Gipfelstatistik Mit dem Segen der Everest-Chronistin

Eine letzte schweißtreibende Prüfung müssen die erfolgreichen Teilnehmer der deutsch-schweizerischen Mount-Everest-Expedition in Katmandu bestehen: Nur wenn sie sich im Verhör mit der 79-jährigen Elisabeth Hawley behaupten, sind ihre Gipfelerfolge in der Bergsteigerszene anerkannt.


Großes Wissen über den Everest: Die Gipfel-Chronistin Elisabeth Hawley residiert in Katmandu
Oliver Häussler

Großes Wissen über den Everest: Die Gipfel-Chronistin Elisabeth Hawley residiert in Katmandu

Der Besuch von Elisabeth Hawley ist für jede Expedition ein Teil des offiziellen Pflichtprogramms. Erst mit dem Segen der rüstigen Lady gilt eine Gipfelbesteigung als erfolgreich. Schon manchem, der behauptete, bestimmte Berge bestiegen zu haben, machte sie die Hölle heiß. Einige überführte sie als Lügner.

Bei Gipfelstürmern nimmt sie die Sache besonders ernst. Die Fragen von Elisabeth Hawley sind unerbittlich: Wann habt ihr das Lager 1 aufgebaut? An welchem Tag hat die Expetition zum ersten Mal am Südsattel geschlafen? Wie viele Flaschen Sauerstoff habt ihr auf dem Weg zum Gipfel gebraucht?

In einem leichten Sommerkleid, die Lippen knallrot geschminkt, sitzt die 79-jährige Elisabeth Hawley in der Lobby des Hotels Royal Singi. Mit scharfem Blick linst sie über ihre Brille, bei jeder Frage fixiert sie einen der Bergsteiger. Expeditionsorganisator Eckhard Schmitt blättert in seinem Expeditionstagebuch. Einige der Fragen können er und Tom Zwahlen, technischer Leiter der Expedition, aus dem Kopf beantworten. Bei anderen muss er in seinen Unterlagen nachschlagen: wann die Mitglieder der deutsch-schweizerischen Jubiläumsexpedition welches Lager aufgebaut hatten. Bei einigen Ausführungen der Bergsteiger huscht der Grande Dame der Himalaja-Statistik ein Lächeln über die Lippen.

Tom Zwahlen holte seine Videokamera und führte der strengen Elisabeth Hawley den halbstündigen Film vor, den er am Südgrat, im Hillary-Step und auf dem Gipfel aufgenommen hat. Nach dem Ende der Aufnahmen entspannen sich die strengen Gesichtszüge Lady. Die Bergsteiger der deutsch-schweizerischen Jubiläumsexpedition können die Institution in Sachen Himalaja-Bergsteigen überzeugen. Dreimal Gipfel für Eike Mrosek, Tom Zwahlen und Christian Rossel sowie zweimal Südgipfel für Frank Everts und Roland Brand notiert sie nach mehr als einer Stunde Verhör. Die Expedition hat den Segen von Elisabeth Hawley.

Seit etwa 40 Jahren lebt die rüstige Frau in Katmandu. Als Korrespondentin für eine amerikanische Zeitung interviewte sie Expeditionen nach ihren Gipfelerfolgen. Obwohl sie sonst mit dem Bergsteigen nicht viel am Hut hat, eignete sich Elisabeth Hawley im Laufe der Zeit viel Wissen über die Gipfel des Himalaja an. Sie erkennt schnell, ob ihr die Expeditionen einen Bären aufbinden wollen. Ein Bergsteiger behauptete etwa einmal, den Everest bestiegen zu haben. Als Zeuge führte er seinen Bergkameraden auf, der ihn vom Südgipfel aus gesehen haben wollte. Natürlich weiß Elisabeth Hawley, dass vom Südgipfel aus der 8848 Meter hohe Gipfel des Everest nicht zu sehen ist. Fotos, Weg- und Aussichtsbeschreibungen dienen der Lady als Beweismaterial, um offiziell einen Gipfelerfolg zu bestätigen.

Die letzte Prüfung vor der Heimreise: Nach einer Stunde ist Elisabeth Hawley überzeugt und nimmt die Gipfelerfolge in ihre Statistik auf
Oliver Häussler

Die letzte Prüfung vor der Heimreise: Nach einer Stunde ist Elisabeth Hawley überzeugt und nimmt die Gipfelerfolge in ihre Statistik auf

Wenn die Everest-Bergsteiger nach Katmandu zurückkommen, ist für sie die Expedition noch lange nicht beendet. Dann beginnen wieder die langwierigen Verhandlungen mit den nepalischen Behörden. Die Vertreter des Tourismusministeriums wollen die Papiere sehen und fragen ab, ob der Müll auch ordnungsgemäß entsorgt und die Sauerstoffflaschen alle wieder zurückgebracht wurden. Erst dann gibt es das Pfand für den Müll zurück. Dann muss der Großteil des Gepäcks wieder durch den Zoll geschleust werden. Wie bereits bei der Einreise läuft ohne ein ausreichendes Bakschisch gar nichts. Je großzügiger der Verbindungsmann der Trekking-Agentur schmiert, desto schneller laufen die Verhandlungen mit dem Beamten.

Von Oliver Häußler, Katmandu



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