Fototour nach Ladakh: Schöner Pass!

Von Michael Martin

Mehr als 5000 Meter hohe Pässe, spektakuläre Gebirgsseen: Die Region Ladakh im Transhimalaja ist ein Paradies für Fotografen - wenn das Wetter mitspielt. Wer hier perfekte Bilder mit nach Hause nehmen will, muss schon mal mitten in der Nacht aufstehen.

Ladakh in Indien: Traumlandschaften in der Einsamkeit Fotos
Michael Martin

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Am Kabinenfenster zischen kahle Felswände vorbei, dann geht es in eine steile Linkskurve. Der zwischen Sechstausendern eingezwängte Flughafen von Leh ist unter indischen Piloten nicht zuletzt wegen seiner Höhenlage gefürchtet, die den Auftrieb der Flugzeuge herabsetzt. Rumpelnd setzt die kleine Boeing 737 auf dem 3500 Meter hoch gelegenen Rollfeld auf. Ladakh empfängt uns mit tiefblauen Himmel und angenehmen Herbsttemperaturen.

Ein Taxi bringt meine Freundin Corinna und mich ins Silvercloud Guesthouse, dessen großer Garten ein einziges Blütenmeer darstellt. Wir mieten einen unverwüstlichen Mahindra-Geländewagen samt Fahrer, der uns am nächsten Morgen abholen soll, und vertreiben uns den Nachmittag mit einem Rundgang durch Leh. Wir besuchen den über der Stadt thronenden Palast, in dem bis 1830 die königliche Familie lebte. Beim weiteren Aufstieg zur noch höher gelegenen Namgyal Tsemo Gompa geht uns allerdings bald die Luft aus. Die Höhenlage von Leh macht uns zu schaffen. Viele Reisende klagen hier in den ersten Tagen über Kopfschmerzen und andere Frühsymptome der Höhenkrankheit.

Vom Königspalast aus beobachten wir ein Polospiel auf dem mitten im Ort gelegenen Sandplatz. Es ist Teil des Ladakh-Festivals, das jeden September in Leh stattfindet. Den Abend verbringen wir in einem der vielen Rooftop-Restaurants, dessen Publikum fast ausschließlich aus jungen europäischen Rucksackreisenden besteht. Sie kommen auf das Dach der Welt, um zu trekken oder die tibetisch-buddhistische Kultur Ladakhs zu erleben. Für mich ist die Reise Teil meines weltweiten Fotoprojektes "Planet Wüste", das Trocken- mit Eiswüsten vergleicht.

Trockenheit der Reliefwüste

In Ladakh und in Spiti ist es trockener als in vielen anderen Wüsten der Erde. Der Grund ist die Lage im Regenschatten des Himalaja-Hauptkammes, der die regenbringenden Monsunwolken fernhält. Geografen sprechen von einer Reliefwüste. Hinzu kommt die meeresferne Lage inmitten des asiatischen Kontinents. Ladakh ist geografisch Teil des sogenannten Transhimalajas und wird im Süden und Westen von den Himalajariesen, im Norden und Osten vom tibetischen Hochplateau begrenzt.

Unser erstes Ziel ist der Tso Pangong, der größte der zahlreichen Seen im Osten Ladakhs. Die einsame Region ist der westliche Ausläufer des Changtang-Plateaus, das weite Teile Tibets einnimmt. Die Route dorthin folgt zunächst dem Industal und führt dann über den 5300 Meter hohen Chang La, einen der höchsten Pässe der Welt. Unser Fahrer Nasir steuert den indischen Geländewagen routiniert durch die engen Kurven, und bald sitzen wir auf der Passhöhe im angeblich "Highest Cafe of the World" und schlürfen Chai-Tee.

Die Ostrampe des Passes führt durch Traumlandschaften, die Nachmittagssonne scheint vor einem dunkelblauen Himmel, dazu schweben äußerst fotogen weiße Wolken über den schneebedeckten Sechstausendern. Drei Stunden nach Verlassen von Leh sind wir am Ufer des Tso Pangong. Der 4300 Meter hoch gelegene See ist 150 Kilometer lang und nur vier Kilometer breit, zwei Drittel seiner Fläche liegen in Tibet. Wir folgen seinem Südufer und finden Unterschlupf in einem Gästehaus, in dem wir zusammen mit einem indischen Ehepaar die einzigen Gäste sind.

