14. Dezember 2012, 06:20 Uhr

Panorama-Bildband "America"

"Je rostiger, desto schöner"

Alte Autos, leere Straßen, dazu grandiose Landschaften: In seinem Bildband "America" zeigt der Fotograf Horst Hamann das Ergebnis unzähliger Roadtrips quer durch die USA. Im Interview erzählt er von der Poesie von Rost und Verfall - und erklärt, warum der amerikanische Traum noch funktioniert.

SPIEGEL ONLINE: Herr Hamann, Sie haben jahrelang in den USA gelebt und fotografiert. Ihr aktueller Bildband "America" zeigt ein Land, das oft trostlos wirkt, abgerockt und melancholisch. Ist das Ihr persönliches Resümee der Zeit in den Vereinigten Staaten?

Hamann: Mit dem Begriff Melancholie kann ich leben. Für mich aber steht eher der Begriff Poesie über dem Buch. Ein bisschen Traurigkeit ist dabei, ein bisschen Wehmut, aber auch die Liebe zu einem Land, das ich sehr schätze. Fotos für ein Buch zusammenzustellen ist wie eine Person zu porträtieren, die mal traurig guckt oder weint. Vielleicht hat auch die Abschiedsstimmung einen Einfluss gehabt. Denn ich bin nach fast 30 Jahren in den USA wieder nach Deutschland gezogen.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Fotos bilden also das Lebensgefühl in den USA ab. Was bedeutet das konkret für Sie?

Hamann: Mein persönlicher amerikanischer Traum war mein erster Ford F-250 Pick-up-Truck, der für 600 Dollar am Straßenrand stand. Damit zu cruisen, ohne auf Benzingeld zu achten, während neben mir die Kinder auf der Sitzbank sitzen, das Fenster runtergekurbelt ist und das Radio läuft - was kann es Schöneres geben? Das bedeutete Freiheit für mich.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie denn auch den amerikanischen Tellerwäscher-Traum gelebt - den Aufstieg von der Pike bis zum Erfolg?

Hamann: Ja, 1979 wollte ich nach New York, um mein Glück zu machen. Ich kannte keinen Menschen damals und habe nur versucht, mich am Leben zu erhalten. Mein erster Job war im 44. Stock des World Trade Centers: Für Fotografen habe ich Filme gewechselt und Kaffee gekocht - so fing das an. Ich habe mir die Stadt erobert. Später hingen meine Fotos in der Subway, waren ganzseitig in der "New York Times" abgedruckt. Da hatte ich schon das Gefühl, etwas richtig gemacht zu haben. Das habe ich mir erkämpft, erobert, erschwitzt.

SPIEGEL ONLINE: Die USA sind zerrissen wie nie zuvor zwischen Schwarz und Weiß, Arm und Reich. Funktioniert der amerikanische Traum überhaupt noch in Zeiten der Wirtschaftskrise und der politischen Spaltung?

Hamann: Ja, er kann, soll und muss funktionieren. In den USA sagt man: Es ist kein Problem, wenn du hinfällst, aber es ist ein Problem, wenn du nicht aufstehst und wieder neu anfängst. Das ist die Haltung, die mich so fasziniert, die Kraft und der Pioniergeist, den es in Amerika noch gibt. Ich mag auch diese wahnsinnige Offenheit und Toleranz der Menschen, die Akzeptanz und Solidarität. Aber es stimmt: Es gibt auch Zustände fast wie in der Dritten Welt.

SPIEGEL ONLINE: Sie zeigen immer wieder Fabriken, leere Straßen - und wenn die Landschaft schön ist, dann ist doch irgendwo ein Zeichen der Zivilisation wie ein Truck, ein Silo, kaputte Häuser zu sehen. Warum?

Hamann: Mich interessieren die Patina, der Verfall, die Spuren, die Menschen hinterlassen - und wenn es eine abgebrannte Hütte ist. Aus einem verlassenen Haus, einer verlassenen Straße ergibt sich die Poesie. Das provoziert Fragen: Was war da? Wer hat da gelebt? Wie sah das früher aus? Die Geisterstädte in Colorado sind ein gutes Beispiel: Zu Zeiten des Goldrauschs waren das Boomtowns, dann sind sie verfallen, dann kamen die Casinos. Solche Hochs und Tiefs, die interessieren mich fotografisch. Mich interessiert das Gelebte mehr als das Geleckte.

SPIEGEL ONLINE: Wieso nehmen Sie immer wieder einen Pick-up oder ein Autowrack in Ihre Bilder?

Hamann: Autos als Statussymbol interessieren mich gar nicht. Ich liebe aber die alten Kisten. Amerika ohne Autos geht gar nicht. Meine allererste Ausstellung in Krefeld hieß "Cars and Stripes", denn das war auch mein erster Eindruck von Amerika: Autos, Autos, Autos. An jeder Straßenecke gibt es für 100 Dollar so einen Schlitten zu kaufen. Die sind einfach nur schön - je rostiger, desto schöner.

