Frauen reisen in Indien "Noch nirgendwo so oft belästigt"

Begafft, betatscht, im schlimmsten Fall vergewaltigt: Wer als Frau allein durch Indien reist, geht Risiken ein. Drei junge Journalistinnen, die monatelang auf dem Subkontinent unterwegs waren, berichten von ihren Erfahrungen.

TMN

Siola-Cinta Panke, 28, Journalistin und Reisebloggerin in Köln

Siola-Cinta Panke

Als ich im Januar 2013 nach Indien gereist bin, war ich wohl das erste Mal seit langem voreingenommen. Die Geschichte einer jungen Frau, die in Neu-Delhi vergewaltigt wurde, hatte kurz zuvor Schlagzeilen gemacht. Ich habe versucht, rational zu bleiben. Vergewaltigungen ereignen sich leider täglich überall auf der Welt. Dennoch hat die Dominanz der Berichterstattung über diesen Fall mein Gefühl für die tatsächliche Gefahr, der ich mich aussetzen könnte, multipliziert.

Ich habe mir daher vorher Gedanken gemacht, wie ich mich im Notfall schützen könnte: Ich nahm billigen, unechten Schmuck mit, eine Trillerpfeife, abgelaufene Kreditkarten. Am Ende hat das alles nur meiner Beruhigung gedient. Denn schon nach den ersten Tagen in Indien war mir klar, dass man sich auf so ein Land nicht wirklich vorbereiten kann. Und ich habe mich nur noch auf eins verlassen: mein Bauchgefühl. So riesig Indien ist, so verschieden sind die Menschen und Eigenheiten in den einzelnen Regionen.

Was alle Orte gemein hatten: Überall verfolgten einen Blicke mit einer Mischung aus Neugier und Skepsis, überall wiegen die Menschen ihre Köpfe ständig zwischen den Schultern hin und her. Schnell war die Rollenverteilung klar: Ich fotografiere eine Sehenswürdigkeit, während die Inder mich fotografieren. Wer an Busbahnhöfen aussteigt, ist schnell umzingelt von recht aufdringlichen Touranbietern und Rikschafahrern. Da hilft oft nur konsequentes Ignorieren.

Einmal musste ich nachts in den Bus nach Rishikesh wechseln. Und so fand ich mich um 3 Uhr morgens in einem kleinen Ort auf einer dunklen Straße wieder, umringt von Rikschafahrern, die meinen Rucksack ungefragt quer über den Busbahnhof schleppten. Wilde Gesten, Ratlosigkeit auf beiden Seiten, alle Inder zeigten in verschiedene Richtungen, schließlich das große Kopfwiegen. Am Ende sorgten die Männer dafür, dass ich den Bus zwei Straßen weiter nicht verpasste.

Während meiner gesamten Zeit habe ich mir eine Grundskepsis erhalten, bin in der Gruppe mit Nachtzügen gefahren und habe Rikschas, wenn möglich, an der Hotelrezeption bestellt. Aber Indien ist chaotisch. Situationen, auf die man sich nicht vorbereiten kann, sind unausweichlich. Indien hat etwas Chamäleonhaftes. Häufiger als in anderen Ländern weiß man selbst als erfahrene Reisende nicht, ob es sich um eine harmlose Situation handelt oder ob man sich lieber schnellstmöglich zurück aufs Hotelzimmer begibt.

Am Ende sollte man Indien meiner Ansicht nach nicht voreingenommen, aber mit Rücksicht aufs Bauchgefühl bereisen. Dann wird man das Land von seiner einzigartigen, schönen und unbeschreiblichen Seite erleben.

Katharina Finke, 28, Journalistin in New York und Berlin

Debora Mittelstaedt

Vor genau zwei Jahren bin ich zum ersten Mal nach Indien gereist. Dort fielen mir zunächst die vielen Männer auf den Straßen auf und wie sich mich anstarrten. Da ich dort mit meinen blonden Haaren und der hellen Haut eindeutig als Westlerin erkennbar bin, war das wenig überraschend. Auch das Hinterherrufen, Pfeifen und Anmachen, das ich aus anderen Ländern kannte, nahm ich zunächst nicht so ernst.

