Galápagos-Inseln: Kuriositäten-Show der Natur

Von Helge Bendl

"Lonesome George" hatte keine Partnerin, doch allein war die verstorbene Riesenschildkröte nicht: Galápagos-Touren boomen, Hunderttausende erleben jedes Jahr die zauberhaften Welt der Drusenköpfe und Blaufußtölpel. Mit den Besucherzahlen wachsen die Sorgen der Naturschützer.

Galápagos-Inseln: Abschied vom einsamen George Fotos
Helge Bendl

Mit der Einsendung erklärt der Absender, dass er die Rechte an den Fotos besitzt, mit der Veröffentlichung einverstanden ist und die Allgemeinen Nutzungsbedingungen akzeptiert.

* optional

Vielen Dank!
Ihr Tipp wurde gespeichert - in wenigen Minuten können Sie ihn auf der Karte sehen.

Tipp mitteilen

Facebook Twitter Tipp versenden
Beitrag melden

Begründen Sie knapp, warum es mit diesem Beitrag ein Problem gibt.

Hier geht's zur großen Reise-Weltkarte

Natürlich schwindelt Tomala ein wenig. Als ob man hier, 177 Jahre nach dem Besuch von Charles Darwin, mal eben noch eine neue Art entdecken könne. Oder als ob eine Fahrt ins Ungewisse anstünde, wenn man Galápagos besucht. "Das ist keine normale Reise", sagt Socrates Tomala bei der Begrüßung seiner Gäste, "wir sind hier auf einer Expedition."

Tomala ist Chef-Guide der Luxusyacht "Isabela II". Er übertreibt zwar ein bisschen, ganz die Unwahrheit sagt er aber auch nicht. Seine Gäste reisen zwar sehr komfortabel - nach den Inselausflügen warten Drinks und eine klimatisierte Kabine -, doch auf Galápagos darf sich jeder Besucher noch heute als Entdecker fühlen.

"Islas encantadas" nennen Schwärmer den Archipel, "verwunschene Inseln" in der Weite des Pazifiks. In den Korallenwäldern unter und den Kakteenwäldern über Wasser, in den Vulkankratern und Lagunen, an den Stränden und in der Luft gibt die Natur ihre Kuriositäten-Show an 365 Tagen im Jahr. Hier, direkt am Äquator, watscheln Pinguine neben Flamingos über Lavafelder. Beim Schnorcheln tauchen pechschwarze Meerechsen mit scharfen Krallen auf, die zum Frühstück allerdings keine Hammerhaie verschlingen, sondern als genügsame Vegetarier nur Algen abweiden.

Galápagos für alle

Ein selbstbewusster Blaufußtölpel balzt, weil er anscheinend die Schnürsenkel der Wanderschuhe ziemlich sexy findet. Dinosauriergleich starren einen später Drusenköpfe an, Landleguane, die furchterregend aussehen, aber selbst ohne Furcht sind. Respekt hat nur die Art Homo sapiens, wenn plötzlich ein paar junge Seelöwen angerobbt kommen, die möglicherweise nicht bloß spielen wollen. War Charles Darwin ähnlich aufgeregt, als er 1835 mit der HMS "Beagle" eintraf?

Er hatte zumindest nicht so viel Gesellschaft wie die heutigen Besucher. Im Jahr 1990 war es mit rund 40.000 Touristen, die den 1000 Kilometer westlich von Ecuador gelegenen Archipel meist per Schiff erkundeten, noch vergleichsweise ruhig auf Galápagos. 2011 kamen 185.000 Besucher, wieder einmal ein neuer Rekord - obwohl die Unesco das Weltnaturerbe bereits von 2007 bis 2010 auf die Rote Liste gesetzt hatte, um auf die Bedrohung des Ökosystems durch eingeschleppte Arten und ungezügelten Tourismus aufmerksam zu machen.

