Floreana im Galapagos-Archipel Dschungelcamp mit tödlichem Finale

Sie suchten ein Paradies und fanden den Tod: Auf die kleine Galapagosinsel Floreana flüchteten deutsche Aussteiger vor der Wirtschaftskrise in Europa. Ein Drama aus Liebe, Eifersucht und Neid begann.

DPA

Von Elian Ehrenreich


Meeresechsen staksen über die Kaimauer, ein Pelikan balanciert in seinem beachtlichen Schnabelsack einen Fisch, Seelöwen dösen auf dem Steg. Gleich hinter der bröckelnden Betonbrücke am Hafen Puerto Velasco Ibarra thront auf einem schwarzen Marmorblock die überlebensgroße Büste eines Mannes, gewidmet "Don Rolf Wittmer", dem ersten auf Floreana geborenen Insulaner.

Es beginnt zu regnen, wie so oft hier. Die tief hängenden Wolken stauen sich am 640 Meter hohen Cerro Pajas und umhüllen stets die kleine Insel am südlichen Rand des Galapagos-Archipels in Ecuador. Das ist es also, das etwas düstere Ende der Welt. Denn "hinter" Floreana kommt nur noch das endlose Nichts des Pazifiks - und dann nach gut 3500 Kilometern die zu Chile gehörende Osterinsel.

Der Hundert-Seelen-Ort wirkt verschlafen, die wenigen Besucher ziehen weiter zum Strand. Im El Oases de la Baronesa wischt ein Angestellter die Tische trocken. Der Name des Restaurants erinnert an das Drama, das vor über 80 Jahren Floreanas Ruf als "Todesinsel" begründete. Im Mittelpunkt: die selbst ernannte Baronesse Eloise Wagner de Bousquet aus Österreich.

Mitte 1933 ließ sich die "Baronesse" mit zwei Liebhabern hier nieder. Doch auf dem kleinen Eiland lebten bereits zwei andere Aussteigerparteien: zum einen der aus dem Badischen stammende Arzt Friedrich Ritter, der im September 1929 mit seiner Geliebten Dore Stauch aus Berlin auf die Insel kam. Zurück ließ er seine Frau, seine von der Wirtschaftskrise erschütterte Heimat, seine bürgerliche Existenz - die "Zwangsjacken der Zivilisation". Die beiden liefen überwiegend nackt herum, wollten sich zudem ausschließlich pflanzlich ernähren.

Zum anderen war da Heinrich Wittmer, ein ehemaliger Mitarbeiter des Kölner Oberbürgermeisters (und späteren Kanzlers) Konrad Adenauer, der zusammen mit seiner Geliebten, der 14 Jahre jüngeren, hochschwangeren Margret, und ihrem Sohn aus erster Ehe, dem 14-jährigen Harry ausgewandert war.

Mieden sich bereits Ritter und Witmer auf der nur 16 Kilometer breiten und 18 Kilometer langen Insel weitgehend, so war es nach dem Eintreffen der Baronesse mit dem Aussteigeridyll endgültig vorbei. Die Frau aus Österreich meldete umgehend Besitzanspruch auf die einzige Quelle an und ließ sich in amerikanischen Magazinen als "Kaiserin von Floreana" feiern.

Der Fluch von Floreana

Zwei Kilometer außerhalb des Dorfes steht am Schotterweg ein schlichtes Holzschild: "Campo Santo de Floreana" - Friedhof. Hier liegen sie einträchtig nebeneinander - die Wittmers, Ritter und viele Neu-Insulaner, die erst seit den Fünfzigerjahren auf der Insel lebten. Nicht zu finden ist indes das Grab der Baronesse. Im März 1934, nicht einmal ein Jahr nach ihrer Ankunft, verschwanden sie und ihr Liebhaber Robert "Bubi" Phillipson spurlos.

Zuvor hatte es Streit mit dem Zweit-Lover Rudolf Lorenz gegeben, der sich als Arbeitssklave missbraucht und im Vergleich mit "Bubi" von der Baronesse zurückgesetzt fühlte. Da zu diesem Zeitpunkt kein Schiff die Insel ansteuerte, hatte das Paar die Insel Floreana nicht verlassen. Gab es also einen Unfall? Oder war es Mord? Jeder hätte als Täter infrage kommen können: Lorenz, aber auch Ritter, Dore Strauch und die Wittmers.

Lorenz verließ die Insel, erlitt aber Schiffbruch und verdurstete jämmerlich auf der wasserlosen Nachbarinsel Marchena. Ritter, eigentlich Vegetarier, starb nach dem Verzehr verdorbenen Hähnchenfleischs. Im Todeskampf hauchte er seiner Freundin Strauch zu: "Ich verfluche dich im letzten Augenblick…" Ihre Liebe war längst erloschen. Dore Strauch kehrte zurück nach Deutschland und starb dort bald an einer Herzerkrankung.

