Apnoe-Tauchen in Mexiko Platz auf der Wolke

Tief hinab ins dunkle Blau, ohne schwere Tauchausrüstung, und sich eins fühlen mit der Natur: Der Franzose Julien Borde hat seinen perfekten Ort zum Freitauchen gefunden - in den Cenoten von Yucatan.

Julien Borde / pranamayamexico.com

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Jeder Freitaucher ist auf der Suche nach dem perfekten Ort. "Als ich in Yucatan ankam, wusste ich, dass ich ihn gefunden hatte", sagt Julien Borde. Der 33-Jährige steuert den roten Pick-up über die Landstraße, setzt den Blinker, schlägt scharf nach links ein und bremst. Der Wagen kommt vor einem rostigen Tor mit Vorhängeschloss zum Stehen.

Wie aus dem Nichts schlurft ein mittelalter, dunkelhaariger Mann heran, öffnet. Julien streckt ihm ein paar Pesos entgegen. Der Mann dankt und zieht sich schläfrig auf eine Hängematte zurück - während ein halbes Dutzend Wachhunde die Ankömmlinge im Auge behalten.

Julien parkt den Wagen neben anderen unter Bäumen. Der Gastgeber scheint öfter Besuch zu erwarten: Es gibt Sanitäranlagen, tischhohe Ablageflächen, Erklärtafeln, Warnhinweise. Über Schotter und Wurzeln hinweg führt ein schmaler Pfad in den Dschungel - bis zu einem Wasserloch. Luftblasen zerplatzen an der Oberfläche.

Das Tauchen in den Kalksteinhöhlen der mexikanischen Halbinsel ist seit den Achtzigern populär. Besitzer sogenannter Cenoten, wie die kraterähnlichen, wassergefüllten Einbruchsstellen im Gelände heißen, haben sich darauf eingerichtet: Sie leben von den unzähligen Tauchschulen, die ihre Kundschaft aus den wuchernden Touristenorten zu den Wasserlöchern entlang der karibischen Küste kutschieren. Menschen mit schwerem Gerät - schwitzende Leiber, die kiloschwere Pressluftflaschen buckeln.

Sonnenstrahlen im Krater

Julien hingegen trägt einen Gurt mit Gewichten über dem Neoprenanzug, Flossen unter dem einen, eine große Boje unter dem anderen Arm, in der Hand die Maske. Mehr nicht. "Manche Cenotenbesitzer sehen uns an, als wenn wir völlig verrückt wären", hat er festgestellt und wirkt dabei ausgesprochen entspannt.

Freitaucher wie Julien sind hier noch Exoten. Seit sieben Jahren lebt der gebürtige Franzose in Mexiko, vor drei Jahren hat er sich als Apnoe-Ausbilder selbstständig gemacht und gehört damit zu den Pionieren dieses Sports. Die Cenoten, davon ist er überzeugt, könnten in naher Zukunft Dahab in Ägypten oder dem französischen Nizza Konkurrenz machen - als einer der bedeutendsten Freediving-Plätze der Welt.

Die Wasserstelle schimmert grünlich. Das Sonnenlicht fällt an diesem späten Vormittag direkt in ihre Mitte. Julien spannt ein Seil quer über das Wasserloch und befestigt daran die Boje. Von ihr aus wollen sich die Freitaucher in die Tiefe gleiten lassen. Der Einstieg ist erfrischend, doch die Sonne wärmt rasch durch das dunkle Neopren. Blaugrün bis Türkis schimmert das Wasser nun, die Sonnenstrahlen dringen tief hinein in den Krater.

Bis vor wenigen Jahren kamen vor allem erfahrene Freitaucher hierher - auf der Jagd nach neuen Rekorden. Dabei machen es die Cenoten selbst Anfängern leicht. Die Bedingungen sind perfekt: Ganzjährig 24 bis 25 Grad warmes Wasser, keine Strömung, keine Wellen. Dafür spektakuläre Sichtweiten auch in größerer Tiefe. Und schließlich die Aussicht darauf, am Grund etwas ganz Besonderes zu entdecken.

Er selbst habe mit dem Freitauchen in den Cenoten begonnen, erzählt Julien, weil es Plätze gebe, die zu abgelegen seien, um dorthin eine Tauchausrüstung mitzunehmen. Dann sei ihm klar geworden, dass er das Tauchen auf diese Weise viel mehr genieße. "Ohne die Ausrüstung fühle ich mich noch mehr mit dem Ort verbunden. Die Cenoten sind großartig, um zu entspannen. Es ist so leicht, darin eins mit der Natur zu werden."

Ankunft in Avalon

Ein Seil, stramm gezogen von Gewichten, verläuft senkrecht in die Tiefe. Der weiße Strick ist lange gut zu erkennen - bis in etwa 30 Meter, da verschwindet er scheinbar im Nichts. Der Schein einer Lampe offenbart in dieser Tiefe eine seltsame Szenerie: wie eine Wolke, aus deren Mitte Baumgerippe ragen. Kahle Äste in milchigem Nebel - ein Ausflug wie in die Imagination von König Artus' Avalon. Bei etwa 33 Metern wird das Wasser wieder glasklar; dies zu erkennen allerdings bedarf künstlichen Lichts, denn unter der Wolke ist es stockfinster. Zeit, umzukehren. Zurück ans Licht. Zur Luft.