Um sich das Logo des Galápagos-Nationalparks in den Pass stempeln zu lassen, muss man keine Luxuskreuzfahrt mehr buchen, die auf der "Isabela II" für fünf Tage knapp 3000 Dollar kostet. Auf den vier bewohnten Inseln gibt es Zimmer mit Klimaanlage und Bad schon für 15 Dollar - da können auch Backpacker einige Zeit lang ausharren. Galápagos ist demokratisch geworden. Steigen allerdings die Besucherzahlen wie in letzter Zeit, werden in acht Jahren 400.000 Touristen die Inseln besuchen - das wären dann zehnmal mehr als noch 1990.

Satellitenüberwachte Kreuzfahrtschiffe

Die Zahl der Kreuzfahrtschiffe ist begrenzt, die Kabinenzahl wurde schon vor Jahren gedeckelt - Wachstum auf dem Wasser ist also nicht mehr möglich. Auf der Brücke der "Isabela II" hat Kapitän Richard Robalino immer die Uhr im Blick: Seine Gäste müssen stets pünktlich wieder an Bord sein, dann geht es weiter zur nächsten Station. "Die Nationalparkverwaltung schaut uns genau auf die Finger: Wir werden per Satellit überwacht, ob wir Route und Zeitplan einhalten."

Auch er darf wegen einer seit Februar geltenden Verschärfung der bisherigen Regeln den gleichen Ort innerhalb von 14 Tagen nur einmal besuchen. Wissenschaftler wollen so sicherstellen, dass immer nur maximal so viele Besucher die Inseln betreten, wie das jeweilige Ökosystem verträgt.

Die Vorgaben bei Landgängen sind streng. Die Nationalpark-Guides predigen unaufhörlich: "Kein Essen mitnehmen, nichts anfassen, nichts mitnehmen - und immer auf dem markierten Weg bleiben." Alle Galápagos-Schiffe tanken schwefelarmen Schiffsdiesel und fahren nicht mit Schweröl wie die großen Kreuzfahrtschiffe, die in Mittelmeer oder Karibik unterwegs sind.

Was passiert, wenn sich ein Schiffseigner nicht an die Vorgaben hält? Verstöße werden laut dem Kapitän geahndet: "Schwarze Schafe bekommen eine Verwarnung, dann die Rote Karte - und die Lizenz ist futsch." Etablierte Gesellschaften wie der Reiseveranstalter Metropolitan Touring, der in den sechziger Jahren zu den Pionieren des Galápagos-Tourismus zählte und heute unter anderem die "Isabela II" betreibt, leisten sogar mehr, als sie müssten. In Allianzen mit Naturschutzorganisationen und dem Nationalpark haben sie Methoden zur Trennung von Müll und der Verwertung von Altöl erarbeitet.

"Wir zerstören, was die Touristen suchen"

Wie sich der Tourismus an Land entwickelt, wird dagegen kaum kontrolliert. Inzwischen gibt es bereits doppelt so viele Betten an Land wie auf dem Wasser, doch noch immer wird gebaut. Doch die Gemeinden auf Galápagos haben bis heute weder eine verlässliche Trinkwasserversorgung noch Kläranlagen. "Wir sind das einzige Hotel, das sein Abwasser effektiv reinigt. Es ist danach wieder so sauber, dass wir es für die Bewässerung des Gartens nutzen können", sagt Roque Sevilla, dessen Firma Metropolitan Touring auch das Finch Bay Eco Hotel in Puerto Ayora besitzt. "Bei allen anderen fließt das Abwasser ungeklärt in die Erde - und irgendwann auch ins Meer."

Sevilla, der einmal Bürgermeister von Ecuadors Hauptstadt Quito war, fordert schärfere Regelungen und einen Kurswechsel: "Galápagos braucht Besucher. Aber nicht immer mehr. Das kann nicht funktionieren. So zerstören wir, was die Touristen suchen."

