Mitten im Paradies, wo das türkisblaue Wasser des Pazifischen Ozeans an den weißen Sandstrand schwappt und sich Seelöwen in der Brandung tummeln, stehen Verbotsschilder. Und Abzäunungen, die deutlich machen: Hier haben Touristen nichts zu suchen.


Aufgestellt wurden sie ausgerechnet von einem Hotel. Dabei ist das Finch Bay auf Santa Cruz, der zweitgrößten und bevölkerungsreichsten Galápagos-Insel, die einzige Unterkunft vor Ort mit direkter Strandlage. Für viele Urlauber ein entscheidendes Kriterium. Aber selbst in einem Luxusresort haben nicht immer die Gäste Vorrang.



»Wie findet man die richtige Balance zwischen Tourismus und Tierschutz?«


Der Grund für die Absperrungen sind Löcher im Sand. Unscheinbare Stolperfallen, die wie Löcher im Käse hier und dort den Strand unterhöhlen. Es sind die Niststätten der Meerechsen, einer endemischen Art von meist schwarzen, bis zu 1,30 Meter langen Leguanen, die ausschließlich auf Galápagos leben. Und die gilt es zu schützen, selbst wenn es den Komfort von Luxusreisenden einschränkt.


»Wenn Tourismus und Naturschutz miteinander einhergehen sollen«, sagt Renato Vasconez Timm, der als Expeditionsleiter und Qualitätsmanager des Hotels Finch Bay arbeitet, »müssen sich Unternehmen und Besucher der Umwelt anpassen – und nicht umgekehrt.« Dazu gehört nicht nur die umweltfreundliche Bewirtschaftung des Hotels, das schon seit Jahren mit Solarpanels saubere Energie erzeugt und mit eigenen Klär- und Entsalzungsanlagen die spärlichen Süßwasserquellen der Insel schont, sondern ein generelles Umdenken: Wie findet man die richtige Balance zwischen Tourismus und Tierschutz?

Renato Vasconez Timm erläutert dies im Video:





Die einzigartige Tierwelt des Archipels im östlichen Pazifischen Ozean begeisterte schon Charles Darwin, der hier Studien zu seiner Evolutionstheorie betrieben hat. 1959 wurden die Galápagos zum Nationalpark erklärt, der 97 Prozent der Landfläche und 99 Prozent der Meeresgebiete rund um die Inseln umfasst.





Aufgrund ihrer abgeschiedenen Lage am Äquator, rund 1000 Kilometer westlich von Ecuador, konnten sich auf den Inseln Arten entwickeln, die man sonst nirgendwo auf der Welt antrifft. »Galápagos sind einer der wenigen Archipele, wo Flora und Fauna zu 95 Prozent in ihrem Urzustand erhalten sind«, sagt Arturo Izurieta Valery, der Leiter der Charles-Darwin-Forschungsstation, wo Wissenschaftler aus der ganzen Welt das fragile Ökosystem der Inseln erforschen.

So sind etwa 80 Prozent der Landvögel, fast 100 Prozent der Schnecken und 43 Prozent der Landpflanzen endemisch. Vor der Küste der Inseln tummeln sich rund 500 Fischarten, darunter allein mehr als 50 Arten von Haien und Rochen. Aber es sind vor allem Tiere wie Blaufußtölpel, Riesenschildkröten und Meerechsen, die Menschen aus aller Welt anlocken.

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Vor 40 Jahren gehörten die Galápagos-Inseln zu den ersten zwölf Stätten, die die Unesco zum Welterbe erklärte. Das war, wie für viele Welterbestätten, Fluch und Segen zugleich. 1979 kamen weniger als 12.000 Touristen auf den Archipel, heute sind es mehr als 225.000 pro Jahr – die wichtigste Einkommensquelle der Inseln. Eine relativ kleine Besucherzahl im Vergleich zu anderen touristisch erschlossenen Archipelen – etwa den Malediven, wo in Zeiten des boomenden Tourismus unzählige unbewohnte Inseln mit Hotels bebaut wurden.

