Gentrifizierung in Japan Kampf um Tokios Herz

Sonja Blaschke

Aus Tokio berichtet Sonja Blaschke

Akira Tsuboi, Maler & Gitarrist: Die Globalisierung ist weit weg


Maler Akira Tsuboi: Atelier im Wohnzimmer der Eltern
Sonja Blaschke

Maler Akira Tsuboi: Atelier im Wohnzimmer der Eltern

"Kennen Sie die kleinen Gassen nördlich vom Bahnhof? Nach dem Krieg war dort der Schwarzmarkt", erzählt der 33-jährige Akira Tsuboi. "Das ist einer der Orte, die Shimokitazawa ausmachen." Die windschiefen Läden und die mit Wellblech überdachten Wege dort, kaum mehr als zwei Meter breit, haben es dem Maler und Musiker angetan: "Dort kann ich zur Ruhe kommen - den alten Häusern sei Dank." Anderorts seien solche Gebiete längst zerstört worden.

Tsuboi fühlt sich in Shimokitazawa heimisch - obwohl er bis zu seinem 15. Lebensjahr in einer 50.000-Seelen-Kleinstadt in der nordjapanischen Präfektur Fukushima wohnte. Als er aus der Provinz in die japanische Hauptstadt kam, in deren Großraum 35 Millionen Menschen leben, habe er sich zunächst schwergetan: "Tokio hat mir Angst gemacht", gibt er zu. Erst als ihn ein Klassenkamerad mit in Shimokitazawas Second-Hand-Shops nahm, wurde seine Begeisterung geweckt: "In Shinjuku oder Shibuya gibt es solche ausgefallenen Läden nicht", sagt er. Und: "Die Globalisierung ist von Shimokitazawa noch weit entfernt."

Wobei - McDonald's, Starbucks & Co. sind schon da, wenn auch noch in der Minderzahl im Vergleich zu örtlichen Gewächsen wie dem "Katzen-Café", in dem man seinen Kaffee in Gesellschaft der schnurrenden Tiere genießen kann, oder der "Blumen-Bar", die tagsüber Blumen und abends Getränke verkauft. Fans von Vinylplatten werden beim Bummeln genauso Spaß haben wie … Hutträger. Denn wohl nirgends sonst gibt es so viele Läden für Kopfbedeckungen.

Clubs, Graffiti, Straßenmusiker

Der Stadtteil verkörpert für Tsuboi, der an der Elite-Universität Keio Kunstgeschichte studiert hat, den Lebensstil junger Leute: "So viele Clubs an einem Ort - das ist doch ziemlich ungewöhnlich". Musik ist allgegenwärtig, ständig sieht man Menschen mit Instrumenten und Verstärkern durch die Straßen ziehen. Wie viele der Musiker hier übt auch Gitarrist Tsuboi am liebsten in der Öffentlichkeit - in den ruhigen, verkehrsarmen Straßen. Er genießt die interessanten Begegnungen dabei, die er in einem Blog festhält.

Doch "sein" Shimokitazawa verschwinde immer mehr, sagt er, und mit ihm die Geschichten. Es hätten sich mittlerweile viele "feine" Läden angesiedelt. "Bald sieht es hier aus wie in Jiyugaoka", befürchtet der Künstler. Das ist eine schicke Vorzeigegegend mit europäischem Flair im Süden Tokios.

Flair hat Shimokitazawa auch, aber Schick? Chaotisch, improvisiert und ein bisschen schmutzig trifft es besser. Dazu Graffiti überall. Daran ist Akira Tsuboi nicht ganz unschuldig. Weil er früher Nacht für Nacht Wände besprühte, bekam mehrfach Ärger mit der Polizei. "Ich konnte einfach nicht zulassen, dass die anderen immer nur das Ausland kopierten", sagt er lächelnd. Er dagegen habe immer etwas Eigenständiges schaffen wollen.

Heute arbeitet er meist mit Ölfarbe auf Furnierholz und stellt seine Kunst in umfunktionierten Lager- oder Übungsräumen der örtlichen Theater aus. Dazu spielt er Eigenkompositionen auf der Gitarre. Bei den Betrachtern seiner Bilder hofft er, neue Perspektiven zu wecken und Veränderungen zu bewirken, erst recht im aktuell "politisch wie gesellschaftlich blockierten Japan", in dem sich die junge Generation nicht für Politik interessierte und von Geschichte nichts verstünde.