Die Einnahmen sorgen zwar dafür, dass 250 Nationalparkmitarbeiter übers Wohl des Ökosystems wachen. Washington Tapia, dem Nationalparkdirektor für Naturschutz, bereitet der wachsende Besucherstrom trotzdem Probleme. Mehr und mehr eingeschleppte Arten bedrohen die heimische Tier- und Pflanzenwelt: Erst waren es wilde Rinder, Ziegen und Hunde - nun fressen eingeschleppte Feuerameisen die Vogelküken auf, Pinguine sterben an Malaria.

"Bhutan des Pazifiks"

Tierpfleger Fausto Llerena erinnert sich an die fünfziger Jahre, als er mit seinen Eltern vom Festland in ein Dörfchen namens Puerto Ayora übersiedelte. "110 Menschen lebten damals auf der Insel Santa Cruz - und Autos gab es keine", meint der 72-Jährige. Heute haben mehr als 26.000 Ecuadorianer ihren Wohnsitz auf dem Archipel, und es sind derart viele Pick-ups unterwegs, dass sich der Verkehr im zur Kleinstadt angewachsenen Puerto Ayora bisweilen staut.

Llerena arbeitet in der Charles-Darwin-Station und trägt eine schwarze Schleife am Hemd - vor einer Woche ist sein Schützling "Lonesome George" gestorben. "Ich habe einen Freund verloren." Llerena hatte 1971 an einer Expedition auf die Insel La Pinta teilgenommen und dort die Riesenschildkröte entdeckt. Als letztes Exemplar der Unterart Abingdoni kam sie in die Forschungsstation. Über 20 Jahre lang hat der Tierpfleger die berühmte Schildkröte mit dessen Lieblingsblättern gefüttert. "Er war ein ruhiges Tier, weniger aggressiv als die anderen Riesenschildkröten", sagt Llerena mit leiser Stimme. "Mich hat er immer sofort erkannt."

"Lonesome George ist ein Symbol für das Artensterben, sein Tod sollte aufrütteln", sagt Nationalparkdirektor Washington Tapia. "Wir müssen gemeinsam eine nachhaltige Strategie für die Galápagos-Inseln entwickeln."

Ginge es nach Roque Sevilla, müsste Galápagos das "Bhutan des Pazifiks" werden: Er will die Zahl der Besucher begrenzen. Als Chef eines der größten Reiseveranstalter Südamerikas, ganz und gar kein Sozialist, würde er sogar die Bewohner der Galápagos-Inseln an seinem Unternehmen beteiligen, um sie für seinen Vorschlag zu begeistern. Freunde hat er sich mit diesem Vorschlag keine gemacht bei der Konkurrenz.

"Die Inseln sind ein Laboratorium der Evolution", sagt Sevilla, "jetzt müssen wir aus ihnen wieder ein Laboratorium machen und zeigen, wie Tourismus und Naturschutz Hand in Hand gehen können."