Bis heute sind nur vier der Galápagos-Eilande bewohnt, die anderen dürfen nur im Rahmen von Tagestouren von kleinen Kreuzschiffen angefahren werden. Dennoch bedeutet das eine Herausforderung für den Archipel. Denn auch die Einwohnerzahl schoss in die Höhe: von rund 17.000 Bewohnern vor 40 Jahren auf heute 35.000.

Sie alle produzieren Müll, verbrauchen Strom, erzeugen Abwasser – »neben dem Artenschutz die drei dringendsten Probleme der Inseln«, sagt Beate Zwermann, Inhaberin des Spezialreiseveranstalters Galapagos Pro.



»Galápagos – wo die Flora und Fauna zu 95 Prozent in ihrem Urzustand erhalten sind.«


Gerade in den Neunzigerjahren schossen Hotels aus dem Boden, die Zahl der Schiffspatente nahm zu, die Umweltprobleme häuften sich. Bewusst oder unbewusst eingeschleppte Tier- und Pflanzenarten gefährdeten die einheimische Flora und Fauna, hinzu kamen schwere Havarien, etwa die des Tankers »Jessica«, der 2001 unweit der Inseln verunglückte und 250 Tonnen Öl verlor. Bilder von ölverschmierten Seevögeln und Robben gingen um die Welt, im Jahr danach wurden allein 15.000 tote Meerechsen gemeldet.


Die Unesco schlug Alarm. 2007 setzte sie den Archipel auf die Rote Liste des gefährdeten Welterbes. »Ein Warnschuss, auf den die Behörden zum Glück reagierten«, sagt Zwermann, die lange für das ecuadorianische Tourismusministerium gearbeitet hat:





Die Besucher- und Einwohnerzahlen zu beschränken, war ein erster Schritt, doch zur Rettung des Paradieses muss auch die Infrastruktur nachhaltig angelegt werden. Das geschieht gerade auf Isabela, dem größten Galápagos-Eiland, auf einem Feld aus schwarzem Vulkangestein nahe der Inselhauptstadt Puerto Villamil. Am Rande der Baustelle rückt sich Victor H. Vélez, Ingenieur beim lokalen Stromanbieter Elecgalapagos, den Schutzhelm zurecht und zeigt auf die neue Fotovoltaikanlage, die im September dieses Jahres eingeweiht werden soll. Sie ist Teil eines Hybridkraftwerks, das auf eine Kombination von Sonnenenergie und Biokraftstoff setzt, Diesel soll nur noch im Notfall eingesetzt werden.

Ein ähnliches Projekt besteht bereits auf der Insel Floreana, wo bereits seit 2011 eine Solaranlage und zwei mit Jatrophaöl betriebene Generatoren die Einwohner mit erneuerbarer Energie versorgen. »Jatrophaöl wird aus der in Ecuador heimischen Purgiernuss hergestellt«, sagt Vélez. »Natürlich legt auch dieser Treibstoff einen langen Seeweg zurück, aber im Falle einer Havarie zersetzt es sich viel schneller und hat nicht so verheerende Auswirkungen wie Unfälle von Öltankern.«

Die neue Hybridanlage auf Isabela, die auch von der deutschen Bundesregierung mit rund 15,8 Millionen Euro finanziell unterstützt wird, ist ein Vorzeigeprojekt. Aber auch private Initiativen, Schulen und lokale Behörden arbeiten an umweltfreundlicher Infrastruktur. Viele Projekte in den Bereichen saubere Energie, Abwasserklärung und Müllentsorgung entstanden in den vergangenen Jahren oder sind noch im Aufbau.

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Biologen machen nicht die Menschen, die auf die Inselgruppe kommen, Sorgen, sondern eher ihre Begleiter. Invasive Arten, die durch den wachsenden Personenverkehr und die immer intensiver betriebene Landwirtschaft bewusst oder unbewusst eingeschleppt werden: Ratten, Schnecken, Insekten, Pilze und Pflanzen wie Guaven, aber auch Haus- und Nutztiere wie Hunde, Katzen oder Ziegen, die großen Schaden anrichten, wenn sie frei in der Natur streunen.