Die Hauptreisezeit in Ladakh ist Juli und August, obwohl der September normalerweise das stabilste Wetter und Herbstfarben zu bieten hat. Leider ist davon nächsten Morgen nichts zu merken. Dichte, hohe Wolken sind aufgezogen, die Sonne ist verschwunden und mit ihr die Farben. Nasir und Corinna versuchen mich aufzuheitern, doch für Fotografen ist derartiges Wetter eine mittlere Katastrophe.

Häuser im tibetischen Stil

Wir überqueren noch einmal den Chang La und folgen dann dem Industal weiter nach Osten. Unser nächstes Ziel ist der See Tso Moriri an der tibetischen Grenze. Straße und Fluss teilen sich das enge Tal, an dessen Hängen kein Grashalm zu finden ist. Ab und zu ermöglicht das Induswasser kleine Oasen, an denen hohe, schon herbstgelbe Pappeln stehen. Die Häuser sind hier fast ausschließlich im traditionellen tibetischen Stil erbaut.

An den heißen Quellen von Chumathang überqueren wir den Indus und fahren durch ein kleines Seitental nach Süden. Zum Glück kommt nun die Sonne immer wieder minutenweise durch die Wolken und taucht die Wüstenlandschaft in interessantes Licht. Ich halte Ausschau nach den Zelten der Khampa-Nomaden, die in dieser Region umherziehen, doch außer ein paar Pferden sind keine Lebewesen zu sehen. Im letzten Licht erreichen wir dass Nordufer des Tso Moriri.

Ein Checkpoint der Indian Army überprüft das sogenannte Inner Line Permit, das man in Leh für das Grenzgebiet besorgen muss. Wir folgen dem Westufer ein paar Kilometer nach Süden bis zur Ortschaft Korzok. In dem kleinen Ort gibt es in den Sommermonaten das "Nomadic Life Camp", das geräumige Zelte und gutes Essen bietet. Das können wir gut gebrauchen, denn das Wetter ist inzwischen ungemütlich.

Bei eisigem Wind steigen Corinna und ich am nächsten Morgen auf eine Hochfläche oberhalb des Sees. Dorthin haben sich die Khampa-Nomaden mit ihren Herden zurückgezogen. Nach einer Stunde Marsch erreichen wir ihre Zelte. Immer wieder bin ich beeindruckt von der Fähigkeit der Nomaden, in derart extremer Umgebung zu überleben. Zu enormer Trockenheit kommt hier noch die Kälte der Wintermonate, die sie Ende September zwingt, das Lager abzubrechen und die Ziegen, Yaks und den Hausrat mit Lastwagen in eines der umliegenden Dörfer zu verfrachten.

Beste Bedingungen in der Nacht

Vom Tso Moriri geht es auf kleinen Pisten zum Salzsee Tso Kar, drei Fahrstunden weiter westlich. Der ist jedoch nicht besonders spektakulär, das Wetter ist immer noch bewölkt. Wir schlagen unser Zelt am Ufer auf, meine Stimmung ist angesichts des Wetters miserabel. Nachts werde ich vom Mondschein geweckt, der durch die dünne Zelthülle fällt. Es hat aufgeklart! Der heftige Wind hat die meisten Wolken vertrieben. Sofort ziehe ich mit dem Stativ zu einem nahen Chörten und fotografiere den weiß getünchten Kultbau des tibetischen Buddhismus im Mondlicht. Bei Belichtungszeiten von 30 Sekunden und mehr ergeben die restlichen Wolken und die wandernden Sterne interessante Effekte. Ich vergesse die Zeit, erst die Morgendämmerung setzt meinen Bilderserien ein Ende.

Ich wecke Corinna und Nasir, noch vor Sonnenaufgang geht es weiter. Jetzt bin ich bestens gelaunt, trotz weniger Stunden Schlaf. Wir werden heute den Himalaja bei Traumwetter überqueren. Wir sind 100 Kilometer südlich von Leh auf den Manali-Leh-Highway eingebogen, eine einspurige, mit Schlaglöchern übersäte Straße, die den Himalaja überquert. Am frühen Vormittag erklimmen wir die Nordrampe des Lachlung La, mit 5060 Metern der zweithöchste Pass der spektakulären Strecke.