Die mystische Unterwasserlandschaft ist das Ergebnis einer chemischen Reaktion. Das leichtere Süßwasser oben trifft auf darunter befindliches Salzwasser. Dazwischen wabert eine Sulfat-Schicht, in die hinein die aufgetürmten Reste all dessen ragen, was je in dieses Wasserloch hineinfiel. Cenoten sind Zeitkapseln, sie konservieren Skelette aus der Eiszeit genauso wie Opfergaben der Mayas, denen die Frischwasserquellen als Tor zur Unterwelt galten.

"Meine Liebe zu den Cenoten kam auch mit der Vielfalt", sagt Julien. Manche Wasserlöcher beinhalten kathedralenartige Höhlengewölbe, in denen gigantische Tropfsteinformationen einzigartige Kulissen bilden. Tausende solcher Cenoten gibt es auf der Halbinsel Yucatan - viele davon sind bislang noch unbekannt. Nach all den Jahren, die er nun schon hier sei, schwärmt Julien, bekomme er immer noch Neues zu sehen.

Das Schwierigste sei, diese Plätze zu finden. Doch die Suche danach in diesem fast undurchdringlichen Dschungel ist wahrscheinlich eine der aufregendsten Erfahrungen, die Taucher und Naturliebhaber machen können. Bleibe nur eines: Man nehme sich einen einheimischen Führer, Machete und Kompass.

Fürs Erste aber genügt ein geländegängiger Wagen. Und jemand am Steuer, der sich auskennt. Und eine Handvoll Pesos.

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insgesamt 6 Beiträge
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dasbeau 01.06.2015
1. Blender
Um die Natur scheint es ihm weniger zu gehen, sonst würde er nicht Aussagen tätigen wie: "Ich versuche, das Gebiet so bekannt wie möglich zu machen". Hoffentlich gelingt ihm das nicht! So einen Tauchtourismus wie in Ägypten hat Yucatan nicht verdient. Es reicht schon das fürchterliche Cancún, das zwar Geld in die Region bringt, von den Einheimischen dennoch verflucht wird.
paulrevere 01.06.2015
2. immer weiter!
schade, dass wieder einmal eines der letzten intakten ökosysteme durch mediale berichterstattung an den abgrund geführt wird. noch weiter, noch höher, noch entlegener ... wann hört dieser wahnsinn auf?! die menschen um julien borde sind erfahrene taucher, die keine riffe verschmutzen, oder sonstigen schäden anrichten. was bzw. wer dann diesen sportlern nacheifert und welche folgen das hat, weiß jeder. die welt hat es sich verdient einige geheimnisse für sich zu behalten.
kuschl 01.06.2015
3. Bloß nicht!
Mal ganz abgesehen davon, daß ich vom Apnoetauchen gar nichts halte, hoffe ich daß die Cenoten deren Wasserqualität außerordentlich empfindlich reagiert, von der industriell durchgeführten Taucherei verschont bleiben. In die Cenoten gehören keine tiefengeilen Seilraufundrunterraser, sondern besonnene tarierfähige Disziplintaucher, die sich der Empfindlichkeit dieses Ökosystems bewusst sind. Ich habe selten so ruhige und eindrucksvolle Tauchgänge max zu dritt erlebt.
k70-ingo 01.06.2015
4.
Zitat von paulrevereschade, dass wieder einmal eines der letzten intakten ökosysteme durch mediale berichterstattung an den abgrund geführt wird. noch weiter, noch höher, noch entlegener ... wann hört dieser wahnsinn auf?! die menschen um julien borde sind erfahrene taucher, die keine riffe verschmutzen, oder sonstigen schäden anrichten. was bzw. wer dann diesen sportlern nacheifert und welche folgen das hat, weiß jeder. die welt hat es sich verdient einige geheimnisse für sich zu behalten.
Ach was, als ob ein SPON-Artikel eine derartige Wirkung erzielen könnte. Nein, keine Bange, da passiert nichts.
wakaba 02.06.2015
5.
@Kuschl: Freediving hat viele Ausprägungen. Die Tauchtouristen sind immer am gleichen Riffabschnitt. Anfüttern und tatschen machen die Wenigsten. Entsprechend wenig geht kaputt. Wir ankern unser Boot an weitentfernten Riffen. Da gibts viel zu sehen. Deep blue tauchen mit Walen ist wunderschön. Locals freediven und fischen mit dem Speer. Uncool wenn Touris das tun. Es gibt viele Varianten des Freediven, spannendste ist alleine am Offshore Riff Speertauchen. Extremes Apnoetauchen ist eher eine psychiatrische Auffälligkeit und ein Gesundheitrisiko. Es ist oft ein narzistisches High. So nach 2-3x bei ca. 30m und 2 Min 30 Dauer sollte Schluss sein. 15m kann man aber den ganzen Tag machen. Locals mit generationslanger Erfahrung machens so. Gestern hats einen erfahrenen Speerfischer auf Big Island erwischt. Harpunierter Baby-Schwertfisch hat sich umgedreht und Brustbein durchstochen. Vor zwei Wochen wurde eine erfahrene Freediverin in Maui in 10m Tiefe von einem Tiger zerfetzt. Freediven ist atemberaubend. Wer das Risiko kennt und einschätzen lernt verbringt eine wundervolle Zeit im Ozean.
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