Ende einer Ära New Yorks deutscher Bäcker macht dicht

Einst war New York für seine Einwandererviertel berühmt. Mit der 116 Jahre alten Bäckerei Glaser verschwindet nun die letzte Spur des deutschen Viertels am "Sauerkraut Boulevard".

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"Glaser's Bake Shop" ist seit langer Zeit ein Anachronismus im stets modernen New York: Seit 1902 versorgt die Bäckerei ihr Viertel mit Backwaren deutscher Prägung. Klar, entstand sie doch damals mitten am "Sauerkraut Boulevard" im deutsch geprägten Einwandererviertel Yorkville an der Upper East Side.

116 Jahre später sind die Nachkommen der deutschsprachigen Einwanderer längst assimiliert und aus dem Bild des Viertels verschwunden. So wie das "Bavarian Inn", die "Lorelei Dance Hall", die "Kleine Konditorei", das "Café Geiger" und "Kramer's Pastries", Glasers letzter direkter Konkurrent, der 1999 schließen musste. Jetzt ist auch für Glaser Schluss: Am 1. Juli verliert New York seine letzte lebendige Erinnerung an Zeit und Kultur der deutschen Einwanderer.

"Es war eine schwierige Entscheidung", gesteht Herbert Glaser, 65 Jahre alt, Mitbesitzer der Bäckerei und seit 43 Jahren der Mann am Backofen: "Ich bin müde. Man muss stundenlang auf den Beinen stehen und die Arbeit wird schwieriger, wenn man älter wird. Es ist Zeit, in Rente zu gehen."

Es ist wie so oft in dieser Art des Handwerks: Einen Nachfolger aus der eigenen Familie gibt es nicht. Deshalb verkaufen die Glasers ihren Laden.

Dabei stehen die Kunden Schlange. "Seit wir unsere Schließung angekündigt haben, haben wir so viel zu tun wie noch nie", erzählt Glaser, der das Unternehmen mit seinem zwei Jahre älteren Bruder John führt. Aus dem Ofen dringen Plätzchendüfte, während im Hintergrund Opernmusik spielt. Die Backstube ist funktional und auf dem Stand der Zeit. Im Ladengeschäft selbst scheint die Zeit stehengeblieben zu sein: Einrichtung und Dekor sind original von 1918. In Deutschland stünde das alles wohl unter Denkmalschutz.

Auf Anfrage backen die Glasers deutsche Leckereien wie Schwarzwälder Torte, Bienenstich, Stollen, Lebkuchen und Makronen, für die Kunden bar bezahlen müssen. Man munkelt sogar, dass hier vor rund 100 Jahren die berühmten "black and white cookies" kreiert wurden, die in Deutschland "Amerikaner" genannt werden. In Großbritannien nennt man sie "German Buns", also "deutsches Gebäck". Sollte Glaser wirklich ihr Erfinder sein, wäre möglicherweise beides wahr.

Auswandererkarriere

Herbert Glasers Großeltern John Herbert und Justine Glaser stammten aus dem oberpfälzischen Waldsassen. Um 1890 machten sie sich per Schiff auf den Weg nach Amerika. Als gläubige Christen besuchten sie eine deutsch-katholische Kirche in Yorkville, wo sie schließlich ein Gebäude kauften. Darin eröffneten sie 1902 ihre Bäckerei, die von Generation zu Generation weitergeführt wurde.

"Dass wir das Gebäude besitzen, ist der einzige Grund, warum wir so lange im Geschäft bleiben konnten," meint Glaser, Sohn eines deutschstämmigen Vaters und einer aus stammenden Mutter. Er lebt noch immer in der Wohnung über der Bäckerei und ist auch damit im Zentrum New Yorks eine echte Ausnahme: "Eine kleine Familienbäckerei wie unsere kann sich in Manhattan nicht halten."

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Ende einer Ära: New Yorks letzter deutscher Bäcker

Anwohner Richard Lynch ist enttäuscht, dass Glaser's bald schließen wird. Er besucht die Bäckerei seit 58 Jahren. Bepackt mit einem Beutel Scones - ein überall in der englischsprachigen Welt beliebtes Mürbegebäck, dass man gern mit gesalzener Butter und süßem Aufstrich zum Tee isst - erzählt der 80-Jährige: "Vieles hat sich verändert, die Mietpreise hier sind in die Höhe geschossen. Vor ein paar Jahrzehnten war die Gegend noch deutsch, mit Brauereien, Metzger und Restaurants. Damals konnte man in Lederhosen herumspazieren."

Immigranten plauderten in Deutsch auf der Straße, sagt er, deutsche Filme wurden im Deutschen Theater aufgeführt und abends tanzten Einwohner beschwingt zu Volksmusik auf Tanzdielen. Auf der 86. Straße in dem Viertel, scherzhaft "Sauerkraut Boulevard" genannt, reihten sich deutsche Restaurants aneinander. Nicht ganz klar wird, wie lang das zurückliegt: Es war eine Zeit, die wenig Spuren hinterlassen hat.

Dass nun ein lebendiges Stück altes New York verschwindet, bedauert auch Verkäuferin Pamela Davenport, 79: "Kleine Familienunternehmen sind heutzutage eine Seltenheit." Die gebürtige Britin arbeitet seit 20 Jahren bei Glaser's. "Ich habe hier Kinder großwerden sehen. Das Viertel verliert einen echten Schatz."

Obwohl ihm der Abschied schwerfällt, freut sich Glaser auf den Ruhestand. Er hat Deutschland zweimal besucht, vor allem München und eine Donaufahrt haben ihm gefallen. "Ich habe leider nie Deutsch gelernt", erzählt er. Bisher zumindest, denn für ihn macht die Schließung auch neue Dinge möglich: "Wenn ich in Rente gehe, habe ich endlich Zeit für einen Sprachkurs."

Stephanie Ott, dpa/pat

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