Gentrifizierung in Japan Kampf um Tokios Herz

Hier gibt's die beste Musik, die originellsten Galerien, die urigsten Kneipen der Stadt: Tokios Kreativszene trifft sich im Viertel "Shimokita". Doch ein gigantisches Straßenprojekt bedroht den Stadtteil - die Einwohner kämpfen für ihr kleines Paradies in der Millionenmetropole.

Aus Tokio berichtet Sonja Blaschke

Sonja Blaschke

Unter einer rostigen Eisenbahnbrücke sitzt ein Mann auf den Knien. Ein weißes Handtuch um den Kopf, das die langen schwarzen Zotteln im Zaum hält, dazu Bart und dicke Nerd-Brille. Immer wieder bleiben Leute stehen, kichern erst verschämt und biegen sich bald vor Lachen. Plötzlich zucken sie zusammen: Der Mann vor ihnen brüllt los, seine tiefe Stimme bebt, die Hand zittert vor Wut. Eine Sekunde später ist der Spuk wieder vorbei. Stattdessen mädchenhaftes Gesäusele im Flüsterton. Mit einer Hand hält er einen japanischen Comic hoch: Rikimaru Toho ist professioneller Manga-Vorleser. Am Südausgang des Bahnhofs von Shimokitazawa zeigt er regelmäßig seine Kunst.

Wo auch sonst: Für Tokios Künstler und Kreative ist der Stadtteil ein Paradies der Subkultur. Man mische die labyrinthartige Enge des Hamburger Gängeviertels mit der kulturellen Vielfalt des New Yorker Szene-Stadtteils Greenwich Village und werfe etwas Flair vom Londoner Portobello Road Market hinzu. Heraus kommt Shimokitazawa, ein besonders bei jungen Leuten populäres Stadtviertel im Westen der japanischen Megalopolis Tokio, das so gar nicht deren futuristischem Image zu passen scheint. Zu alt und niedrig sind die Häuser, zu eng und abschüssig die Straßen, zu verschlungen die Gassen mit ihren graffitibesprühten Wänden.

"Shimokita", wie die Einheimischen ihr Zuhause kurz nennen, ist so ganz anders als das Neonlicht-Tokio, das Filme wie "Lost in Translation" und "Babel" zelebrieren. Es ist eben nicht steril, kalt und einsam. Es ist nicht - wie seine großen Nachbarn, die Stadtteile Shinjuku und Shibuya - eine identitätslose Ansammlung von Hochhäusern, Love Hotels, Karaoke-Boxen und den immer gleichen Restaurant- und Kaufhausketten.

Coolness-Faktor: extrem hoch

Im Gegenteil: Phantasie und Vielfalt sind Trumpf. Besonders abends sitzen vielerorts junge Kreative musizierend unter freiem Himmel oder breiten auf Tüchern Zeichnungen, Postkarten und selbstgemachte Accessoires aus. In den Bars, Clubs und Kneipen gibt es auch an Wochentagen Livemusik quer durch alle Genres, vor allem Jazz und Rock. Neben traditionellen japanischen Festen finden regelmäßig Theater-, Film- und Musikfestivals statt. Alles im Umkreis von 15 Gehminuten.

Wer auf die beliebte Smalltalk-Frage nach dem Wohnort Shimokitazawa angibt, kann sich deshalb bewundernder (oder neidischer) Blicke sicher sein. Der Coolness-Faktor ist hoch - und ebenso die Identifikation der Einwohner mit ihrer "Stadt in der Stadt".

Daher engagieren sich viele seit Jahren in Bürgerinitiativen wie "Save the Shimokita", um den Bau einer 26 Meter breiten Schnellstraße quer durch den Ortskern zu verhindern. Sie sehen darin den Todesstoß für das einzigartige Künstlerbiotop. Die Aktivisten zogen sogar vor Gericht - ein Schritt, der in Japan Ultima Ratio ist.

Die Baumaßnahme, die auf Plänen von 1946 basiert, würde das Stadtbild dramatisch verändern. Denn derzeit sind die meisten Straßen nur vier bis sechs Meter breit. Autos wagen sich daher nur selten in den Kern vor. So ist Shimokitazawa eine große Fußgängerzone, ohne je formal dazu erklärt worden zu sein. Eine Seltenheit in Tokio, wo es kaum autofreie Gebiete gibt, abgesehen von langgezogenen, überdachten Einkaufspassagen. "In Deutschland oder Dänemark vertreiben sie die Autos aus den Innenstädten, und in Japan holen wir sie herein. Das wäre doch sehr ironisch", sagt einer der Straßengegner.

Seit mindestens 20 Jahren im Viertel

Warum sich ein Gang durch das Subkultur-Mekka lohnt, skizzieren vier Menschen, die für Shimokitazawa typisch, aber keineswegs außergewöhnlich sind: ein Maler und Gitarrist, eine Modedesignerin und Galeristin, ein Musiklabel-Besitzer und Bassist sowie ein Bühnentechniker und Theaterautor.

