Geld, Freiheit, Sex Acht Chinesen erzählen, was sie glücklich macht

Wer genug Essen und Kleidung hat, ist glücklich, sagt ein chinesisches Sprichwort. Doch seit Chinas Wirtschaft boomt, entstehen ganz andere Wünsche. Acht Einheimische - vom Wachmann bis zum Multimillionär - erzählen, was Glück für sie ist.

Von Jannika Schulz

Chinesische Hotelmitarbeiterinnen in Peking: Was ist Glück?
REUTERS

Chinesische Hotelmitarbeiterinnen in Peking: Was ist Glück?


Irgendwo in Peking: Die Luft ist klebrig. Geräusche klingen erstickt. Sonne oder blauen Himmel gibt es nicht. Und doch tanzt eine Mittfünfzigerin in Leggins mit einem Lächeln im Gesicht. Inmitten des grauen Trübsals der Smog-Metropole hat sie in einem Park ihren Ghettoblaster aufgestellt, der ohrenbetäubend laut Discomusik abspielt. Die Frau wiederholt immer wieder dieselben Schrittfolgen. Die Welt um sie herum scheint nicht zu existieren.

Ein paar Hundert Meter weiter steht ein Rentner mit Cowboyhut an einer achtspurigen Hauptstraße. Seelenruhig und verträumt guckt er seinem bunten Drachen hinterher, den er sanft über den Autos hin und her ziehen lässt. Auch er hat ein Lächeln auf den Lippen.

In chinesischen Großstädten findet man immer wieder Menschen, die sich inmitten des Chaos eine kleine Insel der Glückseligkeit erschaffen, wenigstens für ein paar Minuten.

Ein chinesisches Wörterbuch definiert Glück als "ein Leben oder Umstände, die so sind, wie man es sich wünscht". Wir wollten wissen, wie diese Umstände für Chinesen aus ganz unterschiedlichen Lebensbereichen aussehen - vom Millionär bis zum Wachmann. Und da in China Acht eine Glückszahl ist, erzählen acht Menschen von ihrem ganz persönlichen Glück.

Der IT-Millionär

Mao Kan Kan, 31 Jahre, Peking

Es macht mich glücklich, viel Geld zu verdienen und meiner Freundin und meiner Mutter Geschenke zu kaufen: Unterwäsche, Handtaschen, Schuhe. Mein Vorbild ist der Soldat Lei Feng. Mao hat gesagt, dass sich jeder an seiner Selbstlosigkeit ein Beispiel nehmen sollte.

Ich brauche aber auch viel Geld für mich selbst: zum Reisen, für Autos, zum Wohnen, fürs Weggehen. Ich mag Tequila und Karaoke. Mir gefällt es, beim Singen von den Leuten bejubelt zu werden. Dabei kann ich alles vergessen. Vor allem den Druck. Ich arbeite sehr viel, auch nachts, habe große Verantwortung für meine 138 Mitarbeiter.

Ein glücklicher Tag ist für mich ein ganz einfacher Tag. Wenn ich ausschlafen kann und zusammen mit meiner Freundin frühstücke. Wenn wir den ganzen Tag Sex im Badezimmer haben.

Seit letztem Jahr bin ich Buddhist. Ich habe einen Mönch kennengelernt und mich ihm gleich sehr nah gefühlt. Er hat auch so viele Tattoos wie ich. Seitdem meditiere ich jeden Tag, das gibt mir inneren Frieden.

Mao Kan Kan entwickelt IT-Start-Ups, macht sie groß und verkauft sie dann für viel Geld. Seine erste Million verdiente er mit Anfang 20, er gilt als Playboy und Partylöwe.

Der ehemalige Arbeitslagerhäftling

Li Sun, 43 Jahre, Chongqing

Glück wäre für mich, wenn alle Menschen an einem Ort aufwachsen könnten, wo gegenseitiger Respekt herrscht, Redefreiheit und Demokratie. Wo die Menschenrechte gelten und Rechtsstaatlichkeit.