Doch als ich das erste Mal mit dem Bus fuhr, musste ich miterleben, dass das Verhalten hier zu weit ging. Eng eingepfercht, umzingelt von Männern, grapschte mich einer von ihnen an. Der Schock war noch nicht verdaut, da klebte schon die nächste Hand an meinem Hintern. In den Gesichtern anderer Männer lüsterne Blicke. Ich stieg sofort aus. Eine indische Journalistin, die wesentlich schlimmere Erfahrungen gemacht hatte, empfahl mir dann, in Neu-Delhi die Frauenwaggons der U-Bahn zu nutzen.

Meine Reise führte mich weiter in den Nordwesten nach Rajasthan. Während meiner Zugfahrt dorthin wurde ich immer wieder ungefragt fotografiert und angefasst. Dabei achtete ich ganz bewusst auf mein Verhalten gegenüber Männern. Ein weiterer Rat der Journalistin: nicht in die Augen gucken, nicht lächeln - sonst würde das als direkte sexuelle Aufforderung verstanden.

Ich versuchte, auf den Boden zu starren und keine Miene zu verziehen. Gar nicht so einfach. Vor allem als ich in Jaipur auf einmal mitten in kulturelle Festlichkeiten geriet. Wieder Menschenmassen mit hohem Männeranteil. Es dauerte nicht lang, da kam eine Gruppe auf mich zu und griff an meine Brüste.

So viele Belästigungen hatte ich noch auf keiner anderen Reise erlebt. Umso erleichterter war ich, als sie zumindest gen Süden des Landes ein wenig abnahmen. Doch das änderte nichts daran, dass sie mir im Gedächtnis blieben und ich daher vielen davon erzählte. Es beschäftigt mich nach wie vor so sehr, dass ich in den nächsten Wochen erneut nach Indien reisen werde, um darüber zu berichten. Ich finde es sehr wichtig, den Frauen dort zu helfen.

Stella Brikey, 28, Journalistin in Hamburg

Stella Brikley

Ich weigere mich, dieses Land, in dem ich die schönste Zeit meines Lebens verbracht habe und auf so viel Warmherzigkeit und Gastfreundschaft gestoßen bin, als die "Frauenhölle" zu bezeichnen, als die sie gerade in der Presse geschildert wird.

Während meiner sechsmonatigen Reise in Indien habe ich mir aber einen aufrechten Gang angewöhnt. Ich habe gehofft, dass das einschüchternd auf indische Männer wirkt. Besonders Hartnäckige ("Madam, photo pleeease!") habe ich durch ein lautes "Muje akela chordo!" ("Lassen Sie mich in Ruhe!") abgeschreckt.

Während einer Zugfahrt in der "Sleeper Class" war ich einmal die einzige Frau in einem Sechserabteil, in dem ausschließlich indische Männer saßen. Mitten in der Nacht merkte ich, dass einer von ihnen onanierte und mich dabei ansah. Obwohl er merkte, dass ich entsetzt war, machte er einfach weiter. Ich habe mich dann auf die Suche nach Hilfe gemacht. Tatsächlich alarmierte die Frau, die ich fand, sofort den Schaffner und sorgte dafür, dass der Inder an der nächsten Haltestelle den Zug verlassen musste.

Danach habe ich für längere Fahrten oft Zweckgemeinschaften mit anderen Touristen gebildet, die ich in meinen Hotels kennengelernt hatte, oder direkt einen Platz im Frauenabteil gebucht. Nach Einbruch der Dunkelheit schloss ich mich meist mit anderen Urlaubern zusammen, um gemeinsam zu Abend zu essen. Das war nicht nur sicherer, sondern auch unterhaltsamer.

Trotzdem habe ich mich in Indien niemals unsicher oder bedroht gefühlt. Aus manchen Begegnungen haben sich sogar einige der interessantesten Bekanntschaften meines Lebens entwickelt.

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