Als Frau allein unterwegs "Iran ist das gastfreundlichste Land, das ich kenne"

Zwei Monate lang reiste Helena Henneken allein durch Iran. 80 Einladungen, 390 Gläser Tee und 28 Gastgeschenke später ist sie fasziniert von dem Land. Im Interview erzählt sie von strikten Regeln und Nächten im Frauenmatratzenlager.

Helena Henneken

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Zur Autorin
  • Benjamin Nadjib
    Helena Henneken, 1977 in Paderborn geboren, ist weit und viel gereist: von Kolumbien bis Feuerland, durch Usbekistan, Kirgisien, Indien, Bhutan und Indonesien. Wenn sie zu Hause in Hamburg ist, arbeitet sie als Coach und Kommunikationsberaterin. Das Buch "They would rock" über ihre 59-tägige Iran-Reise hat sie gemeinsam mit der Designerin und Filmemacherin Frizzi Kurkhaus gestaltet.
  • Homepage von Helena Henneken
SPIEGEL ONLINE: Wie haben Ihre Freunde reagiert, als Sie von Ihren Reiseplänen nach Iran erzählten?

Henneken: Einige sagten: "Iran? Wie spannend!" Aber diese Stimmen waren eindeutig in der Unterzahl. Viele Freunde oder Bekannte fragten verständnislos: "Ausgerechnet Iran?" Die meisten verbinden mit dem Land eher Düsteres, die politischen Schlagzeilen. So ging es mir auch. Ich wollte aber gerne mehr über die Menschen dort erfahren.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind allein gereist. Wussten Sie, worauf Sie sich einlassen?

Henneken: Das Allein-Unterwegssein hatte ich auf einer Weltreise vor ein paar Jahren schon geprobt und wusste: Das kann ich gut. Und in den meisten Ländern gibt es ja eine ausgezeichnete Backpacker-Infrastruktur. In Iran nicht, daher waren meine Reisevorbereitungen gründlich. Ich habe Sachbücher und Reiseführer gelesen, sechs Wochen lang Farsi-Sprachunterricht genommen, iranische Filme geguckt. Und ich habe mit mir selbst eine Abmachung getroffen: Sollte ich merken, dass die Reise blauäugiger Quatsch ist, kehre ich um und fahre in die Türkei.

SPIEGEL ONLINE: Frühzeitig abgereist sind Sie nicht. Im Gegenteil, Sie haben Ihr Touristenvisum sogar verlängert und waren zwei Monate allein auf Achse. Immer mit einem guten Gefühl?

Henneken: Immer. Klar, man sollte seinen gesunden Menschenverstand nicht ausschalten und ein Gespür dafür haben, wann Grenzen überschritten sind. Aber ich habe mich nie unwohl gefühlt. Der große Vorteil am Alleinreisen ist: Man ist viel offener, wird öfter angesprochen und eingeladen. Und genau das liebe ich am Reisen: die unerwarteten Begegnungen und Gespräche mit Fremden.

SPIEGEL ONLINE: Sie erzählen in Ihrem Buch von Begegnungen mit Hauptstädtern in Teheran, kurdischen Dorfbewohner, Mullahs, anarchistischen Studenten, Künstlern oder Hausfrauen. Während 59 Reisetagen kamen Sie auf über 80 Einladungen - war so viel Gastfreundschaft und Interesse nicht auch anstrengend?

Henneken: Einsam habe ich mich jedenfalls fast nie gefühlt. Iran ist das gastfreundlichste Land, das ich je kennengelernt habe. Ständig haben mich Wildfremde auf der Straße, im Supermarkt oder im Park angesprochen. Mindestens mit einem überschwänglichen "Welcome to Iran". Oft folgte eine Einladung. In einem Dorf wurde ich fünf Tage lang herumgereicht. Nie durfte ich mithelfen, und Gastgeschenke funktionieren in Iran umgekehrt: Der Gastgeber nimmt nichts an, dafür wird der Gast beschenkt. Ich habe Armbänder, CDs, Bildbände, ein pinkfarbenes T-Shirt mit Glitzersteinen und Handyanhänger bekommen, die mich immer noch oft an die Menschen und eine fantastische Reise zurückdenken lassen.