SPIEGEL ONLINE: Und auch poetischer?

Hamann: Ja, das ist wie ein Lied, das man akustisch interpretiert, wenn dabei die ganze Elektronik wegfällt. Bei alten Autos sind nur noch die Formen übrig, die Linien, die Farben. Genauso wie ein schönes Gesicht, das Falten und einen Ausdruck bekommt und dann auch Geschichten erzählt. Das ist was anderes als ein glattes Modelgesicht, in dem nichts Persönliches drin ist.

SPIEGEL ONLINE: Auf einem Ihrer Bilder sieht man eine alte Frau vor einem Schaufenster mit Brautkleidern stehen. Was für eine Geschichte wird da erzählt?

Hamann: Ich habe das ältere Paar lange beobachtet. Die Frau stand vor dem Fenster und betrachtete die Kleider, und er wollte immer weiter. Die Situation hatte etwas Schönes, Positives und sehr Harmonisches. Wahrscheinlich sind sie schon lange verheiratet, sie gehören zusammen und träumen noch. Er weiß, dass sie ihm folgen wird. Auf dem Foto sieht man die Frau kaum. Das mag ich: eine eher subtile Story, nicht so offensichtlich.

SPIEGEL ONLINE: In diesem Band erzählen Sie Ihre Geschichten allerdings kaum über Personen, eher über Gebäude und Straßen. Wieso kommen Menschen höchstens als Statisten vor?

Hamann: Ich habe schon viele Porträts gemacht, aber mit dieser Kamera geht das einfach nicht. Menschen dienen bei Aufnahmen mit ihr eher als Maßstab.

SPIEGEL ONLINE: Welche Kamera benutzen Sie?

Hamann: Sie ist ein Klassiker in der Fotografie: Die Linhof Technorama wurde in München gebaut, hat mit dem Eins-zu-drei-Seitenverhältnis das Landschaftskino-Format. Es gibt nur vier Belichtungen pro Film. Das Objektiv ist von Schneider-Kreuznach aus Deutschland, der Rolls-Royce der Fotobranche. Es hat keinen Zoom, sondern eine Festbrennweite. Da muss man sich erst einen Aufnahmeort suchen und die Kamera dort aufbauen. Das war bei dem New-York-Vertikal-Thema ganz schwierig, bei Landschaft geht das sogar noch. Ein paar Fotos habe ich auch mit einer Hasselblad Xpan gemacht, die man von Kleinbild auf Panorama umstellen kann.

SPIEGEL ONLINE: Welche Chancen bietet das extreme Panoramaformat, das Sie - Sie sagten es gerade schon - auch in Ihrem 1996 erschienenen, berühmten Bildband "New York Vertical" eingesetzt haben? Und welche Herausforderung birgt es?

Hamann: In der Breite deckt das Format genau das Wahrnehmungsfeld des menschlichen Auges ab, fast 100 Grad, das entspricht also der natürlichen Wahrnehmung. Die riesige Fläche muss man aber auch erst mal horizontal oder vertikal füllen. Das ist eine echte Aufgabe, bis das kompositorisch sinnvoll und spannend ist und Inhalte transportiert. Beim Band "New York Vertikal" konnte ich schon zwei Jahre lang üben.

SPIEGEL ONLINE: Sie schreiben in Ihrem Buch einen - für einen Fotografen - ungewöhnlichen Satz: Vielleicht sind die besten Bilder die, die man nie gemacht hat. Sie nennen sie "mental polaroids". Was meinen Sie damit?

Hamann: Damit meine ich die Gänsehautmomente, die man gar nicht fotografieren kann. Etwa wie meinen amerikanischen Traum, mit meinen Kindern neben mir im Pick-up zu cruisen. Oder wenn man in den Sonnenuntergang fährt. Das kann man nicht fotografieren. Ich habe den Moment gelebt, ihn genossen, bis ans Ende meiner Tage ist er Teil meiner Gefühlswelt.

SPIEGEL ONLINE: Hat so ein Eindruck es doch ins Buch geschafft?

Hamann: Ja, so ein Gefühlspolaroid, das ich aber fotografiert habe, ist die Aufnahme in Maine: eine Häuserzeile im Schneesturm. Dort haben wir in der Nähe gewohnt, und ich bin immer daran vorbei zum Büro gelaufen. In dem Restaurant rechts haben sie die besten Frühstücke gemacht, mit Speck und Eiern. Wenn ich das Bild sehe, dann rieche ich den Duft des Essens, der aus der Tür weht, den Schnee - und meine Chemikalien oben im Fotolabor.

Das Interview führte Antje Blinda


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