Germanismen in Fernost Klasse, Korea braut Deutsch

Wer als Deutscher nach Südkorea reist, erlebt ein kurioses Sprach-Déjà-vu: Auf vielen Firmenschildern tauchen Worte wie "Liebe", "Meister" und "Autobahn" auf, Germanismen sind in der koreanischen Werbung fast so beliebt wie das Denglisch bei uns. Eine Foto-Reise ins Land des "Gartenbiers".

Aus Seoul berichtet


Daran, dass Werber auch außerhalb der USA und Großbritanniens die englische Sprache für ihre Reklamesprüche malträtieren, hat man sich ja inzwischen gewöhnt. Burger King erteilt auch seinen deutschen Kunden den Ratschlag "Whopper your way", Coca-Cola schlägt vor, immer die "Coke Side of Life" im Blick zu behalten - und sogar die gute alte Deutsche Post in ihrer Inkarnation als DHL bezeichnet ihr armes Personal neuerdings als "Die Do-how people".

Wer als solcherart anglizismengeplagter Deutscher die Reise nach Südkorea antritt, muss sich auf eine Überraschung gefasst machen: In der Werbesprache des fußballverrückten Wirtschaftswunderstaates steht neben Englisch und Französisch auch das Deutsche hoch im Kurs.

Es fängt ganz harmlos damit an, dass Schilder mit dem Wort "Hof" auf den Straßen von Seoul und Busan omnipräsent sind - sie bezeichnen Kneipen, die West-Trank wie Bier servieren. Es geht damit weiter, dass es auch allerlei andere Vokabeln aus dem Wortfeld "Bier und Besäufnis" erfolgreich nach Korea geschafft haben - so gilt ein "Bräuhaus" offenkundig als überteutonische Fortentwicklung des "Hofs", oft dekoriert mit pseudomittelalterlichen Wappen oder neonflimmernden Löwen-Figürchen.

Noch etwas überraschender ist es, mitten in einer Hochhaus-Trabantensiedlung der Hafenstadt Busan ein Restaurant namens "Kassel" zu entdecken (dort werden vielerlei Wurstsorten aufgetischt) oder in einem Studentenviertel von Seoul den Jacken- und Mützenladen "VolksWagen" zu finden - dessen Slogan lautet übrigens "In Diesem Platz Gibt Es Immer Etwas Neues". Bisweilen trifft man sogar auf Namen wie "Deutsche Konditorei" oder "Deutscher Brillenladen".

Vorwärts, Korea, in Deutschland!

"Die deutsche Sprache wirkt auf viele Koreaner exotisch. Gleichzeitig besitzt sie gerade bei Studenten oder Kunstinteressierten den Rang einer Art Statussymbol", sagt Lee Mi-young, Linguistik-Doktorandin und Koreanisch-Lehrerin in Hamburg. Deswegen tauche Deutsch auf Werbeschildern gerade in der Gastronomie und in Markennamen in Südkorea ebenso auf wie Englisch oder Französisch. "In Europa ist Deutschlands Image ja immer noch durch den Weltkrieg belastet", sagt Lee. "In Korea ist das nicht so, weil der Krieg vor allem mit Verbrechen Japans verbunden wird."

Skurriles, Erstaunliches, Berührendes, Alltägliches - auf ihren Reisen quer durch die Welt haben SPIEGEL- und SPIEGEL-ONLINE-Autoren viel erlebt. In loser Folge berichten sie in der Reihe Travel Log.
Auf den deutschen Reisenden können die teutonischen Wortfetzen natürlich oft ungewollt witzig wirken - etwa wenn sich eine (rein koreanische) Sportbekleidungskette den Namen "Karl Max" gibt (Ähnlichkeiten mit bärtigen Denkern sind sicher rein zufällig) oder ein halbheruntergekommenes Bistro mit dem Namen "Kaiser" renommiert. Und wer würde hierzulande schon auf die putzige Idee kommen, ein Studentencafé "Ich liebe dich" (Kurzform: "ILiDi") zu taufen?

Der Einfluss deutscher Kultur und Sprache geht in Südkorea aber noch weiter, als ein flüchtiger Blick auf solche Werbeschilder vermuten ließe, berichtet Lee. So habe der Konzern-Gigant Lotte - er ist in Korea ähnlich präsent wie Hyundai und Samsung - seinen Namen erhalten, weil der Firmengründer für Goethes "Die Leiden des jungen Werther" schwärmte - und für die weibliche Hauptfigur Charlotte. Zum Jahresende spiele man in Korea Beethovens Neunte, "Oh Tannenbaum" gehöre zum Allgemeingut. Und das im Land bisher erfolgreichste Musical sei, allerdings in der koreanischen Übersetzung, "Linie 1" aus Deutschland.

Nicht wenigen Koreanern, so scheint es also, gilt Deutschland (immer noch) als Land der bienenfleißigen Wertarbeit und der Hochkultur, die Deutschen hält man für gleichermaßen romantisch, modisch - und sportlich. Das ist natürlich alles ziemlich schmeichelhaft. Soll doch Südkorea die Fußball-WM in Deutschland gewinnen - als Dank für so viele Komplimente.

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