SPIEGEL ONLINE: Als westlicher Besucher fällt man in Iran auf - nicht nur freundlichen Gastgebern. Das Land ist ein Überwachungsstaat. Hatten Sie je das Gefühl, beobachtet zu werden?

Henneken: Nein. Natürlich habe ich viele Geschichten gehört und mich immer wieder gefragt, ob ich einfach zu naiv bin und bloß nicht merke, dass ich beobachtet werde. Auch war ich sehr erstaunt, wie offen die Iraner nicht nur in den eigenen vier Wänden, sondern auch in aller Öffentlichkeit, zum Beispiel im Sammeltaxi, über Politik sprechen. Das hatte ich nicht erwartet. Mein Eindruck ist: Trotz strikter Regeln nehmen sich viele ihre Freiheiten, und einiges wird toleriert.

SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel?

Henneken: Satellitenschüsseln sind zwar offiziell verboten, aber trotzdem weitverbreitet und gut sichtbar an vielen Häusern angebracht. Facebook oder Twitter sind offiziell gesperrt - aber wenn ich die Liste meiner Facebook-Freunde durchgehe, habe ich mehr iranische als deutsche Kontakte. Auch die Kleiderordnung der Frauen hat mich überrascht. Gläubige tragen weite Mäntel und achten darauf, dass keine Haarsträhne unter dem Kopftuch zu sehen ist. Andere bedecken ihr Haar nur, weil es das Gesetz verlangt. Sie legen sich ihr Kopftuch als modisches Accessoire auf den Hinterkopf und ziehen, sobald sie das Haus verlassen, ziemlich eng anliegende Mäntel über ihre westliche Kleidung.

SPIEGEL ONLINE: Ohne Ärger mit der Sittenpolizei zu bekommen?

Henneken: Lockere Outfits schienen zur Zeit meiner Reise im Frühjahr 2013 okay zu sein. Iranische Bekannte in Deutschland haben mir erklärt, dass es immer auf die politische Stimmung ankommt: Mal hält das Regime die Zügel lockerer, dann wieder straffer.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind kreuz und quer durch das Land gereist. Wie haben Sie sich fortbewegt, wo haben Sie übernachtet?

Henneken: Ich bin vor allem mit öffentlichen Verkehrsmitteln gereist. In Überlandbussen, Zügen oder Sammeltaxis. Das ging problemlos. Manchmal habe ich in Hotels übernachtet, häufiger aber bei Iranern zu Hause. Sie räumten für mich das beste Zimmer des Hauses, oder ich bekam einen Platz zwischen Omas und Enkelinnen im Frauen-Matratzenlager im Wohnzimmer. Das war toll und gar nicht seltsam. Oft war übrigens auch die Verständigung auf Englisch kein Problem.

SPIEGEL ONLINE: Ihren von vielen Fotos flankierten Reisebericht liest man in persischer Leserichtung, man blättert von links nach rechts. Gewidmet ist das Buch all den Iranern, die Sie in ihr Leben eingeladen haben, die ihre Geschichten und Gedanken mit Ihnen, der fremden Deutschen, geteilt haben. "They would rock" haben Sie das Buch genannt...

Henneken: Angelehnt an das, was eine 16-Jährige zu mir sagte: "If my people lived in another country, they would rock!" - "Wenn Iraner in einem anderen Land lebten, sie würden rocken." Für mich rocken sie allerdings schon heute!

In den kommenden Wochen nimmt Helena Henneken Sie mit auf ihre Reise durch Iran. Wir veröffentlichen Auszüge aus ihrem Reisetagebuch "They would rock".

