Fotograf Michael Kenna über Japan Verführerisch, wild und hoffnungslos romantisch

"Japan erleben heißt, die erlesene Schönheit, Zerbrechlichkeit und Vergänglichkeit unserer Welt bewusster zu sehen": Der britische Landschaftsfotograf Michael Kenna über ein Land, das er seit 30 Jahren erkundet.

Michael Kenna

  • Song Xianyang
    Michael Kenna, 62, ist eine britischer Landschaftsfotograf, der in den Siebzigern in die USA zog und heute in San Francisco lebt. Seit über 30 Jahren reist er nach Japan, sein Buch "Forms of Japan" enthält Schwarz-Weiß-Aufnahmen mit meditativer Ausstrahlung.
  • Homepage Michael Kenna
  • Michael Kenna: "Forms of Japan"
Japan ist ein Teil von mir. Wenn ich nicht dort bin, denke ich darüber nach, wann ich zurückkehren werde. Vor einigen Jahren besuchte ich zur Feier meines 50. Geburtstags 88 buddhistische Shingon-Tempel in Shikoku. Einen Monat lang war ich ein Henro Michi, ein Pilger auf seinem Weg. In jedem Tempel habe ich das Herz-Sutra rezitiert und gebetet.

Ich habe dort auch fotografiert. Heiligen Stätten soll man sich mit Ehrfurcht, Verehrung und Respekt nähern - und genauso fotografiere ich Japan. Das Gefühl, in Japan ein Pilger zu sein, begleitet mich, seit ich vor fast 30 Jahren zum ersten Mal die Tempelstädte von Kyoto und Nara besuchte. Diese Städte waren für mich zutiefst geheimnisvoll und faszinierend, und ich spürte, dass ich wiederkommen und das Land näher kennenlernen musste.

Ich erkundete weitere Gegenden Japans, und meine Faszination für dieses Land wuchs. Der Glaube an die Götter als ein integraler Bestandteil der Landschaft ist für mich von großer Bedeutung. Das Land selbst wird zu einem Ort des Gebets, an dem man ruhen und meditieren kann, und zu einem Rückzugsort vor dem Lärm und den Problemen unserer schnelllebigen Zeit.

Ein visuelles Füllhorn

Japan ist ein eher kleines Land, schwer zugänglich, umgeben von Wasser. Jedes Fleckchen Land, jeder Küstenabschnitt birgt dort Spuren, Erinnerungen und Geschichten aus der Vergangenheit - ähnlich wie in meiner Heimat Großbritannien.

Japan ist ein visuelles Füllhorn mit dem allgegenwärtigen Zusammenspiel von Wasser und Land sowie ständig sich wandelnden Jahreszeiten und Himmeln. Mit seinen uns vertrauten Größenverhältnissen besitzt das Land etwas Anziehendes.

Und Japan ist ein ebenso unbeständiger Ort, unberechenbar und potenziell gefährlich, mit Taifunen, Erdbeben und Tsunamis. Ein Land, in dem die Landschaft lebendig und kraftvoll ist und die Elemente stark sind. Japan erleben heißt, die erlesene Schönheit, Zerbrechlichkeit und Vergänglichkeit unserer Welt bewusster zu sehen.

"Forms of Japan" zeigt 250 Fotografien von den japanischen Hauptinseln Hokkaido, Honshu, Kyushu, Shikoku und Okinawa. Ich habe in ganz Japan fotografiert, jedoch die meiste Zeit auf Hokkaido - ein ganz besonders faszinierender Ort: sanft verführerisch, gefährlich wild und hoffnungslos romantisch.

In den Wintermonaten verwandelt sich die Landschaft durch die Schnee- und Eisdecke in eine weiße Leinwand, eine grafische Tuschezeichnung, ein visuelles Haiku. Es gibt wenig Ablenkung: Kahle Bäume, die Abwesenheit von Farben und eine gespenstische Stille erfordern Konzentration und Achtsamkeit.

Kennas Baum am Kussharo-See

Im Winter des Jahres 2002 hatte ich das große Glück, am Ufer des Kussharo-Sees zufällig eine prachtvolle japanische Eiche zu entdecken. In ihrer Eleganz und grafischen Ausdruckskraft lag etwas durch und durch Japanisches, wie in einem Holzschnitt oder einem überdimensionalen Bonsai.

Durch den Sucher der Kamera konnte ich mir japanische Schriftzeichen vorstellen, die auf einer Seite des Bildausschnitts entlanglaufen. In meiner Fantasie sah ich eine über den See gebeugte, weise alte Frau und fragte mich, was sie wohl im Laufe der vielen Jahre von ihrem wunderbaren Aussichtspunkt aus schon beobachtet hatte.

