Karakorum-Bergexpedition: Warten, tanzen, Wetter checken

Von Thorsten Schüller

Zwangspause im Basislager des Gasherbrum I: Die Wetterlage im Karakorum ist für eine Besteigung noch immer zu unbeständig. Ihre Zeit vertreiben sich die Expeditionsmitglieder mit Schlafen, Musikhören und Diskutieren - während der Muezzin sein Gebet auf dem Gletscher anstimmt.

Gasherbrum-Expedition: Zwangspause im Basislager Fotos
Thorsten Schüller

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Unser Aufbruch in die höheren Lager endet morgens um 2.30 Uhr vor dem Speisezelt. Wir sind fertig zum Gehen - und entscheiden uns dann, es doch sein zu lassen. Es ist viel zu warm, plus sieben Grad. Unter diesen Bedingungen friert der Gletscher nicht durch, und die Brücken über die zahlreichen Spalten sind damit noch labiler als ohnehin.

Unsere Entscheidung ist richtig. Auch das Wetter verschlechtert sich ein weiteres Mal. Die Wolken legen sich dicht über die Gletscher, es schneit stundenlang, und aus den Hängen der umliegenden Siebentausender gehen gigantische Lawinen ab. Kein Wetter für einen Achttausender.

Die verbliebenen Bergsteigergruppen geben unter diesen Umständen auf. Zwei slowenische Frauen, eine Gruppe Esten, Polen, Ungarn und die deutsche Gruppe von Amical Alpin ziehen davon. Niemand von ihnen ist in die Nähe des Gipfels gekommen. Nur ein einzelner Deutscher, ein Iraner und eine Gruppe Spanier harrt noch mit uns aus.

Die Spanier sind seit über vier Wochen hier und mittlerweile völlig desillusioniert. Sie erzählen, dass es in der gesamten Zeit lediglich zwei Tage gegeben habe, in denen der Gipfel vielleicht möglich gewesen wäre. Einer von ihnen ist bereits zum vierten Mal im zentralen Karakorum und bislang noch auf keinen Achttausender raufgekommen. Die Männer klammern sich dennoch an einen kleinen Funken Hoffnung. Möglicherweise soll sich das Wetter bessern in den wenigen Tagen, die ihnen bis zur Abreise bleiben - Inshallah. Dann könnten sie einen letzten Versuch unternehmen.

Schlafen, diskutieren, rasieren

Die Spanier und wir treffen uns täglich, um unsere Wetterinformationen auszutauschen. Das Bild, das sich daraus ergibt, ist konfus und entspricht in der Regel nicht der Wirklichkeit. Wo ein Jetstream über die Berge fegen sollte, ist nahezu Windstille. Wo der Himmel aufklaren und die Sonne scheinen sollte, schneit es. Vielleicht ab Samstag oder Sonntag, so die vage Hoffnung, wird es besser werden. Aber was dann? Die lawinengefährlichen Neuschneemassen in 6000 und 7000 Meter Höhe sind damit nicht verschwunden.

Auch die - nicht bestätige - Nachricht, dass auf der chinesischen Seite des Gasherbrum II oder I eine Gruppe von sechs Bergsteigern dieser Tage in einer Lawine ums Leben gekommen sein soll, trägt nicht zur Aufhellung unserer Stimmung bei. Da bleibt nur der physische und psychische Rückzug.

Ab acht Uhr abends bis acht Uhr morgens liegen wir daher in unseren Zelten. Auch tagsüber bleibt oft nur die Flucht in unsere kleinen Stoffbehausungen, die auf dem steinigen Gletschereis stehen und deren Untergrund sich allmählich durch die Körperwärme immer mehr verformt. Alf scheint zudem Probleme mit seiner Liegematte zu haben - "die muss ein Pferd angefressen haben", verkündet er.

Nie hatten wir so viel Zeit, und nie mussten wir so viel Zeit tot schlagen. Neben Schlafen und Dösen bestehen unsere Tage aus Lesen, Musik hören, Nichtstun, Essen, wässrigen Kaffee trinken, Wetter checken und diskutieren darüber, welche Strategie wir angesichts dieser Verhältnisse wählen sollen.

Arthur, der sehnlichst auf die Ankunft der Träger wartet, die ihn zusammen mit Helmut und Wasti ins Tal nach Hushe bringen sollen, verkündet morgens als Erstes: "Ich zähle die Stunden." Immerhin scheint er in Muhammed Ali, der guten Seele unserer Basislager-Mannschaft, einen Verehrer gefunden zu haben. Muhammed rasiert Arthur mit Hingabe und nennt ihn "Omar Sharif, the great hero of Pakistan cinema."

Die Wege trennen sich

Aber nicht nur wir müssen Zeit rumbringen. Auch den Soldaten drüben in dem vermüllten Militärlager des Gasherbrum-Gletschers geht es nicht anders. Nichts passiert hier oben. Immerhin gehen sie morgens um drei Uhr zum Beten auf den Gletscher, und um 3.30 Uhr singt einer von ihnen als Muezzin melodiös in die dunkle kalte Bergwelt hinaus.

Erstaunt erfahren wir, dass es weiter oben noch weitere Lager des Militärs geben soll - eines auf 7000 und ein weiteres auf 7500 Meter Höhe. Angeblich halten sich die Soldaten dort jeweils einen Monat lang auf, ehe sie ins Tal zurück dürfen. Wir können das kaum glauben, denn in diesen Höhen kann kein Mensch längere Zeit überleben.

Am Freitag kommt wieder Bewegung in unsere Gruppe. Der Wetterbericht verkündet zumindest vorübergehend etwas Besserung. Arthur, Helmut und Wasti treten heute den Rückweg an. In etwa sechs Tagen sollten sie wieder zu Hause sein. Andi, Ulrich, Alf steigen dagegen in den Bruch des Gasherbrum-Gletschers ein und deponieren zwei Stunden oberhalb des Basislagers Gepäck.

Am Samstag, wollen wir um Viertel vor zwei Uhr aufbrechen und noch einmal versuchen, in die Hochlager aufzusteigen. Sollte das erneut nicht gelingen, werden wohl auch wir vor den schlechten Bedingungen kapitulieren.

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Zur Person
  • Anton Sellmeir
    Thorsten Schüller, 47, aus Grafing (Bayern) ist PR-Manager und Leiter der Gasherbrum-II-Expedition.
    Er wird regelmäßig über den Verlauf der Expedition in Pakistan berichten.

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Name Höhe* Land Erst-
besteigung
Mount Everest 8850 Meter China (Tibet), Nepal 29.05.1953
K2 8614 Meter China, Pakistan 31.07.1954
Kangchendzönga 8586 Meter Indien, Nepal 25.05.1955
Lhotse 8516 Meter China (Tibet), Nepal 18.05.1956
Makalu 8463 Meter China (Tibet), Nepal 15.05.1955
Cho Oyu 8201 Meter China (Tibet), Nepal 19.10.1954
Dhaulagiri I 8167 Meter Nepal 13.05.1960
Manaslu 8163 Meter Nepal 09.05.1956
Nanga Parbat 8126 Meter Pakistan 03.07.1953
Annapurna 8091 Meter Nepal 03.06.1950
Hidden Peak (Gasherbrum I) 8068 Meter China (Tibet), Pakistan 05.07.1958
Broad Peak 8047 Meter China (Tibet), Pakistan 09.06.1957
Gasherbrum II 8035 Meter China (Tibet), Pakistan 07.07.1956
Shisha Pangma 8012 Meter China (Tibet) 02.05.1964
*Quelle: Brockhaus Enzyklopädie
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