Fotosafari in Namibia Alpenglühen über Dünen

Surfer zieht es ans Meer, Skifahrer in die Berge - und Fotografen in die Wüste. Dort gibt es Natur pur, und das im schönsten Licht. Kerstin Walker lernte in einem Foto-Workshop die Kunst des richtigen Sehens - und Hochachtung vor der Farbenpracht der Wüstentiere Namibias.


"Dieser Schuss gehört mir." Dachte ich jedenfalls, bis ich feststelle, dass ich meine Kamera unerreichbar ganz hinten in der winzigen Cessna verstaut habe. Unter einer der vielen Reisetaschen meiner Workshopkollegen. Anfängerfehler. Mir bleibt nichts anderes übrig, als mit bloßem Auge zu betrachten, was das luftige Landschaftskino im Fenster des Flugzeugs zeigt. Sanft gerundete Kegeldünen, die wie Brüste aus Sand in den Himmel ragen. Und Baumkuchengebirge. Schicht auf Schicht stapeln sich die Gesteinsscheiben in Mokka- und Nougatbraun. In ihren Tälern ducken sich karge Gewächse in der Hitze. Auch schön. Und der Workshop beginnt ja eh erst morgen.

Etwa eine Flugstunde südlich von Windhuk liegt Wolwedans. Wo einst Wüstenhunde tanzten, liegen heute ebenholzfarbene Holzchalets und Canvas-Zelte zwischen Dünen. Luxuriöse Fly-in-Safaris werden hier geboten. Wir aber gehen die kommenden Tage auf Bilderjagd und entdecken die reizvolle Gegend mit der Kamera. Nach der Landung auf einer Schotterpiste empfängt uns Operi, der afrikanische Wüstenguide.

Er wird uns ins Sanddünengebiet führen, denn Operi kennt die Namib mindestens ebenso so gut wie den Inhalt von Eddies Handschuhfach – Eddie ist übrigens Operis Landrover, auch er übernimmt in den kommenden Tagen wichtige Aufgaben. Mit dem ausladenden Dach dient er uns als mobiler Sonnenschirm mit Vierradantrieb, Moto-Crossfahrzeug und Fotolabor in einem. Operi und er sind in der Wüste unverzichtbar.

Ungeheure Vielfalt an Tieren

Im Camp angekommen gibt uns Dionys Moser, Schweizer Workshop-Leiter, einen Vorgeschmack auf das, was uns erwartet. "Noch vor Sonnenaufgang fotografieren wir, da glüht die Wüste vor, und es entstehen die besten Bilder." Leider vergisst Dionys zu erwähnen, dass "früh raus" unter Fotografen genau genommen "mitten in der Nacht" bedeutet.

Um 3.30 Uhr am nächsten Morgen holt uns Operi ab, um uns auf einer ausgewählten Düne auszusetzen. Ein Ritual, das sich von nun an jeden Tag wiederholt. "Fotoreisen sind ein Bestseller," erzählt Dionys auf der Fahrt. "Die Leute wollen Natur pur entdecken, sie wollen aber auch etwas Neues lernen. Landschaften wie das Namib-Rand-Naturreservat sind dafür ideal." Dieses 200.000 Hektar große Naturschutzreservat im Südwesten des Landes hat offene Grenzen zu den Nachbar-Gebieten, dem Namib-Naukluft-Nationalpark und dem Nubib-Gebirge. Die Tiere ziehen ungehindert umher, das sorgt für ungeheure Vielfalt. Und durch die Größe des Wüstengebiets, die Menschenleere dieser Gegend wird ein nicht unangenehmes Gefühl von stiller Einsamkeit geweckt.

Dass so eine Reise aber auch richtig anstrengend ist, schreckt keinen meiner Workshopkollegen ab. Andreas, der für eine große Bildagentur arbeitet, findet sogar: "Eine Fotoreisegruppe ist auch nicht anders unterwegs als 'normale Reisende'" – wie er sie nennt. "Die zieht's vielleicht ans Meer, zum Surfen", philosophiert er. "Oder in die Berge zum Skifahren. Wir wollen auch nur eins. Und das ist Fotografieren, und zwar rund um die Uhr."

"Ob vielleicht deshalb Fotografen immer so lange an einer Stelle verweilen?", frage ich mich in den kommenden Tagen. Fotografieren heißt eben auch, das Gesehene doppelt zu erleben. Mit den Augen erfasst man das Ganze, die Details mit der Kamera. Das braucht Zeit, denn ein gutes Auge zu haben, ist die eine Sache. Zur rechten Zeit aber am richtigen Ort zu sein und dann noch Blende und Verschlusszeit richtig einzustellen, ist die andere.

