Fototour in die Antarktis Buckelwal am Boot

Im Zodiac-Schlauchboot zu Pinguinen und Walen: Auf einer Antarktis-Kreuzfahrt kommt der Fotograf Michael Martin wilden Tieren extrem nah - und staunt über die unfassbare Vielfalt an Blautönen im ewigen Eis.

Michael Martin

Ich sitze im Schnee und blicke minutenlang auf die Bucht von Neko Harbour an der Westküste der Antarktischen Halbinsel. Rechter Hand schiebt sich ein gewaltiger Gletscher ins Meer, im Wasser schwimmen Eisberge, es ist windstill. Ein friedliches Bild, denn es zeigt einen winzigen Ausschnitt jenes Kontinents, der als einziger vom Menschen derzeit nicht ausgebeutet und zerstört wird. Es gibt keine Ölbohrungen, keine Minen, keine Fabriken, keine geteerten Straßen auf Antarctica. Noch ist der siebte Kontinent durch den Antarktisvertrag und verschiedene Zusatzabkommen vor der Zerstörung geschützt.

Die fast unberührte Schönheit der Natur ist dann auch der Grund für die meisten der jährlich 50.000 Touristen, die beschwerliche Reise in die Antarktis anzutreten. Ich bin auf dem russischen Forschungsschiff "Akademik Ioffe", das im Südsommer von dem kanadischen Reiseunternehmen OneOceanTours gechartert wird, von Südamerika zur Antarktischen Halbinsel gekommen. Nach zwei rauen Seetagen habe ich nun in Neko Harbour zum ersten Mal den Kontinent selbst, Antarctica genannt, betreten.

Ich bitte die kanadische Zodiac-Fahrerin Liz, mit mir in einem Schlauchboot die Bucht zu erkunden. Zwei russische Fotografen schließen sich an, wir können jetzt die Eisberge ganz nach unseren fotografischen Bedürfnissen anfahren. Riesig ist die Palette der Blautöne, die je nach den Druckverhältnissen im Eis zart oder intensiv ausfallen.

Da jederzeit große Stücke von den Eisbergen abbrechen und diese sogar zum Kentern bringen können, müssen wir einen gewissen Sicherheitsabstand einhalten. Dann fahren wir auf die 30 Meter hohe Kante eines Gletschers zu und schalten in respektvollem Abstand den Außenbordmotor ab. Nach kurzem Warten bricht ein gewaltiger Eisblock vom Gletscher ab und stürzt tosend ins Meer. Sekunden später erfassen die Schockwellen unser Boot und lassen es auf dem null Grad Celsius kalten Wasser tanzen.

Enormer Anstieg der Temperatur

Die Fließgeschwindigkeit der Gletscher und damit die Häufigkeit der Kalbungen hat auf der Antarktischen Halbinsel rapide zugenommen, stieg doch die Jahresmitteltemperatur aufgrund des weltweiten Klimawandels in den letzten Jahrzehnten um drei Grad, weltweit einer der höchsten Werte. Die Auswirkungen sind bei der Tier- und Pflanzenwelt bereits zu sehen. Den Adelie-Pinguinen ist es an dem nördlichen Landzipfel mittlerweile zu warm geworden, sie haben ihre Kolonien weiter nach Süden verlegt, an ihre Stelle traten Zügel- und Eselspinguine. Manche geschützte Küstenstreifen werden inzwischen von einem satten Grün überzogen.

Anders sieht es in küstenfernen Regionen, insbesondere in der Ostantarktis aus. Hier ist kein Temperaturanstieg zu verzeichnen, mancherorts sogar ein Rückgang der Jahresmitteltemperatur. Das Abschmelzen des antarktischen Inlandeises mit einem dadurch verursachten weltweiten Anstieg des Meeresspiegels von bis zu 60 Meter wird also nicht in absehbarer Zeit stattfinden. Der Hauptgrund hierfür liegt in der Existenz des circumpolaren Stroms, der Antarctica quasi isoliert.

Abends überrascht uns die freundliche und kompetente russische Crew mit einem Barbecue auf dem Achterdeck der "Akademik Ioffe". Es gibt Wodka und gegrilltes Fleisch, die Stimmung ist bald ausgelassen. Nachts hat es zu schneien begonnen, so dass die Anlandung am nächsten Morgen in Orne Harbour nicht ganz einfach ist. Dort steht ein steiler Aufstieg auf eine Klippe bevor.

Krill als wertvolle Nahrung

Ich schleppe zwei Stative sowie Foto- und Videoausrüstung im Tiefschnee nach oben, weil auf der Klippe eine Kolonie Zügelpinguine lebt. Fast hätte ich die schwarzweißen, mit 50 Zentimeter Körperlänge ausgesprochen kleinen Pinguine übersehen, die vom Schnee zugeweht zwischen den Felsen kauern. Ich stelle meine Stative aus, fotografiere und filme abwechselnd und harre länger als die anderen insgesamt 60 Passagiere bei den Pinguinen aus. Die scheinen sich trotz eisigen Winds und heftigen Schneefalls wohl zu fühlen.

