Gipfeltour in Feuerland Auf dem Lieblingsberg der Biber

Am Mittwoch beginnt die Frankfurter Buchmesse, Partnerland ist diesmal Argentinien. Ein Land, dem Robert Jacobi in seinem neuen Buch "Der wilde Kontinent" mehrere Kapitel gewidmet hat - hier berichtet er von einer einsamen Bergtour inklusive Crashkurs in Landeskunde.

Robert Jacobi

Schneebedeckte Berge türmen sich bis zum westlichen und östlichen Horizont, viele von ihnen niemals bezwungen. Die Kulisse wirkt übernatürlich schön, als ich vom Gipfel um mich blicke. Nur in Richtung Südwesten öffnet sich eine Schneise, durch die sich die Straße hinab nach Ushuaia schlängelt. Dort unten ist ein schmaler Abschnitt des Beagle-Kanals zu erkennen, an dessen Ufern einst so manche Besatzung Schiffbruch erlitten hat. Den ganzen Tag über ist uns kein anderer Mensch begegnet.

"Ich bin schon oft aufgestiegen, aber so gut war die Sicht selten", freut sich Luis Turi, der Bergführer, mit dem ich gerade den Gletschergipfel des Cerro Alvear erreicht habe. Mit 1450 Metern ist der einer der höchsten Berge im argentinischen Teil Feuerlands. "Wir sollten nicht zu lange bleiben, dort hinten zieht schlechtes Wetter auf. Das kann jeden Augenblick hier sein", sagt Luis.

Er ist einer der besten Bergsteiger der Insel. In den Anden hat er so gut wie alle bekannten Gipfel bezwungen, an der Hauptstraße in Ushuaia betreibt er eine Bergschule. Kürzlich leitete er im Auftrag des spanischen Fernsehens eine Expedition ins indische Hochgebirge. "Die Natur ist beeindruckend dort, aber ich kann nicht verstehen, dass man als Tourist dorthin will, die Armut ist schrecklich", berichtet er.

"Unsere Politiker sind unfähig"

Bei unserem Aufstieg, der knapp über Meereshöhe begann, haben wir uns über Weltpolitik und die Lage in Argentinien unterhalten. Manchmal blieb mir vor Anstrengung fast die Luft weg, und ich kam kaum mehr dazu, mich umzusehen und die Natur zu bewundern.

"Wir sind eigentlich ein sehr reiches Land, aber unsere Politiker sind so unfähig, dass sie uns immer wieder zugrunde richten", seufzt Luis. "Von der großen Krise haben wir uns immer noch nicht erholt." Wenn Argentinier von der großen Krise sprechen, meinen sie damit nicht die weltweite Finanzkrise, sondern den Zusammenbruch ihrer Wirtschaft kurz nach der Jahrtausendwende. Die künstlich aufgepumpte Landeswährung wurde abgewertet, jahrzehntelang ersparte Guthaben wurden fast wertlos. In den Städten brachen Unruhen aus. Bis heute ist Argentinien ein internationaler Großschuldner, der nur zögerlich zurückzahlt.

"Hast du denn auch Geld verloren?", frage ich Luis. "Nicht so viel, ich hatte damals ja kaum etwas, weil ich noch jung war. Aber eine Katastrophe war es trotzdem. Meine Familie hat viel eingebüßt. Nur die Reichen haben ihr Geld rechtzeitig ins Ausland gebracht."

Biber beißen die Wälder kaputt

Nach einem längeren Aufstieg durch den knorrigen Südbuchenwald erreichen wir eine Talsenke. Der Gipfel über uns ist noch von einer Wolke eingehüllt. Die dünnen, niedrigen Bäume sind fast alle verdorrt oder umgestürzt. Ein kleiner Fluss hat sich gebildet, aus dem kahle Äste herausragen und der sich weiter unten zu einem See aufstaut.

"Was ist denn hier passiert?", frage ich. "Das waren Biber", erklärt Luis und deutet auf die Wände aus totem Holz, die am Ufer übereinander geschichtet liegen.

"Wie meinst du das? Sieht eher aus, als wäre hier eine Lawine runter gekommen."

"Nein, es waren wirklich Biber. Die sind in Feuerland eine echte Plage. Kanadische Siedler haben sie vor 50 Jahren eingeführt, weil sie mit den Fellen Geld verdienen wollten. Aber die Tiere haben bei uns keine natürlichen Feinde, beißen die Wälder kaputt und verändern die Landschaft."

Ich suche die Dämme nach Bibern ab, aber ausgerechnet heute scheinen sie sich einen Tag freigenommen zu haben.

Schäden durch amerikanische Holzfirmen

"Das Problem ist, dass unsere Bäume extrem langsam wachsen, weil das Klima so kalt und der Boden ziemlich nährstoffarm ist", sagt Luis. "Das macht die Wälder sehr wertvoll. Der Schaden ist enorm. Nicht ganz so groß wie der, den amerikanische Holzfirmen anrichten, aber immerhin."

Luis weiß so ziemlich alles über die Natur auf Feuerland. "Es gibt nur drei Arten von Bäumen hier, die beiden sommergrünen Nire und Lenga, dazu der immergrüne Guindo." Fünf Minuten stöbert Luis im Wald zwischen Büschen, Pilzen und Kletterpflanzen, dann hat er mir von jeder der drei Südbuchenarten ein kleines Blatt gepflückt. "Als Erinnerung für dich." Erfreut stecke ich die Blätter ein.

Es hat eine Weile gedauert, bis Luis und ich miteinander warm geworden sind. Während der Jeepfahrt von Ushuaia am frühen Morgen erschien er mir wortkarg und mürrisch. Er versuchte gar nicht erst zu verbergen, dass er, zwei Tage nach Heiligabend, lieber ausgeschlafen hätte, als in die Berge zu gehen.



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el varón, libre 05.10.2010
1. .
Wunderbarer Text. Gibt ein gutes Stimmungsbild von Argentinien bzw. Feuerland wieder. Bin auf das Buch gespannt!
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