Klassengesellschaft im Flieger Der Scheich liegt weich

Airlines hübschen ihre erste Klasse auf und werben mit dem Komfort einer Hotelsuite. Gleichzeitig erreicht die Holzklasse das Niveau von Linienbussen. Schluss mit dem Unsinn!

Singapore Airlines

Eine Glosse von


"Guck mal", zischte mein Schatz, "das darf doch nicht wahr sein, oder?"
Wir standen in einer langen Schlange von Vietnamesen im Duty-free-Shop des Frankfurter Flughafens und bewunderten die Tragfähigkeit zarter, asiatischer Schultern: Da wanderten solche Mengen harten Alkohols über das Band, dass sich die Ausgabe von Säcken statt Plastiktüten gelohnt hätte. Und keiner bunkerte mehr Schnaps als der freundliche Herr in der schönen Uniform: unser Pilot.

"Ob der das unterwegs trinkt?" Hinter uns lachte einer und beruhigte: Ne, ne, Schnaps sei nur schwer teuer in Vietnam, den verkauften die da. Eine echte Einkommensquelle. Glaubte ich sofort. Marken-Edelbrand brächte 25-30 Euro Profit pro Flasche, erklärte unser landeskundiger Mitreisender. Klar, da würde ich dann auch elf Pullen mitnehmen. "Wird der Flieger dann nicht zu schwer?" flüsterte mein Schatz. Ach wo, sagte ich, Asiaten sind ja klein und leicht.

Kurz darauf quetschten wir uns in einen perfekt auf asiatische Körperformen abgestimmten Sitz. Das Handgepäck passte unter den Vordersitz, nur bei mir kollidierte die Tasche mit ein paar Flaschen, die nicht mehr ins Gepäckfach gepasst hatten.

Ich probierte aus, in was für einem Winkel ich Knie und Füße drehen konnte, ohne dabei den Blutfluss durch meine Hauptschlagadern zu unterbrechen. Während meine Angetraute die Thrombosestrümpfe suchte, studierte ich das Entertainmentprogramm. Vietnam Airlines hatte ein beeindruckendes Angebot an Musik, Filmen und Serien zu bieten und jeder Sitz einen eigenen Mini-Bildschirm!

"Guck mal", sagte ich mit kindlicher Vorfreude, "die haben sogar die vietnamesischen Charts!"
"Mhh", brummte sie völlig desinteressiert.
Kurz darauf: Abheben, vermutlich. Wir saßen mitten in der Mittelreihe. Dafür stimmte die Sicht nach vorn. In der Suppenküche im Zwischengang bereiteten Stewardessen schon das Wasser für die ersten Pho-Tütensuppen auf. Der Urlaub hatte begonnen: Asien, wir kommen!

Unvermittelt begann der Bildschirm zu flackern. Ah, dachte ich, die Charts! Drückte Knöpfe. Flackern. Sah nach rechts, nach links, nach vorn: Flackern. "Is kaputt!" sagte der freundliche Vietnamese neben mir, "is imma kaputt!"

Echt jetzt?

"Lass das doofe Ding doch sein", zischte mein Schatz, entnervt von meinem Gefummel. "Lies ein Buch!" Eins? dachte ich. Blick auf die Uhr: noch 12 Stunden 15 Minuten.

Szenenwechsel: Luxus ist für den Hintern

Wenn der Scheich sich niederlässt, sitzt er bequem: Sein Hintern versinkt in einem fluffigen Ledersessel elefantösen Ausmaßes. Sein Geist versenkt sich derweil in filmischen Kunstwerken, die ihm auf einem 32-Zoll-Bildschirm mit Hi-Fi-Sound dargeboten werden. Was Speis und Trank angeht, hat er natürlich freie Auswahl, und alles ist von erlesener Qualität.

Ein allumfassendes Wohlgefühl erfasst ihn da, bis sein Gesicht in einer seligen Lächellähmung erstarrt. Er darf sich umsorgter fühlen als ein Norweger im sozialen Netz, und selbst wenn seine Kabine innen liegen sollte, gewähren ihm virtuelle Fenster freien Blick aufs überflogene Land.

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Luxus pur: Fliegen für Besserversorgte

Sollte er ermüden, legt er sich ins frisch gemachte Bett. Kurz vor der Landung wird ihn eine Stewardess liebevoll per Video-Call wecken, der sich melodisch ankündigt: "Ping!"
Keine Frage, dass ihm dann auch ein Badbereich zur Verfügung steht, der nichts zu wünschen lässt. So ein Scheich liegt und fliegt weich.

Die geschilderte Szene stammt nicht aus einem Sci-Fi-Film, sondern repräsentiert eine Realität, die angeblich wirklich existiert. Bei Singapore Airlines und Emirates nennt man sie "Erste Klasse" - die zwei Airlines gehören zu einer schwindenden Zahl von Carriern, die sich überhaupt noch eine nennenswerte Vorzugsklasse leisten. Die neue bei Emirates, lernten wir Anfang des Monats, wurde von Mercedes-Benz gestaltet. Klar, dass dann auch der Ticketpreis an einen Autokauf erinnert.

Ich habe mich immer gefragt, warum Medien über so etwas überhaupt berichten. Ich finde das nicht relevant: Es betrifft so gut wie niemanden, es bringt keinem was.

Was ich gern lesen würde:

  • Airline ABC führt menschenwürdige Sitzmaße ein!
  • Neu: Nahrung statt Pappbrötchen bei XYZ-Touristik!
  • Reihenähr verzichtet auf Passagier-Aussetzungen wegen Überbuchungen!

Aber das ist Science-Fiction. Die Realität des Fliegens sieht so aus: Die Standards sinken ständig, nähern sich der Fahrt im städtischen Linienbus an. Ab und zu phantasieren irgendwelche Marketing-Bommel von Luxuskabinen, damit man von Unerreichbarem träumen kann. Dass man so kostenfrei mediale Aufmerksamkeit bekommt, für die man in Form von Werbung Millionen zahlen müsste, ist den Firmen sicherlich nicht unangenehm.

Cut: Zurück in der Wirklichkeit

Zwei Wochen später, kurz nach dem Abheben von Hanoi, flackert vor mir der Bildschirm auf. Mein Sitznachbar hämmert zunehmend frustriert auf der Bedienung herum. Ich lächle mild, entspannt nach einem wunderschönen Urlaub.
"Ist kaputt", sage ich ihm. "Ist immer kaputt."



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