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 5 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
stupp 03.07.2012
Ich verstehe gar nicht, warum es so viele Touristen auf die Galapagos zieht: Das Außergewöhnliche an den Inseln - nämlich die besondere Evolution in einem isolierten Gebiet - ist doch allenfalls für Biologen von Interesse, aber für schätzungsweise 90% der Touristen gar nicht zu erkennen. Welchen Touri interessieren tauchende algenfressende Echsen oder verwandte Vögel mit unterschiedlich geformtem Schnabel? Ich denke, es ist heutzutage leider einfach "in", auch mal dort gewesen zu sein.
2. Ich denke...
earl grey 03.07.2012
Zitat von stuppIch verstehe gar nicht, warum es so viele Touristen auf die Galapagos zieht:
Müssen sie auch nicht verstehen Wenn man sich die geführten Touren dort anschaut, haben die Touristen ein recht großes Interesse an dem Artenreichtum dort. Ich denke, sie sind einfach nur neidisch. Es kann ihnen doch völlig egal sein, warum jemand dort hin reist. Übrigens: die meisten Touristen auf Galapagos kommen aus den USA; da ist die Anreise kürzer und einfacher. Aus Europa (und hier speziell Deutschland) sind anteilmäßig nur sehr wenige Besucher dort.
3. Galapagos und Nachhaltigkeit
nenablue 03.07.2012
Ich komme aus Ecuador und wohne in Deutschland. Da ich schon mehrmals auf den Galapagos Inseln war, kann ich bestätigen dass die Galapagos Inseln einzigartig sind - sowohl was die einzigartige Landschaft (Flora und Fauna ) betrifft als auch die Ökologie - Pflanzen und Tierwelt. Auch als Tourist sollte man sich schon vor der Planung einer Destination Gedanken machen über einen nachhaltigen Fußabdruck. Was kann ich als Tourist beeinflussen um eine Destination nachhaltig zu erkunden. Das Thema Nachhaltigkeit liegt nicht nur in der Verantwortung der Reiseveranstalter oder Einwohner einer Destination. Wie alle (Einwohner, Hotelgewerbe, Reiseveranstalter und Touristen) sind verantwortlich für ein Nachhaltiges Reisen. Das Zitat von Roque Sevilla "Wir sind das einzige Hotel, das sein Abwasser effektiv reinigt. Es ist danach wieder so sauber, dass wir es für die Bewässerung des Gartens nutzen können" ist nicht ausführlich recherchiert. Auch andere Galapagos Bewohner setzten sich für die Umwelt ein, z.b. die Ecolodge Chez Manany. Eine Ferienwohnung auf der Insel Isabela mit ökologischen Materialien erbaut, mit Verwendung von Solarenergie und Kläranlage, direkten Kontakt mit den lokalen Leuten. Eine Übersicht über nachhaltigen Tourismus auf Galapagos finden Sie unter galapagos-and-you.com auch von Chez Manany entwickelt.
4. Warum sind Sie
marypastor 03.07.2012
Zitat von earl greyMüssen sie auch nicht verstehen Wenn man sich die geführten Touren dort anschaut, haben die Touristen ein recht großes Interesse an dem Artenreichtum dort. Ich denke, sie sind einfach nur neidisch. Es kann ihnen doch völlig egal sein, warum jemand dort hin reist. Übrigens: die meisten Touristen auf Galapagos kommen aus den USA; da ist die Anreise kürzer und einfacher. Aus Europa (und hier speziell Deutschland) sind anteilmäßig nur sehr wenige Besucher dort.
denn so gehaessig ? Es gibt hier ein Thema, das Ihr Vorredner beantwortet hat. Waren Sie schon mal auf den Galápagos ? Ich ja, mit monatelanger Voranmeldung wg. reduziertem Hotelangebot. Eben da, viel mir auf, dass sich viele Besucher gut vorbereitet haben, sich waehrend der Touren Notizen machen und abends das Gesehene miteinander besprechen. Natuerlich gibt es auch viel Allgemeintourismus, also Leute, die nach Machupicchu oder der Atacama-Wueste noch schnell mal auf die Inseln wollen. Wenn man schon mal in der Gegend ist.
5. meine Antwort
earl grey 03.07.2012
Zitat von marypastordenn so gehaessig ?
War nicht so gemeint, sorry wenn so rüber kommt. 2010 das letzte Mal, ohne große Voranmeldung. Das reduzierte Hotelangebot ist übrigens ein recht guter Schutz vor zuviel Tourismus. Ich war auch hauptsächlich auf San Cristobal, das ist bedeutend kleiner als Santa Cruz und hat viel weniger Hotelplätze; ist auch sehr viel ruhiger (nach ein paar Tagen langweilig...) So ähnlich habe ich es ja auch beschrieben. Die meisten Touristen sind sehr wohl an der Natur interessiert, anders als mein Vorredner es gesagt hat. Daher auch meine Antwort darauf, zu der ich stehe.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Reise
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Fernweh
RSS
alles zum Thema Ecuador-Reisen
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 5 Kommentare