In unserer Welt sollte es keine Arbeitslager geben. Die kommunistische Theorie lehrt uns: Alle Menschen sind gleich. Aber das stimmt nicht, das ist eine Lüge. Mich haben sie ins Arbeitslager gesperrt, weil ich im Internet Kritik geäußert habe. Fast ein Jahr musste ich dort Netzwerkkabel löten. Auch heute noch verfolgt mich diese dunkle Zeit. Jeden Tag. Ich werde überwacht und von der Geheimpolizei regelmäßig eingeschüchtert. Sie haben mir schon die Reifen am Auto zerstochen und mir gedroht: Egal wo du bist, wir finden dich. Diese permanente Überwachung raubt mir jegliche Freiheit, sie ist die größte Bedrohung meines persönlichen Glücks.

Doch ich bin ein Kämpfer. Jetzt erst recht, ich habe doch nichts mehr zu verlieren. Ich leite im Internet eine Gruppe von Ex-Häftlingen, wir machen öffentlich, was uns passiert ist. Und ich gebe viele Interviews, auch der ausländischen Presse. Es gibt ein Sprichwort in China: Ein totes Schwein hat keine Angst vor heißem Wasser. Wenn durch meine Aktivitäten in China eine Art Rechtsystem entstehen könnte, würde mich das sehr glücklich machen.

Li Sun heißt eigentlich anders. Um sich zu schützen, benutzt er dieses Pseudonym. Er ist Besitzer einer Textilfabrik und verbrachte fast ein Jahr seines Lebens in einem Arbeitslager in der Provinz Chongqing.

Die Chefredakteurin

Yuexin Wang, 39 Jahre, Peking

Mein größtes Glück ist mein viereinhalbjähriger Sohn. Um mit ihm Zeit verbringen zu können, habe ich sogar meine Arbeitszeit reduziert. Früher war ich jeden Tag bis 2 Uhr nachts in der Redaktion. Meinen Sohn habe ich kaum gesehen, damals bedeutete mir Karriere alles.

Das hat sich jetzt sehr verändert. Ich versuche, eine bessere Balance hinzubekommen. Doch ich habe das Gefühl, dass ich das nicht so gut schaffe. Mein Sohn hat sich schon beschwert, er meinte, ich habe nicht genug Zeit für ihn. Das macht mich sehr unglücklich.

Viele meiner Freunde versuchen genau wie ich, nicht mehr nur für die Karriere zu leben. Ich kenne eine Sängerin und einen Schauspieler, die jedes Jahr einen Monat auf Meditationsreise gehen. Eine Immobilienmanagerin, mit der ich befreundet bin, macht viele gemeinnützige Projekte, sie war schon am Süd- und am Nordpol und im Himalaja.

Anfang 2014 hat die Modejournalistin Yuexin Wang das Frauenmagazin "Style" gegründet. Zuvor führte sie acht Jahre lang als Chefredakteurin das Modemagazin "Fashion Weekly". Jetzt war es Zeit für einen Neuanfang.

Der Wachmann

He Nan, 17 Jahre alt, Peking

Glück heißt für mich, dass es meiner Familie gut geht. Meine Schwester ist drei Jahre älter als ich, sie fängt jetzt mit der Universität an. Darüber freue ich mich sehr. Ich versuche auch immer, ein guter Sohn zu sein, und rufe meine Eltern regelmäßig an. Ich selbst bin nicht sehr glücklich. Wenn ich eine Freundin hätte, dann wäre das anders. Und wenn ich einen anderen Job hätte. Das hier ist nicht das, was ich mir für mein Leben vorgestellt hatte. Wenn ich fertig bin mit dem Wachdienst, bin immer ich so erschöpft, dass ich nur noch schlafen kann.

Ich würde gerne Koch werden. Früher habe ich oft bei meiner Mutter in der Küche zugeschaut und ihr geholfen. Am besten kann ich gebratene Paprika mit Reis. Der schönste Tag in diesem Jahr war mein Geburtstag. Ich war zu Hause bei meiner Familie und meine Mutter hat mein Lieblingsessen gemacht: gebratenes Schweinefleisch und Eier.

He Nan ist Wachmann in einer Luxuswohnsiedlung in Peking, in der vor allem Europäer leben. Er arbeitet täglich dreizehn Stunden, die ganze Nacht durch, nur am Sonntag hat er frei.

Die Mutter

Hai Fen Nan, 34 Jahre, Peking

2008 wurde ich christlich getauft. Doch damals hatte ich noch große Zweifel, ob es Gott wirklich gibt. Aber dann ist etwas passiert, was mir zeigte: Gott größer ist als alles, was wir denken können. Diese Überzeugung macht mich sehr glücklich.