Als gute Kletterer fällt es ihnen leicht, zur Nahrungsaufnahme ins Meer abzusteigen. Ihre Hauptnahrung ist der Krill, genauer gesagt Euphesia superba, eine vier bis sechs Zentimeter große Leuchtkrebsart, die gerade mal ein bis zwei Gramm wiegt und doch als die Schlüsselspezies des antarktischen Ökosystems gilt. Krillschwärme können in der Antarktis bis zu mehrere Kilometer breit sein, auf einen Kubikmeter Wasser kommen in den Schwärmen bis zu 50.000 Tiere. Nicht nur für Pinguine, sondern auch für Vögel, Robben und Wale stellt Krill die wichtigste Nahrungsquelle dar.

Am Nachmittag steuert die "Akademik Ioffe" die kleine Insel Cuverville vor der Danco-Küste an. Von der nahen Gerlache-Straße driften Eisberge heran und laufen zwischen ihr und der Nachbarinsel Rongé auf Grund. Manche der Eisberge stranden und liegen wie schmelzende Grabsteine an der steinigen Küste. Ich bin wieder einmal gebannt von der Schönheit und Unberührtheit von Antarctica.

Nach den Landgängen gehe ich meist in meine Kabine, sichere und sichte meine Bilder, dann steht meist auch schon eine Mahlzeit an. Die Abende gehen mit projizierten Naturfilmen oder Vorträgen von Wissenschaftlern und einem Besuch in der Bar meist schnell vorbei. Einerseits schätze ich die bequeme und letztlich einzig bezahlbare Reiseart mit dem Schiff, anderseits vermisse ich es, selbst Entscheidungen zur Reiseroute und zu den Lagerplätzen treffen zu können. Die Lockerheit des kanadischen Teams und die bunte Zusammensetzung der Passagiere tragen aber dazu bei, dass ich keinen Kreuzfahrtkoller bekomme.

Wale direkt neben dem Schlauchboot

Am nächsten Morgen steuern wir die Wilhemina-Bucht an. Die 25 Kilometer große Ausbuchtung in der Küstenlinie der Antarktischen Halbinsel liegt im Süden der Gerlache-Straße und ist für ihre landschaftliche Schönheit bekannt. Leider sind die 2000 Meter hohen Berge in den Wolken, doch unsere Aufmerksamkeit wird durch zwei Buckelwale gefesselt, die einen Stunde lang zwischen den Zodiac-Schlauchbooten umherschwimmen.

Die bis zu 15 Meter langen und bis zu 30 Tonnen schweren Meeressäuger kommen bis auf einen Meter an die Boote heran, umschwimmen die Boote, tauchen unter ihnen hindurch, um dann wieder plötzlich aus dem Wasser aufzutauchen. Die schönsten Fotomomente erlebe ich, wenn für den Bruchteil einer Sekunde eine Schwanzflosse in die Luft ragt.

Auch die Buckelwale ernähren sich hauptsächlich von Krill, der mit Hunderten Barten aus dem Wasser gesiebt wird. Nach dem Ende des Sommers werden sie in ihre Winterquartiere in Äquatornähe schwimmen. Von den einst 100.000 Buckelwalen auf der Südhalbkugel haben die Walfänger noch wenige tausend Exemplare übriggelassen. Seit 1966 ist ihre Jagd verboten.

Abends nehmen wir Kurs auf die südlichen Shetland-Inseln im Nordwesten der Antarktischen Halbinsel. Ziel ist die Deception-Insel, deren große Caldera auf vulkanische Aktivität hinweist. Der schwarze Lavasand, das neblige Wetter und die Überreste einer alten Walfangstation schaffen eine bedrückende Atmosphäre.

In der Antarktis setzte die Jagd auf Wale im industriellen Maßstab Anfang des 20. Jahrhunderts ein, nachdem die Bestände auf der Nordhalbkugel erschöpft waren. 1,4 Millionen Wale wurden in antarktischen Gewässern erlegt, was beinahe zu ihrer Ausrottung führte. Neben dem Walfang-Bann in der Antarktis verbot ein 1991 unterzeichnetes Umweltschutzprotokoll den Abbau von Rohstoffen für 50 Jahre. Es bleibt zu hoffen, dass der Ressourcenhunger der Menschheit niemals dazu führen wird, dass die reichhaltigen Rohstoffe der Antarktis ausgebeutet werden. Noch ist die Antarktis das letzte intakte Ökosystem der Erde.



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