Als Atelier dient dem Autodidakten das heimische Wohnzimmer seines Elternhauses, jedenfalls für den Moment. Denn die geplante Straße soll direkt durch den Garten seines Elternhauses führen. "Ich verstehe nicht, wofür sie gebaut wird", sagt er kopfschüttelnd. "Ich wünsche mir, dass der individuelle Charakter von Shimokita erhalten bleibt."

Website von Akira Tsuboi: http://dennou.velvet.jp/ (Englisch und Japanisch)

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insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
Schnurz321 08.11.2010
1. Technikfeinde!
Die technikfeindlichen Japaner! ;)
Ein netter Netter 08.11.2010
2. Weit weit ist's weg
Ich wette 100 EUR, dass noch kein Japaner jemals etwas von Shimokita als neuem Hipster-Viertel von Tokyo gehört hat. Das ist wieder ein typisches Beispiel dafür, dass man über Japan in westlichen Medien so ziemlich alles schreiben kann, weil es niemand überprüft.
benG 08.11.2010
3. Keine Macht den Titeln
Zitat von Ein netter NetterIch wette 100 EUR, dass noch kein Japaner jemals etwas von Shimokita als neuem Hipster-Viertel von Tokyo gehört hat. Das ist wieder ein typisches Beispiel dafür, dass man über Japan in westlichen Medien so ziemlich alles schreiben kann, weil es niemand überprüft.
Auch wenn der Artikel etwas überspitzt ist, so ist den meisten Japanern Shimokita durchaus ein Begriff. Das hatte mich zunächst auch erstaunt, aber meinen Wohnort (Meidaimae, Higashi-Matsubara) konnte ich immer ganz gut damit beschreiben. Ob es nun das neue "Hipster"-Viertel ist.. weiss nicht, neu vielleicht nicht, aber das suggeriert der Artikel auch nicht unbedingt. Auf jeden Fall ein sehr schönes Stadtviertel..und halt doch ganz anders als Shibuya und Shinjuku.
Ein netter Netter 08.11.2010
4. Sehe ich anders
Zitat von benGAuch wenn der Artikel etwas überspitzt ist, so ist den meisten Japanern Shimokita durchaus ein Begriff. Das hatte mich zunächst auch erstaunt, aber meinen Wohnort (Meidaimae, Higashi-Matsubara) konnte ich immer ganz gut damit beschreiben. Ob es nun das neue "Hipster"-Viertel ist.. weiss nicht, neu vielleicht nicht, aber das suggeriert der Artikel auch nicht unbedingt. Auf jeden Fall ein sehr schönes Stadtviertel..und halt doch ganz anders als Shibuya und Shinjuku.
Ich finde den Artikel sogar sehr überspitzt. Ich würde allerdings den Begriff "reisserisch" bevorzugen. Der Artikel soll ja nichts "suggerieren", sondern einfach beschreiben, was Sache ist. Wenn es sich denn tatsächlich um eine News handelt, die es wert ist, bei den Top-Meldungen auf der Homepage zu stehen. Denn durch den Schreibstil soll doch ganz klar gesagt werden: "Achtung! Durchsage! Wir haben wir eine ganz neue Meldung aus diesem skurrilen Land in Asien, wo man gebrauchte Unterwäsche aus dem Automaten ziehen kann!" Den unterschwelligen Orientalismus werden die Deutschen Medien wohl niemals ablegen können.
AKI CHIBA 08.11.2010
5. Lieber Netter!
Zitat von Ein netter NetterIch wette 100 EUR, dass noch kein Japaner jemals etwas von Shimokita als neuem Hipster-Viertel von Tokyo gehört hat. Das ist wieder ein typisches Beispiel dafür, dass man über Japan in westlichen Medien so ziemlich alles schreiben kann, weil es niemand überprüft.
Weißt du wie googeln geht? Da findest du Infos en masse! Und wenn du japanisch auf deiner Maschine hast auch im Original! Es ist dufte in Shimokita. War erst kürzlich mit Umeda-san in der "Pinkelgasse"! Traumhaft essen! Schön kampai gemacht. Sei doch so nett und geh mal hin. Da triffst du massenhaft Japaner. Pass aber auf, dass du aufrecht nach Hause kommst.
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