Als ich mit meinem Sohn Erwin schwanger war, lag er noch eine Woche vor der Geburt in Steißlage. Eine natürliche Geburt wäre so nicht möglich gewesen, da er sehr groß gewachsen war. Einen Kaiserschnitt wollte ich aber auf keinen Fall. Ich habe mir gedacht: Wenn es einen Gott gibt, dann wird er dafür sorgen, dass sich Erwin noch dreht.

Und tatsächlich: In der letzten Nacht vor der Geburt hat er sich umgedreht und ich konnte ihn auf natürliche Weise zur Welt bringen. Seit diesem Tag zweifele ich nicht mehr.

Hai Fen Nan ist eine von schätzungsweise 100 Millionen Christen in China. Da es den Gläubigen verboten ist, Gottesdienste zu feiern, treffen sie sich in Untergrundkirchen.

Der Künstler

Qu Guang Ci, 54 Jahre alt, Peking

Mao hat uns eingetrichtert: Um glücklich zu sein, müsst ihr euer Leben den kommunistischen Idealen, der Gemeinschaft und der Partei opfern. Das ist Betrug! Glück kommt nur aus einem selbst heraus. Wenn die Sonne scheint, gehe ich spazieren und bin glücklich. Wenn Smog ist, bleibe ich drinnen, lese ein gutes Buch und bin auch glücklich.

Staatspräsident Xi Jinping hat gesagt, dass jeder Chinese das Recht auf ein glückliches Leben hat. Der Präsident meinte mit Glück: viel Geld haben. Das macht vielleicht die einfachen Leute glücklich. Menschen wie ich aber, denen es materiell schon sehr gut geht, sehnen sich nach ganz anderen Dingen. Freiheit vor allem.

Manchmal sind es auch ganz einfache Dinge. Zum Beispiel an dem Tag, als meine Frau und ich nach Shanghai umgezogen sind. Unser Auto war durch den Smog in Peking mit einer Dreckschicht überzogen. Als wir aus der Stadt fuhren, begann es zu regnen. Die Wassertropfen waren ganz klar, sie haben den ganzen Schmutz abgewaschen. Ich habe sie auf der Autoscheibe beobachtet und dann auch noch einen Regenbogen gesehen. An dem Tag war ich sehr glücklich.

Qü Guang Ci ist Geschäftsführer von "x&q", einer Marke für luxuriöse Designobjekte. Er gehört zu den am besten verdienenden Künstlern Chinas. Einige seiner Werke sind sehr regimekritisch.

Das alte Ehepaar

Ge Da Yin, 79, und Wang Jin Pin, 81, seit 52 Jahren verheiratet, Peking.

Wan Jin Pin: Während des Koreakrieges musste ich an der Front kämpfen. Eines Nachts fuhren wir mit unserem Militärtruck eine dunkle Straße entlang. Plötzlich sprang kurz vor einem Bahnübergang ein koreanischer Bauer vor unseren Wagen. Wir hätten ihn fast überfahren, konnten aber bremsen. Kurz darauf donnerte ein Zug vorbei. Der Mann hat mein Leben gerettet. Das war einer der glücklichsten Momente meines Lebens.

Ge Da Yin: Wan Jin Pin ist auch selbst ein Lebensretter. Als bei seiner Arbeit ein Mann einen anderen mit einem Messer angriff, ging er dazwischen. Dafür bekam er 100 Yuan Belohnung, soviel wie damals zwei Monatsgehälter. Und eine große Thermoskanne.

Wan Jin Pin: Das war für uns damals etwas ganz besonderes. Unter Mao ging es uns ja bis in die sechziger Jahre sehr schlecht. Ein altes chinesisches Sprichwort sagt: Wer genug Essen und genug Kleidung hat, der ist ein glücklicher Mensch. Dass wir einmal in solch einem Luxus leben würden wie heute, hat damals niemand geahnt.

Das Paar hat zwei Kinder und lebt in einem modernen Hochhaus in Peking. Ge Da Yin war früher Chemikerin, ihr Mann Wan Jin Pin Mitarbeiter an der chinesischen Akademie für Wissenschaft.

