Für die Familie Smith fängt der Tag mit einem Sechser im Lotto an. So zumindest könnte man das Strahlen in den Augen der vier Familienmitglieder interpretieren, als der Ranger in den Korb greift, einen Zettel zieht und ihren Nachnamen vorliest. Was sie erwartet? Das vielleicht schönste Naturwunder des an Naturwundern nicht armen Südwestens der USA.
Jeden Morgen um 9 Uhr findet in der Ranger-Station westlich von Page, Arizona, eine ungewöhnliche Lotterie statt: Unter den Anwesenden werden Passierscheine für die sogenannte Wave verlost. Die versteinerte Sanddüne liegt einsam im Naturschutzgebiet Vermilion Cliffs National Monument, einem Hochplateau mit Wüstenklima, und ist ohne genaue Wegbeschreibung nicht zu finden.
Die einzige Chance auf eine Stippvisite ist eine der 20 begehrten "Permits": Zehn Zugangsberechtigungen werden vorab im Internet verlost, zehn können Naturliebhaber mit etwas Glück vor Ort ergattern. Heute werden von 28 Wanderern vor Ort 18 leer ausgehen - die Smiths hatten Glück. Nur noch sechs Permits, rechne ich mit. Wieder greift der Ranger in die Box, zieht einen Zettel und sagt dann: "Martin". Innerliches Jubeln, drei Zugangsberechtigungen für meine Freunde Jörg Reuther, Ralf Leistl und mich. Die Jagd auf Arizonas schönste Motive geht weiter.
Eine Stunde später haben wir Motorrad und Auto 20 Kilometer nordöstlich der Ranger-Station geparkt und marschieren los. Fußabdrücke in den sandigen Passagen zeigen uns, dass wir richtig sind, nach zwei Stunden haben wir als erste Gruppe die sanft geschwungenen farbigen Felswände der Wave-Düne erreicht. Der rote, gelbe und weiße Stein leuchtet im Licht der Junisonne - beste Bedingungen für ein paar gute Aufnahmen.
Mit Stativ in der Schlitzschlucht
Unsere Route führt uns zum Upper Antelope Canyon. In der von Navajo-Indianern verwalteten Schlucht östlich von Page erwarten uns Touristenmassen. Bis zu 3000 Besucher pro Tag werden durch den 400 Meter langen, aber teilweise nur einen Meter breiten, schlitzartigen Slot Canyon geschleust, wobei es immer wieder zu Blockaden und Staus kommt. Dazwischen befinden sich die Fotografen, die Stativ gegen Stativ um die besten Fotoplätze kämpfen und von Bildern träumen, die den Antelope Canyon einsam und erhaben zeigen.
Besonders an den bis zu 15 "beams" (englisch für Lichtstrahl) kommt es zu wüsten Szenen. Dieses Naturschauspiel ist in dieser Anzahl nur im Hochsommer mittags zu sehen, weil dann die Sonnenstrahlen nahezu senkrecht durch die enge Spalte zwischen den 40 Meter hohen Wänden bis auf den Boden des Canyons fallen. Das Lichtspektakel hat seinen Preis: Wer keine Tour vorgebucht hat, zahlt 39 US-Dollar. Hat man ein Stativ dabei - ein absolutes Muss -, findet man sich in einer Fototour für 46 Dollar wieder.
Fluss in Hufeisenform
Auf dem Highway 89 geht es weiter nach Süden, doch schon fünf Kilometer südlich von Page wartet ein weiteres Naturwunder, das von dem unscheinbaren Schild "Horseshoe Bend" angezeigt wird. 20 Minuten Fußmarsch vom Parkplatz genügen, um von einer Abbruchkante aus den spektakulärsten Blick auf den Colorado River zu bekommen. Krumm wie ein Hufeisen schlängelt sich der Fluss hier um eine Felsnase - wer das einmal gesehen hat, kann sich den Blick in den Grand Canyon sparen.
Nördlich von Flagstaff erklimmt der Highway 89 die 2000-Meter-Marke, die Wüste wird von Nadelwäldern abgelöst. Wir verbringen eine frische Nacht am Sunset Crater und fahren am nächsten Morgen auf dem Interstate 17 den Südabhang des Colorado Plateaus hinunter. Unten beginnt die Sonora-Wüste, die weite Teile Arizonas dominiert und tief nach Mexiko hineinreicht.
Wir wollen wissen, wie die Amerikaner mit ihren Wüsten umgehen. Zwar ist der Naturschutz einerseits vorbildlich, andererseits lassen sie keine Gelegenheit aus, die Wüste wirtschaftlich und militärisch zu nutzen. Dafür muss man gar nicht die Atomwaffentestgebiete in Nevada und New Mexico besuchen. Ein Blick nach Tucson in Arizona reicht.
Das trockene Wüstenklima und der harte Boden haben amerikanische Militärs veranlasst, neben einem Stützpunkt der U.S. Air Force einen zehn Quadratkilometer großen Parkplatz für über 4000 Militärflugzeuge einzurichten. Die "309th Aerospace Maintenance and Regeneration Group" ist das offizielle Lager für stillgelegte Luftfahrzeuge der US-Streitkräfte. Die B52-Bomber, Helikopter oder Jagdbomber werden entweder ausgeschlachtet oder einfach nur geparkt. Die Wüstenluft der Sonora bewirkt, dass die Korrosion der Flugzeuge auf ein Minimum beschränkt wird.
Stadt für Erwachsene
Das Klima war auch für Dell E. Web das Hauptargument, als er am 1. Januar 1960 die von ihm erdachte Sun City in Betrieb nahm. Er hatte inmitten der Wüste eine kreisförmige "Adult City" (zu Deutsch: "Erwachsenenstadt") gebaut, in der ausschließlich ältere Menschen leben sollten. Der Begriff umschreibt höflich, dass Kinder und Jugendliche als Bewohner nicht erwünscht sind. Das Mindestalter beträgt 55 Jahre, der Altersdurchschnitt liegt bei 75 Jahren. Acht Golfplätze und unzählige Physiotherapeuten und Ärzte halten die Bewohner fit.
Als wir mit verstaubtem Motorrad und Geländewagen durch die leeren Straßen rollen und besonders steril wirkende Häuser fotografieren, rufen Anwohner zweimal Polizisten herbei. Sie bitten uns, Sun City besser zu verlassen.
Von Tucson sind es 800 Kilometer auf dem Interstate 10 nach Los Angeles. Die Stunden auf dem Motorrad werden lang und nur unterbrochen von gelegentlichen Tank- und Kaffeestops. Am Wegesrand fotografieren wir ein paar Riesenkakteen: Bis zu 16 Meter hoch sind die und acht Tonnen schwer.
Abends sitzen wir am Feuer auf einem Campingplatz am Rande des Saguaro-Nationalparks. In der mondlosen Nacht spannt sich der Sommerhimmel über die Wüste. Sobald wir Los Angeles erreichen, werden Jörg und Ralf zurück nach München fliegen. Auf meiner Route liegt eine weitere Wüste - und Kälte: Das Ziel ist Ottawa, und dann die kanadische Arktis.
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