Ich kehrte viele Male zurück, um den Baum zu fotografieren, bis er im August 2009 gefällt wurde. Die Zeitungen in Hokkaido berichteten über den Verlust des Baums, der aus irgendeinem Grund als Kennas Baum ziemlich bekannt geworden war. Obgleich ich traurig war, musste ich lächeln.

Der Baum ist nicht mehr da, aber in meiner Erinnerung ist er lebendig. Ich besuche den Kussharo-See noch immer, um spazieren zu gehen, zu lauschen, mich zu erinnern und natürlich um zu fotografieren.

Die Zeit vergeht, Veränderungen sind nicht aufzuhalten, Freunde kommen und gehen, und doch bleiben die Dinge auf merkwürdige Weise, was sie sind. Solange ich lebe, hoffe und vertraue ich darauf, dass Japan sich weiter in mir entfaltet.

Ich bemühe mich jedenfalls, stets ein enthusiastischer, energiegeladener und loyaler Henro Michi zu sein.

Dieser Text ist ein gekürzter Auszug aus Michael Kennas Buch "Forms of Japan", das am 28. September im Prestel Verlag erscheint.

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insgesamt 20 Beiträge
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Seite 1
cousteau 15.09.2015
1. Unglaublich...
... was heute alles so verlegt wird. Echt schlechte Fotos.
csabyke 15.09.2015
2. Faszination Nippon
Ich war Ende August, Anfang September dieses Jahres in Japan.... Also bis vor 8 Tage! Ich war noch NIE von einem Land sooo beeindruckt wie von Japan! Ich freue mich schon wieder dort sein zu können!
nasanase11 15.09.2015
3. @cousteau
Lieber Cousteau, wo können die geneigten Leser, denn Ihre Werke bestaunen und beurteilen ?
cousteau 15.09.2015
4. @ nasanase11
Was Sie machen, kann ich auch. Also: Hinter Leser kommt kein Komma und vor dem Fragezeichen hat kein Leerzeichen zu sein. Und nun zu Ihrer Frage: Sie brauchen sich meine Fotos nicht anzuschauen, da ich keine besseren mache (aber doch ebenbürtige). Ich würde jedoch nicht auf die Idee kommen, die Welt damit zu belästigen! Glauben Sie mir, was Kenna da veröffentlichen lässt, nun, das ist bestenfalls durchschnittlich.
Tamaji 15.09.2015
5. Irreführend
Ich finde es ziemlich irreführend, wenn Japan der Stempel "einfach schön" aufgedrückt wird. Klar gibt es genügend schöne Plätze dort, um einen Fotobildband zu füllen, aber das dürfte bei jedem anderen Land ebenfalls der Fall sein. Wenn man Japan bereist, ist es nämlich gar nicht einfach, die schönen Plätze zu finden, da Japan als wahrscheinlich weltweit schlimmster "Construction State" ohne Rücksicht auf Verluste die Natur in Beton einfasst. Die Naturverbundenheit der Japaner ist ein ebenso hartnäckiger wie falscher Mythos. Es gibt in Japan kaum noch einen Bach, geschweige denn Fluss, der kein begradigtes Bett aus Beton bekommen hat. Die Küsten sind ebenfalls mit einem Betondeckel versehen worden, um sie "sicherer" zu machen. Dort wo keine Schwerindustrie angesiedelt ist, ist zumindest die natürliche Vegetation entfernt und durch Nadelhölzer ersetzt worden. Wer nach Kyoto kommt, wird geschockt sein von der Hässlichkeit dieses Aushängeschildes Japans. Das Problem ist einfach, dass die Japanische Gesellschaft seit den Meiji-Reformen versucht, den Westen nachzuahmen, und dabei leider vorwiegend die schlimmsten Auswüchse aufgegriffen hat. Nur fehlt jetzt das Geld und der Wille, wieder zurückzubauen, denn dort ist man immer noch davon motiviert, schneller, reicher, und größer als die verhassten Nachbarn zu sein. Der "Construction State", d.h. die Umleitung von Steuergeldern in riesige Bauprojekte (wie z.B. die Begradigung von Flüssen mittels Beton) ist immer noch im vollen Gange. Davon profitieren die Japanische Mafia, die die Baubranche fest in der Hand hat, und die Machthabenden, die sich die Vergabe der Projekte natürlich fürstlich bezahlen lassen. Alles in allem ein sehr trauriges Bild, dass sehr trefflich von Alex Kerr in seinen Werken "Lost Japan" und "Dogs and Demons" beschrieben und analysiert wird.
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