Der Tai-Chi-Meister

Wan Zhouying, 40 Jahre alt, Peking

Für die meisten Menschen bedeutet Glück, das zu kriegen, was sie unbedingt haben wollen. Dafür sind sie bereit, viel zu opfern. Die meisten Chinesen zum Beispiel denken, dass Geld glücklich macht. Um reich zu werden, arbeiten sie so viel, dass sie krank werden. Sie verbrauchen zu viel ihrer Energie. Im Tai Chi geht es darum zu lernen, sinnvoll mit seiner Energie umzugehen. Wenn ich in einer schwierigen Situation bin, habe ich so jederzeit noch genügend Kraft, um eine Lösung zu finden. Außerdem lernt man beim Tai Chi, einen ruhigen Geist zu bewahren.

Diesen ruhigen Geist finde ich viel wichtiger als Glück. Glück ist ein vergängliches und trügerisches Gefühl. Es kommt sehr schnell, zum Beispiel durch Alkoholgenuss. Doch es geht auch sehr schnell wieder. Und dann merkt man vielleicht nach ein paar Jahren, dass einen das Trinken kaputt gemacht hat. Ein ruhiger Geist dagegen, also innerer Frieden, ist von Dauer. Er ist wie ein Schutzschild für mich. Ich weiß: Egal was kommt, ich werde meinen inneren Frieden nicht verlieren. Das gibt mir Sicherheit. Und diese Sicherheit macht mich glücklich.

Wan Zhouying ist seit zehn Jahren Tai-Chi-Lehrer in Peking, er betreibt sein eigenes Studio und unterrichtet dort unter anderem auch blinde Schüler.

Mehr zum Thema
Newsletter
Die schönsten Reiseziele: Nah und Fern


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 27 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
donquixxote 27.04.2015
1. Pauschales Verbot von Gottesdiensten in China?
Ich weiss zwar dass es in China Untergrundkirchen gibt, die sich in Privaträumen treffen um der Überwachung zu entgehen. Ich weiß aber auch, dass es normale Kirchen gibt, in denen Gläubige allsonntaglich in großer Zahl ihren Gottesdienst feiern... Die Aussage, dass es Gläubigen in China verboten sei Gottesdienst zu feiern, halte ich in ihrer Pauschalität für falsch. Wenn man die offiziellen Kirchen besucht, muss mann mit der Tatsache leben, dass der Staat diese kontrolliert. Das dämpft wahrscheinlich die Freude am Gebet, aber prinzipiell, ist es eben nicht verboten.
imrirapaport 27.04.2015
2. jeder ist seines Glücks Schmied
und wenn man sein Ziel erreicht hat, dann ist es gut. Die Frage ist nur, wie lange bleibt man auf dieser Stufe, die man erreicht hat, zufrieden? Denn über dem Glück schwebt das Überglück! Und wenn das erreichbar ist, warum sollte man das nicht auch zu erreichen versuchen. Und so weiter und so fort bis zur Nirvana oder Zumindest bis zum ersten Herzinfarkt.
fessi1 27.04.2015
3.
...Gottesdienste zu feiern" Das ist, gelinde gesagt, einfach nicht wahr! Es gibt Kirchen, es gibt Gottesdienste! Und die sind nicht nur an Weihnachten gut besucht, sondern jeden Sonntag! Es gibt die offiziellen Kirchen und noch dazu etliche Glaubensgemeinschaften. Es gibt historische Gotteshäuser und neu erbaute. Jede Stadtplanung, welche aufgelegt wird enthält Bereiche für religöse Bauten. Teilnahme am Gottesdienst erwünscht??? Bitte melden SPON. Es ist wirklich haarsträubend was deutsche Medien immer verbreiten. Untergrundkirchen... Witz komm raus, du bist umzingelt.
MHaack 27.04.2015
4. Jeder soll das Glueck nach seiner Façon finden...
... wichtig ist nur, dass das Glueck des einen nicht das Unglueck des anderen bedeutet.
polarwolf14 27.04.2015
5. Minderheit
Die hier dargestellten gehören einer Regierungskritischen Minderheit an. Natürlich soll hier das Bild vermittelt werden, dass nur der Wesren fortschrittlich und demokratisch sein. Wie langweilig, Chinas Regierug kann hoffentlich so weitermachen
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.