»Ein einziger eingeschleppter Samen kann Katastrophen auslösen.«


Um Herr über die Invasoren zu werden, hat das ecuadorianische Umweltministerium einen Fonds zur Kontrolle von invasiven Arten auf den Galapagos (FEIG) ins Leben gerufen. Ein Mammutprojekt, für das der FEIG eng mit dem Nationalpark Galápagos und Wissenschaftlern der Charles-Darwin-Station zusammenarbeitet. Dazu gehört auch die deutsche Ökologin Heinke Jäger, die vor mehr als 20 Jahren nach Galápagos gezogen ist und in der Forschungsstation für invasive Arten zuständig ist.

»Die fremden Spezies können das sensible Ökosystem verändern und heimische Arten verdrängen«, sagt sie. »Ein einziger eingeschleppter Samen kann Katastrophen auslösen.« Besonders aggressiv ist eine Pflanze, die auch deutsche Gärtner zur Genüge kennen: die Brombeere. Sie breitet sich besonders stark aus, überwuchert und bedroht die einheimische Natur. Doch ein neues Forschungsprojekt macht Hoffnung, ebenso wie Erfolge aus der Vergangenheit - wie Heinke Jäger im Video erläutert:





Die Naturschützer setzen auf eine Reihe von langfristigen, aber auch kurzfristigen SOS-Maßnahmen, um Herr über die Invasoren zu werden und um einheimische Tiere und Pflanzen zu schützen. Das fängt bei präventiven Aktionen an, wie dem Einsprühen ankommender Gepäckstücke auf den Inselflughäfen, und endet bei konkreten Ausrottungsmaßnahmen, etwa auf Isabela, wo es gelungen ist, wilde Ziegenherden vollständig zu eliminieren.

Die Bekämpfung der invasiven Feinde geht einher mit Schutzprogrammen endemischer Tiere, etwa der Riesenschildkröten. Gerade bei diesem, vielleicht prominentesten Projekt können die Naturschützer beachtliche Erfolge ihrer jahrelangen Arbeit verbuchen. Auf der Insel Española etwa lebte vor 20 Jahren nur noch ein Dutzend Riesenschildkröten. Heute sind es wieder 2500. Das Ergebnis einer Kombination aus Zuchtprogramm, Auswilderung und Forschung, wie die Tierärztin Ainoa Nieto Claudín im Video erläutert:





Mittlerweile konnten so viele Schildkröten nachgezüchtet werden, dass die Experten der Charles-Darwin-Station und des Nationalparks Galápagos einige Tiere an Partnerinitiativen abgeben konnten, die bei der Aufzucht und Auswilderung behilflich sind. Einer davon ist Wilfrido Michuy, der auf der Insel Isabela, am Fuße des Vulkans Sierra Negra eine Farm besitzt. Er empfängt Touristen – und Schildkröten. »Bei uns werden die Jungtiere, die von der Aufzuchtstation kommen, auf die Wildnis vorbereitet«, sagt er. Sie werden in einem eingezäunten Gelände weitgehend sich selbst überlassen, ohne Zufütterung. »Schildkröten auf meiner Farm zu haben, war schon immer mein Traum«, sagt er.

Aber natürlich profitiert er auch finanziell von dem Projekt, denn die Tiere locken auch Besucher an. Michuy zuckt mit den Schultern. »Aber warum nicht«, sagt er. »Tierschutz und Tourismus passen doch wunderbar zueinander.«




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TEXT / VIDEO / FOTOS Alexandra Frank
GESTALTUNG Elsa Hundertmark
MOTION DESIGN Lorenz Kiefer
GRAFIK Valentina Voß und Anna-Lena Kornfeld
PROGRAMMIERUNG Chris Kurt


Bild Flughafen: Rodrigo Buendia / AFP
Diese Reise wurde unterstützt von Galapagos Pro
www.galapagos-pro.com