Gemischte Gefühle Macau in der Rezession

Die Auswirkungen der Asienkrise und Kämpfe rivalisierender Gangster bremsen die Wirtschaft der portugiesischen Enklave in China. Gerade deswegen blickt Macau dem Handover optimistisch entgegen - wenn auch mit einer gesunden Portion Skepsis.


Die 1835 abgebrannte Kathedrale São Paulo ist das Wahrzeichen Macaus
DPA

Die 1835 abgebrannte Kathedrale São Paulo ist das Wahrzeichen Macaus

Seit vier Jahren schrumpft die Wirtschaft Macaus, im vergangenen Jahr sogar um vier Prozent. Die Aussichten sind vor der Rückgabe an die Volksrepublik China nicht rosig, da die Rezession nicht überwunden ist. Die Finanzkrise in Asien und abschreckende Schlagzeilen von Kämpfen rivalisierender Triaden in Macau haben den Tourismus und die Casinos besonders schwer getroffen. Die Einnahmen aus dem Glücksspiel sanken schon 1998 um 16,9 Prozent.

Die Zahl der Touristen steigt zwar wieder, doch die Hongkonger bleiben aus. Dafür steigt die Zahl der weniger zahlungskräftigen Chinesen aus der Volksrepublik stark. Der Wechsel zu China wird nach Ansicht des künftigen Regierungschefs Edmund Ho "mehr Energie" freisetzen. Doch warnte er vor "unrealistischen Erwartungen": "Keine Regierung kann Wunder vollbringen."

Die Wirtschaft und die innere Sicherheit sieht Ho als seine Hauptaufgaben. "Wir müssen unser Bestes tun, damit das Konzept "ein Land, zwei Systeme" funktioniert." So muss Macau die Ursachen für die Probleme seiner Wirtschaft vor allem daheim suchen. Die Abhängigkeit vom Glücksspiel und Tourismus, die 42 Prozent des Bruttoinlandsprodukts erwirtschaften, ist zu groß. Nur 16 Prozent stammen aus der Produktion.

Die Enklave im Schatten Hongkongs, das nicht nur 63-mal größer, sondern auch viel effizienter ist, steckt in einem Strukturwandel. Viele Betriebe wandern wegen der billigeren Arbeitskräfte nach Südchina ab. Die Arbeitslosigkeit hat mit 6,9 Prozent einen Rekord erreicht. Dazu kommen viele, die sich in Macau aus Angst vor einem Gesichtsverlust nicht arbeitslos melden.

Der Immobilienboom Mitte der neunziger Jahre durch chinesische Investitionen und Spekulationen hat ganze Büro- und Wohnblocks in der Stadt leer stehen lassen. 36.000 Wohnungen warten auf neue Mieter und bessere Zeiten. Die Immobilienpreise haben sich halbiert.

Auch die Motivation der Menschen ist nach Einschätzung von Lionel Vai Tac Leong vom Produktivitäts- und Technologietransfer-Zentrum Macaus ein Problem. "Wir sind nicht so aggressiv wie die Hongkonger. Solange wir zurecht kommen, sind wir zufrieden."

Macau sei immer nur ein Transitpunkt. 63,4 Prozent der Bevölkerung über 20 Jahre seien in der Volksrepublik geboren, nur 26,4 Prozent in Macau selbst. Die Hälfte der Bevölkerung lebt seit weniger als 15 Jahren in Macau. "Den Menschen fehlt ein Zugehörigkeitsgefühl. Die meisten erwarten nicht, dass sie länger bleiben", sagt Leong.

Als Hindernisse für Investitionen nennt Leong mangelnde Transparenz der Regierung, komplizierte und langsame bürokratische Wege, geringe Effizienz, Sprachprobleme und ein konservatives Geschäftsklima. "Wenn Sie nach Macau kommen wollen, brauchen Sie definitiv einen lokalen Partner, um Hindernisse zu beseitigen."

Durch den Grenzübergang nach China stömen täglichTausende nach Macau (im Hintergrund die chinesische Stadt Zhuai)
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Durch den Grenzübergang nach China stömen täglichTausende nach Macau (im Hintergrund die chinesische Stadt Zhuai)

Macau will nach dem Wechsel eine "Brücke" in die rasant wachsende wirtschaftliche Region Südchinas werden. Auf der chinesischen Seite der Grenze, wo vor 15 Jahren nur Hügel zu sehen waren, wächst die Sonderwirtschaftszone Zhuhai, die nach Startproblemen langsam Gestalt annimmt. Mit Zhuhai könnte auch Macau wachsen.

Große Infrastrukturprojekte wie der 1,2 Milliarden US-Dollar teure neue Flughafen Macaus, neue Brücken, eine Straße bis Kanton, der Container-Terminal, der Bau von Schulen und vor allem mehr Nachdruck auf Ausbildung sollen Macau fit machen für die Zukunft. "Wir haben die Hardware einer internationalen Stadt, aber die Software müssen wir noch verbessern", beschreibt Leong die Herausforderung Macaus.

Andreas Landwehr



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