Alpenglühen über den Dünen

Stative und Kameras stellen wir im Halbkreis im Sand auf. Im Dunkeln werden Filme eingelegt, die Objektiv gereinigt und angeschraubt. Wir sind bereit. Andreas, beruflich eher auf das Ablichten von Popstars spezialisiert, kommentiert die beginnende Lightshow des Morgenhimmels: "Es kommt, es kommt, lueg mal." Langsam tasten feuerrote Strahlen über die Bergkette. "Das Alpenglühen", witzelt Dionys, "und wer hat's erfunden?" Genau, die Schweizer. Er korrigiert unsere Einstellungen und dreht und wendet Stative wie Bratspieße überm Feuer.

"Der Ausschnitt ist das Wichtigste", sagt Dionys. "Ohne Bildkomposition werden eure Fotos nur Erinnerungsbilder." "Bildkomposition", sinniere ich, während ich aufmerksam durch meinen Sucher spähe. Wie tiefgrüne Knöpfe auf einem Kleid sitzen Kameldornbäume im Sand. Orange schimmernde Dünen mit kessen Straußengrasmützen wellen sich bis an den Horizont. Mal wird die eine, mal die andere vom Sonnenlicht gefärbt. Klick, macht mein Auslöser. Und während ich durch meinen Sucher äuge, biegen sich auch die anderen eiförmig gekrümmt vorm Stativ oder robben durchs Straußengras.

Später, als die Sonne zu hoch steht, beschränkt sich unsere Motivjagd auf Objekte, denen die gleißende Mittagssonne nichts anhaben kann. Riesige Webervogelnester zum Beispiel, die wie schlaff im Baum hängende Teddys aussehen. Oder Köcherbäume. Kaktus-ähnliche Gewächse, mit Blüten wie kleine Cheerleader-Pompons. Operi verrät uns, dass ihre mit Wasser gefüllten Stämme sogar einen Verdurstenden retten könnten.

"Rock'n'Roll", ruft Dionys am Abend, "die Pixel tanzen Rock'n'Roll." Auf dem digitalen Kamera-Display von Kollege Hardy taucht eine wahre Farbexplosion auf. Mit Kamera und Stativ stehen wir parat, als sich nach Sonnenuntergang ein wahrer Disco-Himmel über der Wüste zeigt. An die anschließende Vorlesung über das Verhältnis der Blende zur Verschlusszeit fehlt mir allerdings jede Erinnerung. Meine Belichtungszeit ist nämlich deutlich überschritten, und nur eine Mütze Schlaf kann das in Ordnung bringen.

Bizarre Baumruinen im Tal des Dicken

Am darauffolgenden Morgen rasen wir vier Stunden mit den Geländewagen durch die Wüste, zum Naturpark Sossusvlei. Heute steht die Nordwand-Besteigung von Big Daddy auf dem Programm. Die 400 Meter hohe Düne erklimmen wir trotz saunaähnlicher Temperaturen, um vom Grat auf das berühmte Dünenmeer von Sossusvlei zu schauen. Allerdings erweist es sich als sehr kippeliges Unternehmen, dort Stative zu verankern. Im Tal des "Dicken" wabert heiße Luft über der Lehmkruste. Bizarre Baumruinen ragen in den Himmel, und ich ahne: Wenn es eine Fata Morgana gibt, werde ich sie hier sehen.

Erst viele verknipste Filme später steuern wir zusammengesunken unter Eddies Sonnendach heim, zurück zur Wolwedans Lodge. Doch da, gleich neben der Reifenspur bewegt sich ein buntes Etwas! Als ich mein erstes Chamäleon entdecke, vergesse ich glatt das Fotografieren. Pink, orange und braun gesprenkelt stakt der bauchige Geselle durch den Sand, den Ringelschwanz in die Luft gereckt wie einen Henkel. Sein prächtiges Dessin ließe eine Designertasche vor Neid erblassen! Auch meine Foto-Kollegen sind beeindruckt. Sie lassen sich in Sekundenschnelle vom Wagen fallen, umzingeln das erstarrte Tierchen und drücken mehrfach ab.

In meiner Lodge lege ich dann die vollen Filme zu denen des vergangenen Tages. Jetzt sind sie mein kostbarstes Gut, ich werde sie hüten und später, während des Fluges, bei mir tragen, wie es die Profis machen. Ob die Fotos etwas geworden sind? In einigen Tagen werde ich es wissen. Dann wird sich zeigen, ob der Ausschnitt stimmte, das Licht und vor allem: meine Bildkomposition. Und ich frage mich: Was, wenn die Bilder nicht perfekt sind? Die Antwort ist simpel. Es wären eben wunderbare Erinnerungsbilder.



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