Sie alle leben oder arbeiten dort seit mindestens 20 Jahren und verfolgen mit Sorge, wie sich langsam Zeichen der "Normalisierung" einschleichen. Das Resultat wäre eine von vielen gesichtslosen Vorstädten. Besonders bedauern alle den mit dem Straßenbau einhergehenden Abriss der alten Schwarzmarktgässchen am Nordausgang. Dort soll eine Bus- und Taxihaltestelle entstehen. Dabei ist die Vorstadt, in der sich zwei Bahnlinien kreuzen, im öffentlichen Nahverkehr bereits sehr gut angebunden, zumal keine zehn Minuten von der Yamanote-Ringbahn, der Lebensader Tokios, entfernt.

Während die Straßengegner gerne zu Interviews bereit waren, halten sich die Befürworter bedeckt. Keiner von ihnen wollte sich öffentlich äußern. Man habe schlechte Erfahrungen mit Journalisten gemacht, hieß es.

Vier Einheimische skizzieren ihr Lieblingsviertel:



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insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
Schnurz321 08.11.2010
1. Technikfeinde!
Die technikfeindlichen Japaner! ;)
Ein netter Netter 08.11.2010
2. Weit weit ist's weg
Ich wette 100 EUR, dass noch kein Japaner jemals etwas von Shimokita als neuem Hipster-Viertel von Tokyo gehört hat. Das ist wieder ein typisches Beispiel dafür, dass man über Japan in westlichen Medien so ziemlich alles schreiben kann, weil es niemand überprüft.
benG 08.11.2010
3. Keine Macht den Titeln
Zitat von Ein netter NetterIch wette 100 EUR, dass noch kein Japaner jemals etwas von Shimokita als neuem Hipster-Viertel von Tokyo gehört hat. Das ist wieder ein typisches Beispiel dafür, dass man über Japan in westlichen Medien so ziemlich alles schreiben kann, weil es niemand überprüft.
Auch wenn der Artikel etwas überspitzt ist, so ist den meisten Japanern Shimokita durchaus ein Begriff. Das hatte mich zunächst auch erstaunt, aber meinen Wohnort (Meidaimae, Higashi-Matsubara) konnte ich immer ganz gut damit beschreiben. Ob es nun das neue "Hipster"-Viertel ist.. weiss nicht, neu vielleicht nicht, aber das suggeriert der Artikel auch nicht unbedingt. Auf jeden Fall ein sehr schönes Stadtviertel..und halt doch ganz anders als Shibuya und Shinjuku.
Ein netter Netter 08.11.2010
4. Sehe ich anders
Zitat von benGAuch wenn der Artikel etwas überspitzt ist, so ist den meisten Japanern Shimokita durchaus ein Begriff. Das hatte mich zunächst auch erstaunt, aber meinen Wohnort (Meidaimae, Higashi-Matsubara) konnte ich immer ganz gut damit beschreiben. Ob es nun das neue "Hipster"-Viertel ist.. weiss nicht, neu vielleicht nicht, aber das suggeriert der Artikel auch nicht unbedingt. Auf jeden Fall ein sehr schönes Stadtviertel..und halt doch ganz anders als Shibuya und Shinjuku.
Ich finde den Artikel sogar sehr überspitzt. Ich würde allerdings den Begriff "reisserisch" bevorzugen. Der Artikel soll ja nichts "suggerieren", sondern einfach beschreiben, was Sache ist. Wenn es sich denn tatsächlich um eine News handelt, die es wert ist, bei den Top-Meldungen auf der Homepage zu stehen. Denn durch den Schreibstil soll doch ganz klar gesagt werden: "Achtung! Durchsage! Wir haben wir eine ganz neue Meldung aus diesem skurrilen Land in Asien, wo man gebrauchte Unterwäsche aus dem Automaten ziehen kann!" Den unterschwelligen Orientalismus werden die Deutschen Medien wohl niemals ablegen können.
AKI CHIBA 08.11.2010
5. Lieber Netter!
Zitat von Ein netter NetterIch wette 100 EUR, dass noch kein Japaner jemals etwas von Shimokita als neuem Hipster-Viertel von Tokyo gehört hat. Das ist wieder ein typisches Beispiel dafür, dass man über Japan in westlichen Medien so ziemlich alles schreiben kann, weil es niemand überprüft.
Weißt du wie googeln geht? Da findest du Infos en masse! Und wenn du japanisch auf deiner Maschine hast auch im Original! Es ist dufte in Shimokita. War erst kürzlich mit Umeda-san in der "Pinkelgasse"! Traumhaft essen! Schön kampai gemacht. Sei doch so nett und geh mal hin. Da triffst du massenhaft Japaner. Pass aber auf, dass du aufrecht nach Hause kommst.
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