Nach dem tagelang schlechten Wetter koste ich das gute Fotolicht voll aus. Unser armer Fahrer Nasir muss alle paar Meter anhalten und warten, bis Fotos und Filmszenen belichtet sind. Die Landschaft ist weiter ohne jeden Bewuchs, bis wir uns dem Tagesziel Keylong nähern. Plötzlich tauchen erste Bäume an den Steilhängen auf, bald fahren wir durch dichten Bergwald! Die südlicheren Regionen der Strecke Leh-Manali werden vom sommerlichen Monsun erreicht, die Wüste ist damit schlagartig zu Ende.

Wir finden in Keylong ein nettes Guesthouse und sitzen bei angenehmen Temperaturen bis Mitternacht im Obstgarten und trinken Minztee. Wir können uns in diesem Moment überhaupt nicht vorstellen, dass eine halbe Tagesreise entfernt, im Tal von Spiti, die Wüste wieder beginnen soll.

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insgesamt 3 Beiträge
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1. Wunderschön
Layer_8 27.09.2011
Zitat von sysopMehr als 5000 Meter hohe Pässe, spektakuläre Gebirgsseen: Die Region Ladakh*im Transhimalaja*ist ein Paradies für Fotografen - wenn das Wetter mitspielt. Wer hier perfekte Bilder mit nach Hause nehmen will, muss schon mal mitten in der Nacht aufstehen. http://www.spiegel.de/reise/fernweh/0,1518,788476,00.html
Ich hab damals den Bus von Manali nach Leh genommen. Anfang Juli 1998. Am ersten Pass, der Rotang Pass ist Indien de fakto zuende. Danach, hinterm nächsten Pass (über 4000 m Höhe) die Übernachtung im Zeltlager. Am nächsten Tag nochmal 2 Pässe, wobei der letzte über 5000 m hoch liegt. Ausgerechnet da oben hatte der Bus ne Panne. Ausgestiegen und hab einen kurzen Schwächeanfall bekommen. Nach 3 Stunden gings dann weiter, runter nach Leh. Der erste Blick sagte mir schon: Ich bin hier eigentlich nicht mehr in Indien. Dies war ein ganz anderes Land. Die hatten sogar Mülltrennung! Nach weiteren 3 Tagen Akklimatisierung an die Höhe gings dann mit verschiedenen Trekkingtouren los. Insgesamt 2 Monate. Bis auf 6000 m Höhe. Werde diesen Trip nie vergessen
2. Dil se
bunterepublik 27.09.2011
Spielt nicht ein Teil von Dil Se in Ladakh? Eine herrliche Region....
3. vor einem Jahr...
Prashanta 27.09.2011
... war es da schon schön :)! Wollten eigentlich dort trekken gehen, aber weil es selbst unten in Leh schon für die Sommerzeit teilweise recht ungewöhnlich schlechtes Wetter war, ließen wir das dann doch bleiben. Bereute ich das am Anfang noch ein wenig, konnte ich kurze Zeit später doch davon ausgehen, das richtige getan zu haben, da Wandernde auf eisigen Höhen festsaßen und selbst Leh von Sintflutartigen Regenfällen großen Schaden erlitt, während es auch in Pakistan zu großen Überschwemmungen kam. Scheinbar hatten aber nicht nur wir mit dem Wetter ein wenig Pech... unseren Reisebericht kann man auch bei www.umdiewelt.de nachlesen: http://www.umdiewelt.de/Asien/Indischer-Subkontinent/Indien/Reisebericht-5301/Kapitel-16.html http://www.umdiewelt.de/Asien/Indischer-Subkontinent/Indien/Reisebericht-5301/Kapitel-17.html
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Elfriede Fischer

Michael Martin, 1963 geboren, ist Diplom-Geograf und renommierter Wüstenfotograf. Der Münchner hat seit seinem 17. Lebensjahr 150 Wüstenreisen unternommen und darüber mehr als 20 Bücher veröffentlicht, darunter auch das in sechs Sprachen erschienene "Die Wüsten der Erde".

Martins neues Projekt: ein Vergleich zwischen Eis- und Trockenwüsten. Dafür besucht er die wichtigsten Eiswüsten der Nord- und Südhalbkugel und ihre Bewohner. Er wird mit Hunde- und Motorschlitten, per Schiff und Flugzeug und - wo immer möglich - mit dem Motorrad unterwegs sein.
www.michael-martin.de


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