Von Thomas Heinloth
Fluchtreflex? Schön wär's, sagt Jaime, und lässt die Zähne blitzen. Barsche, Barrakudas, Thunfische haben einen, klar, sonst könnte er ja seinen Fang einfach einsammeln, jeden Morgen im Pazifik. Aber ein Galápagos-Seelöwe? Der hat Angst vor gar nichts, sagt Jaime. Nicht vor einem Feind draußen, im flaschengrünen Meer, denn da gibt es keinen. Und nicht vor Jaime und den anderen Fischern auf dem kleinen Markt von Puerto Ayora, wo sie mittags Plastiktröge von den Booten schleppen, um den Fang zu wiegen, auszunehmen und zu filetieren. Und vor den Seelöwen in Sicherheit zu bringen.
Heute sind es vier mächtige Exemplare, Männchen, aufgerichtet so groß wie Jaime. Im Nu sind sie die Mole hochgerobbt, jetzt toben sie mit heiserem Gebell unter den Zementablagen, streiten mit einer Horde aufgeregter Pelikane um Haut und Gräten. Jaime schiebt sich durch die Manege, ein Tranchiermesser in der Linken. Mit der Rechten verteilt er fast zärtlich Kopfnüsse an die aufdringlichsten der nassen Bettler. Das geht in Ordnung, sagt er, wir kennen uns schon eine Weile.
Seit einem halben Jahrtausend teilen sie sich jetzt die 121 Inseln, weit draußen im Pazifik, die Fischer und die Seelöwen, und die Zeit, in der die einen den anderen das Fell über die Ohren zogen, war nur eine Episode. "Wir sind", sagt Jaime, "ganz gute Nachbarn geworden." Zuvor waren die Robben lange unter sich, zu lange jedenfalls, um Furcht vor dem Säuger auf zwei Beinen zu lernen. Der strandete spät erst auf Galápagos. Als 1535 der panamesische Bischof Tomás de Berlanga anlegte, waren die Inseln schon fast vier Millionen Jahre alt.
Inseln der Gestrandeten
Berlanga wollte nicht lange bleiben. Auf ein paar Dutzend große Steine in der See war er da gestoßen, Inseln, die wie graue Echsenrücken aus dem Wasser ragen. Karges, krustiges Land, voller Aschefelder, verbranntem Schutt, Geröll, geronnener Schlacke, Gestrüpp und dürrer, bleicher Bäume, ausgedörrt unter der sengenden Sonne des Äquators, der quer über die Inselgruppe läuft, ein feindliches Universum in Anthrazit, Schwefelgelb und Ocker. "Gärten der Hölle" nannte Darwin später den Ort seiner Studien. Auf den Vulkankratern im Meer wuchs nur, was der Wind oder das Meer von der 1000 Kilometer entfernten Küste Ecuadors hertrug: Galápagos, die Inseln der Gestrandeten, die das Schicksal anspült.
Entsprechend waren die menschlichen Vertreter: Piraten, die in den Lavahöhlen ihre Goldschätze versteckten, deren Häscher auf Kanonenbooten, Walfänger, Häftlinge und Hasardeure, korrupte Gutsherren, ein paar unerschrockene Biologen, Soldaten und Verbannte landeten hier an. Und Flüchtlinge wie Teppy Angermeyers Opa. Als die Nazis an die Macht kamen, packte der in Hamburg seine Sachen auf ein Segelschiff und fuhr einmal um die halbe Welt, bis er in Puerto Ayora auf Santa Cruz Anker warf für immer. Damals, sagt Teppy Angermeyer, wohnten hier drei Familien.
Heute ist die Academy Bay vor dem Angermeyer-Anwesen konfettibunt von den Wassertaxis, die zwischen Yachten, Jollen, Fischerbooten und Kreuzfahrtschiffen hin- und herpendeln. Die Masten tanzen in der Bucht und die Möwen darüber. Über 15.000 Menschen sind in Puerto Ayora mittlerweile zu Hause, in der Boomtown auf Galápagos: Souvenirgeschäfte auf der neuen Promenade, Supermärkte, Restaurants, eine Tauchschule und ein paar Surferläden, Internetcafés und seit neuestem ein Irish Pub. Doch Teppy Angermeyer sagt: Sollen sie nur kommen.
Jahrelang sah er nur die Kreuzfahrtschiffe an der Bay und seinem Restaurant vorüberziehen, mit ihren Außenkabinen für 3000 US-Dollar aufwärts pro Woche. Reiche Witwen, sagt Teppy, mit teuren Ferngläsern. Jetzt aber ändert sich das Publikum: Backpacker, junges Volk, das vormittags die Charles-Darwin-Station besucht, nachmittags den Strand und abends mit der Dorfjugend an der Mole bei einem Pilsener sitzt. So muss es sein, sagt Teddy, wir sind ja nicht im Zoo.
Strandvergnügen mit Meerechsen
Galápagos, das sind die Inseln der Meer- und Lavaechsen, der Pinguine und der Prachtfregattenvögel, der Buckelwale, Albatrosse, Rauchseeschwalben, Riesenschildkröten, Landleguane, der Tümmler und Delphine. Dass auch der Homo sapiens hier inzwischen zu Hause ist, will mancher Öko-Romantiker nicht wahrhaben. Die Tortuga Bay ist aber auch ein super Badestrand, sagt Teppy.
Eine halbe Stunde Fußmarsch durch den Kakteenwald im Süden liegt die Bucht, gesäumt von schwarzem Tuff. Meerechsen aalen sich im warmen, feinen, blonden Sand, die Krallen ausgestreckt, die stachelbekrönten Häupter aufrecht, spitze Zähne, Lederhaut. Sie wirken wie außerirdische Krieger aus einem frühen Spielberg-Film. Daneben ein quietschbuntes Handtuch, darauf die Kinder aus der Stadt. Man stört sich nicht. Und ein Stückchen weiter Richtung Süden an der Salzwasser-Lagune liegt an der Playa Mansa eine Gruppe norwegischer Studenten und sieht den Blaufußtölpeln zu, wie sie beim Fischen aus der Luft ins Wasser schlagen mit, ja, tatsächlich: schlumpffarbenen Füßen.
Einfach so am Strand den Tölpeln und den Echsen zusehen, ist eigentlich nicht vorgesehen. Natur-Tourismus ist ein streng reglementiertes Unternehmen auf den Inseln, überwacht von den 300 Mitarbeitern der Nationalpark-Verwaltung. Für die Begegnung zwischen Mensch und Tier wurden 72 Besucherplätze eingerichtet, die nur anfahren darf, wer eine Lizenz hat, und das auch nur zu bestimmten Zeiten. 83 Boote sind es derzeit, alle mit einem GPS-Sender versehen, damit die Ranger am Bildschirm kontrollieren können, ob sich jeder an den Fahrplan hält.
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