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insgesamt 110 Beiträge
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Seite 1
dadanchali 21.06.2014
1. nee
Zitat von sysopHelena HennekenZwei Monate lang reiste Helena Henneken allein durch Iran. 80 Einladungen, 390 Gläser Tee und 28 Gastgeschenke später ist sie fasziniert von dem Land. Im Interview erzählt sie von strikten Regeln und Nächten im Frauenmatratzenlager. http://www.spiegel.de/reise/fernweh/frau-reist-allein-in-iran-helena-henneken-ueber-buch-they-would-rock-a-975682.html
Gastfreundschaft mag die schöne eine Seite der Medaille sein. Religiöser Irrsinn und seine abstrusen Auswüchse die Andere.
guy.brush 21.06.2014
2. Schön!
Die gleichen Erfahrungen habe ich auch 2012 in diesem Land gemacht und bis heute bin ich verliebt in den Iran! Toll, dass hier auch mal solche Beiträge liest und nicht nur die typische Medienhetze, welche zu so vielen Vorurteilen in meinem Bekanntenkreis und auch bei mir geführt hatten.
soldev 21.06.2014
3.
Zitat von sysopHelena HennekenZwei Monate lang reiste Helena Henneken allein durch Iran. 80 Einladungen, 390 Gläser Tee und 28 Gastgeschenke später ist sie fasziniert von dem Land. Im Interview erzählt sie von strikten Regeln und Nächten im Frauenmatratzenlager. http://www.spiegel.de/reise/fernweh/frau-reist-allein-in-iran-helena-henneken-ueber-buch-they-would-rock-a-975682.html
Respekt! Als Frau hätte ich wohl einige Bedenken gehabt und wäre nicht hin gefahren. Meine Erfahrungen im Iran decken sich aber wirklich mit dem Geschrieben. "Sprich ja keine Kinder oder Frauen an!" wurde mir eingebleut - meist haben mich Frauen und Kinder von sich aus angesprochen, während der Mann/Vater am Anfang noch etwas abseits stand. Das mit Einladungen ist wirklich erstaunlich, wenn es auch irgendwann anfängt zu nerven. Man hat kaum mal einen Moment für sich alleine, ist immer umringt von freundlichen Menschen und bekommt an allen Ecken und Enden was geschenkt. Der Getränkelieferwagen hält an und man darf sich was aussuchen, der Angler am See packt einem Fische ein, Gemüse von Bauern, gefrorenes Obst gegen die Hitze usw. usw. Ich werde dort definitiv noch einmal hin fahren, denn der letzte Besuch war nur Transit nach Turkmenistan...
federzinkenkultivator 21.06.2014
4. Iran-die uralte Kulturnation
Verwechsle niemand das Mullahregime und seine Funktionäre mit der großteils sehr gebildeten und, wie beschrieben, seiner überaus gastfreundlichen Bevölkerung. Jeder Besucher aus einer freien Welt wird herzlich willkommen geheißen und dann stundenlang ausgefragt.
AuchNurEinNick 21.06.2014
5.
Zitat von dadanchaliGastfreundschaft mag die schöne eine Seite der Medaille sein. Religiöser Irrsinn und seine abstrusen Auswüchse die Andere.
Ja, das bezweifelt ja auch niemand, dass der Iran eine Menge aufzuholen/zu ändern hat. Die Frage ist doch aber erstmal, wie steht der Iran eigentlich im Vergleich zu seinen Nachbarn dar? Und ehrlich, da steht der Iran im Vergleich ziemlich gut dar. Vielleicht sollten wir uns mal überlegen, ob es wirklich mit unseren Werten zu vereinbaren ist, Saudi-Arabien zum Freund zu erklären und gleichzeitig den Iran zur Achse des Bösen zu rechnen. Im Vergleich zu Saudi-Arabien herrschen im Iran geradezu paradiesische Zustände und nein, dass heisst nicht, dass ich alles gut finde was da so läuft. Bestimmt tue ich das nicht.
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