer wieder Orte besucht, die einst nur ein Geheimtipp unter Rucksackreisenden waren, und mit Einheimischen, Besuchern und Experten gesprochen. Neben Ko Phangan war sie im Dschungel in Bolivien, in Salar de Uyuni, der größten Salzwüste der Erde, und in Mali.

Eimersaufen ohne Müllentsorgen

Die Aufnahmen, die dabei entstanden sind, zeigen eindrucksvoll, was Tourismus im schlimmsten Fall anrichten kann, besonders wenn andere Einnahmen fehlen. Wie hilf- und ratlos jene häufig sind, die auf den Massenansturm nicht vorbereitet sind. Was tun gegen die eimersaufenden Touristen auf Kho Phangan, die den Strand in eine Müllhalde aus Strohhalmen, Plastik- und Bierflaschen verwandeln, wenn viele auf der Insel durch sie auch dringend benötigtes Geld verdienen?

"Viele fahren dort nur für zwei, drei Tage hin, um zu feiern", sagt Pegi Vail. "Das sind nicht die vernünftigen Reisenden, die früher kamen." Heute geht es um eine Party ohne Morgen: Viele denken nicht daran, dass an solchen Orten andere Bedingungen herrschen als in ihrer Heimat, dass es beispielsweise nicht die gleichen Möglichkeiten gibt, Müll zu entsorgen. Viele interessiert das auch nicht. "Solche Leute suchen nur eine exotische Kulisse für eine Party, die sie sonst auch zu Hause feiern könnten."

Wo hört gutes Reisen auf, wo fängt schlechtes an? Für Vail ist der Respekt vor der Fremde entscheidend, dass man sich rücksichtsvoll verhält, Verantwortung spürt und auch übernimmt. Auch andere, die sich wie sie einst wie Entdecker einsamer Inseln fühlten, kehren heute an frühere Ziele zurück, um die Entwicklung, an der auch sie beteiligt waren, aufzuhalten. Ein schlechtes Gewissen kann Jahre später doch noch Gutes bewirken.

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Dokumentarfilm "Gringo Trails": Verlorene Paradiese
Umdenken, sich vorbereiten - und weiter reisen

Den Israeli Yossi Ghinsberg etwa machte sein Buch "Dem Dschungel entkommen" weltweit bekannt. Drei Wochen überlebte er 1981 allein im bolivianischen Amazonas - eine Geschichte, die auch die dortige Region zu einem Sehnsuchtsziel werden ließ. Massen von Backpacker fügten der Natur seither teils große Schäden zu. Vail stellt in "Gringo Trails" unter anderem ein Projekt vor, das Ghinsberg dort heute unterstützt: Die Ökolodge Chalalan wird von der örtlichen Gemeinde betrieben - eine andere, nachhaltige Art von Tourismus, die Dschungelpflanzen und Tiere schützt und die Einheimischen unterstützt.

"Es ist Zeit umzudenken", sagt Vail. Sie will das Reisen an sich nicht verteufeln, sondern nur verbessern. "Reisen ist für mich immer noch eine der wichtigsten Möglichkeiten, einander überall auf der Welt kennenzulernen." Doch weil immer mehr Menschen sich das leisten können und wollen, braucht es Lösungen, um Orte vor einem zerstörenden Massentourismus zu bewahren. Auf der Suche nach Möglichkeiten fuhr Vail auch nach Bhutan, wo man die Anzahl der Besucher limitiert, indem jeder von ihnen pro Tag Aufenthalt 250 Dollar zahlen muss.

Für sie ist das "ein interessanter Ansatz", sagt sie - aber nur einer von vielen. Am Anfang steht für Vail immer der Einzelne: "Sich auf das Land, in das man reist, vorzubereiten, im Internet ein paar Nachforschungen anzustellen, kostet nichts."

Sie selbst schaut sich vor einer Reise Filme von einheimischen Regisseuren an, sie versucht, "lokale Stimmen" zu hören, keine Berichte von anderen Touristen. Und sie überlegt sich genau, wo es hingehen soll. "Lasst die Checkliste zu Hause", rät sie auch anderen. Anstatt Orte abzuhaken, die man vermeintlich gesehen haben muss, lieber an solche mit besonderen, nachhaltigen Initiativen und Projekten reisen. Und vor allem: nicht egoistisch sein. Man muss nicht von allen schönen Orten, die man entdeckt hat, erzählen. Und man muss auch nicht alle entdeckten besuchen, wenn der Schaden den Nutzen überwiegt.

Für "Gringo Trails" sind in Deutschland derzeit drei Vorstellungen angekündigt. Der Film ist am 30. Mai auf dem International Ethnographic Film Festival in Göttingen zu sehen. Und am 26. und 27. Juni zeigt ihn das Moviemento in Berlin, auch die Regisseurin Pegi Vail ist dann anwesend. Termine für weitere Vorführungen in anderen Ländern finden Sie hier.

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insgesamt 46 Beiträge
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spon-facebook-829803521 29.05.2014
1. Amazonasdschungel in Bolivien
Sorry, der Amazonas entspringt nicht in Bolivien sondern in Peru. Und er fliesst nirgends durch Bolivien.
Oberleerer 29.05.2014
2.
Diese Gemeinden haben es nicht anders verdient. Wer keinen Zusammenhalt herstellen kann, vor allem auf Grund individueller Gewinnaussichten, der wird vom Tourismus geplündert. Gerade auf einer Insel wäre es ein Leichtes ein Konzept zu erstellen, Steuern und Gebühren aufzulegen und Pfandflschen zu etablieren, womit sich selbst die Ärmsten noch etwas hinzuverdienen können. Ich habe eher den Eindruck, daß die lokale Bevölkerung diesen Trubel als Kontakt zur Außenwelt wünscht, genauso wie ich es genieße mit meinem Diesel über die Autobahn zu bollern. Die Szenen in dem Trailer sind ohnehin Extrembeispiele (Silvester). Die Autorin hat bei ihren Reisen offenbar gelernt, was das wichtigste ist: Geld.
motorholer 29.05.2014
3. deutsche autobahnabfahrten
und vielfrequentierte autobahnkreuze im ganzen land zeigen, wie asozial zumindest die sind, die ihren scheissdreck da einfach rauswerfen getreu dem motto "nach mir die sintflut"... das sich diese einstellung im urlaub nicht ändert, liegt auf der hand... wieviel entsorgen ihren müll wild.... der mensch ist ein tier.
capote 29.05.2014
4. Na und ?
Diese Länder bieten und verkaufen den Partywütigen alles, was die haben wollen und bezahlen und leben davon, nur auf die Idee ein paar Leute damit zu beschäftigen, den Müll einzusammeln, kommt niemand. Ich habe in Italien so eine Art Kartoffelerntemschinen über den Strand fahren sehen, die allen Unrat einsammeln und einen sauberen, geharkten Strand hinterlassen. Wer ist denn nun schlimmer, die Gäste, die Ihren Unrat einfach liegen lassen oder die Einheimischen, die zwar kassieren, aber eben nur kassieren wollen und nichts dafür tun?
susiwolf 29.05.2014
5. T o u r i s t i k ...
Baller den Mann - in Thailand ... Widerlich - üblich - schändlich - !!!
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