Zurück auf Floreana blieben nur die Wittmers. Tragische Todesfälle geschahen weiterhin: Heinrichs Stiefsohn ertrank 1951 bei einem Bootsunfall - gerade einmal 33-jährig. Sein Vater starb zwölf Jahre später mit 73 Jahren plötzlich an einem Gehirnschlag. Ingeborg Floreana, Tochter der Wittmers, heiratete 1957 Mario Garcia, den neuen Hafenmeister. Der verschwand bei einem Jagdritt auf der Insel spurlos, die Leiche fand man nie.

Es sind Geschichten wie diese, die Floreanas Ruf als Insel des Todes begründen. Auch später noch, in den frühen Sechzigerjahren, geschah Unerklärliches: Eine Gruppe US-Amerikaner wanderte im Hochland, dabei blieb eine Frau zurück. Ein Stein drückte in ihrer Sandale. Monate später fand man ihre Leiche im dichten Busch - Todesursache ungewiss.

Die letzte Siedlerin

Direkt am Strand aus schwarzem Lavasand, wo es sich über Rochen und Hammerhaien gut schnorcheln lässt, liegt die Wittmer Lodge. "Hat et jeränt?", fragt die 79-jährige Frau in der Küche im breitesten Kölsch. Es ist Ingeborg Wittmer, in Kittelschürze und mit hochgesteckten grauen Haaren, die letzte Überlebende der ersten Siedlergeneration. Mit ihrer Tochter bewirtschaftet sie das Hotel. Ihr älterer Bruder Rolf, dem das Denkmal am Hafen gilt, starb vor vier Jahren.

Der Speisesaal mit dem Panoramafenster mit Meeresblick sieht aus wie ein Museum. Viele alte Gebrauchsgegenstände - Kohlenbügeleisen, eine Schreibmaschine, Schelllackplatten und Koffergrammofon - verströmen den Geist der Dreißigerjahre.

Es gehört nicht viel Fantasie dazu, sich vorzustellen, wie die Baronesse zum knarzenden Grammofonsound von Arthur Rebners Evergreen "Salome" tanzte. Oder wie der kurzsichtige Friedrich Ritter dicht über die "Torpedo TW" gebeugt seine Artikel in die Tasten hämmerte. In ihnen schilderte er in schillernden Farben seine Robinsonade für Illustrierte in der Heimat, mit Überschriften wie "Berliner Nudistenpaar auf der Paradiesinsel".

Fragen nach dem Drama vor 80 Jahren blockt die alte Dame brüsk ab. "Lesen se dat Buch meiner Mutter", sagt sie und verweist auf den kleinen Hotelshop, wo es für 25 Dollar ausliegt. "Oder schauen se sich unsere Chronik an der Wand an. Mehr jebt et net zu sachen", murmelt sie. Es wird wohl für immer ein Geheimnis bleiben, was sich hier vor über 80 Jahren tatsächlich abgespielt hat - am düsteren Ende der Welt.

Elian Ehrenreich ist freier Autor bei SPIEGEL ONLINE. Die Reise wurde unterstützt von Silversea Cruises.

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insgesamt 31 Beiträge
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Seite 1
Sabin Chen 17.12.2015
1. die Überschrift
und ich dachte schon RTL hatte ein Drama bei den Dreharbeiten zu verzeichnen.. sehr interessanter Artikel.
sinchez 17.12.2015
2. Und hier die filmische Zusammenfassung..
The Galapagos Affair: Satan Came to Eden
semaphil 17.12.2015
3. ein bißchen zu viel ...
aufgeblasen wirkt diese Geschichte. Wenn der Autor ehrlich wäre, müsste er zugeben, daß die ganze Welt ein Todesplanet ist, auf dem beinahe jede Sekunde jemand stirbt. Weder auf der Insel, noch auf dem Planeten ist es eine Besonderheit, wenn ein 73-jähriger ( gnädigerweise ) an einem Gehirnschlag stirbt.
maxg68 17.12.2015
4. Das sollte verfilmt werden!
Sehr interessanter Artikel, der die verklärende Welt einer Aussteigerinsel ernüchternd entlarvt. Verfilmen bitte!
dschingele 17.12.2015
5. Alter Hut diese Geschichte
Das Thema ist nicht neu - da gibt es einen tollen Wikipedia-Eintrag, ein Buch aus 2013 und auch einen Film aus 2014. Warum man dann noch eine Reise teilfinanziert (insbesondere da die Ereignisse 80 Jahre in der Vergangenheit liegen) erschließt sich mir nicht. Was soll so eine Reise auch bringen? Ich fahre demnächst in den Urlaub und melde mich dann auch noch einmal wegen Teilfinanzierung...
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