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05. März 2009, 17:55 Uhr

GPS-Schnitzeljagd

Wie Wladimir 59° Nord, 35° Ost eroberte

Von 59° Nord, 35° Ost berichtet

Abenteuersport absurd: Ob Wüste, Schneehölle oder Hochgebirge - Reiseverrückte verfallen auf eine Schnitzeljagd der skurrilen Art. Sie wollen alle Schnittpunkte von Längen- und Breitengraden besuchen. SPIEGEL ONLINE ließ sich in Russland von Satelliten den Weg weisen.

Es gibt ein paar Geräusche, die ein Skiwanderer ganz bestimmt nicht hören will, wenn er noch 15 Kilometer durch eine schneebedeckte russische Einöde vor sich hat. Wenn das nächste Dorf namens Bortnikovo und seine 17 Einwohner kilometerweit entfernt sind.

Zu diesen Geräuschen gehört zum Beispiel das Fauchen eines Wolfes. Oder das Brüllen eines Braunbären - noch im Herbst haben Jäger nicht weit von hier zwei der Tiere erlegt.

Doch auf wilde Tiere ist Wladimir Chernorutsky, ein schmaler Mann mit dem Vollbart eines altgriechischen Philosophen und wachen blauen Augen, vorbereitet. Der 48-Jährige hat einen kleinen Elektroschocker, mehrere Feuerwerksraketen der Marken "Segelwind" und "Glücksstern" und ein Dutzend "Schwarzer Tod"-Chinakracher in der Tasche. Damit will er im Notfall die Raubtiere verjagen.

Das besonders unangenehme Geräusch, auf das Wladimir nicht vorbereitet ist, klingt so ähnlich wie ein berstender Ast. Zu hören ist es am Punkt 59°01'01.8" Nord - 35°03'57.9" Ost an einem trüben Samstagvormittag. Es ist das morsche Knacken eines Skis, der in der Mitte direkt hinter der Ferse durchbricht.

"Dmitry bringt dich um", ist das Erste, was Wladimir zu dem Malheur zu sagen hat. Dmitry ist der Besitzer der schmalen weißen Holzskier und war so nett, sie für zwei Tage zu verleihen. Doch ein mordlüsterner Moskauer ist jetzt nicht das Problem, denn Moskau ist etwa 500 Kilometer weit weg. Das unmittelbare Problem ist ein riesiger Sumpf, der nur im Winter passierbar ist, wenn er gefroren und von Schnee bedeckt ist.

Eine Koordinate als Ziel

Jenseits davon, etwa viereinhalb Kilometer entfernt, liegt das Ziel dieser Tour. Es ist kein Berggipfel oder Aussichtspunkt, sondern eine Koordinate: 59 Grad Nord, 35 Grad Ost. Vladimir will der erste Mensch sein, der diesen Schnittpunkt eines geografischen Längen- und Breitengrades erreicht.

Kilometerweit durch den Schnee: Nach dem Örtchen Bortnikovo führt die Route zum Punkt 59 Nord - 35 Ost nur noch durch unberührte Wildnis
Google Earth; SPIEGEL ONLINE

Kilometerweit durch den Schnee: Nach dem Örtchen Bortnikovo führt die Route zum Punkt 59 Nord - 35 Ost nur noch durch unberührte Wildnis

"Confluence hunting" ("confluence" bedeutet in etwa "Zusammenfluss") nennt sich das Abenteuer, mit dem GPS-Gerät loszuziehen, um solche Koordinatenpunkte zu finden. Die Idee stammt von dem Amerikaner Alex Jarrett. Mit Auto und GPS-Gerät fuhr er im Februar 1996 durch die USA, machte ein paar Fotos von ganzzahligen Koordinaten-Schnittpunkten und veröffentlichte sie auf einer Internet-Seite. Nach und nach folgten weitere technologiebegeisterte Reisende seinem Vorbild. So entsteht im Netz eine "organisierte Stichprobe der Welt", wie Jarrett die globale Sammlung von Fotos und Berichten der Geografie-Nerds und Hobby-Amundsens einmal genannt hat.

"Es geht darum, ein Land nicht aus dem Reiseführer kennenzulernen, sondern anhand der Veränderungen der Landschaft in regelmäßigen Abständen - von Schnittpunkt zu Schnittpunkt", sagt Vladimir. Der studierte Mathematiker ist Finanzberater für mehrere Internet-Firmen und arbeitet nebenher für confluence.org als Koordinator für Russland. Bislang hat er 80 Confluence-Punkte (CPs) besucht. Bei 48 davon war der zweifache Vater der Erste. "Früher habe ich das nebenbei im Urlaub gemacht und mir sonst die Sehenswürdigkeiten angeschaut. Doch inzwischen sind die CPs häufig der Grund für die Reise."

Ob es am Ziel etwas Interessantes zu sehen gibt, ist nicht so wichtig bei der satellitengeleiteten Schnittpunkt-Schnitzeljagd. In einer Welt, in der es immer weniger unerforschte und unbesuchte Orte gibt, sind solche GPS-Expeditionen eine Möglichkeit, selbst zum Entdecker zu werden. Längst waren Menschen auf dem Mond, dem Everest und am Nordpol, aber noch gibt es weltweit um die 10.000 unerforschte Confluence-Punkte auf dem Festland. Punkte auf dem Wasser zählen nur in unmittelbarer Küstennähe.

"Auf dem Beweisfoto muss immer ein Orientierungspunkt an Land sichtbar sein", erklärt Wladimir die Regeln. Er entscheidet bei allen russischen Versuchen darüber, ob sie gewertet und freigeschaltet werden. Sämtliche 48 Punkte in Deutschland wurden längst besucht, europaweit sind nur noch ein paar Erstbesuche im ufernahen Wasser möglich, zum Beispiel in Portugal und Norwegen.

Acht Stunden Autofahrt, neun Stunden Skitour

Plötzlich hält Wladimir an und macht ein Foto von den dicht stehenden Fichten und Pinien der Umgebung. Als Motiv taugen sie nicht besonders, aber es geht nicht um ein hübsches Landschaftsbild: Dies sei genau die Hälfte der 8,65 Kilometer vom Auto bis zum Ziel, sagt er.

Irgendwie geht es mit dem kaputten Ski. Bei fast jedem Schritt sinkt der linke Fuß in den Schnee ein, manchmal fast bis zur Hüfte. Aber Aufgeben kommt nicht in Frage - immerhin dauerte schon die Autofahrt in Wladmirs blauem Ford Kombi von Moskau nach Nordwesten gute acht Stunden. Nach einer Nacht im Hotel "Gemütlichkeit" im 10.000-Seelen-Städtchen Ustyuzhna, in dem warmes Wasser einen Raum schon zum "Luxuszimmer" qualifiziert, ging es noch vor der Morgendämmerung zum Startpunkt der Tour in der Wologda-Region.

"Der Unterschied zum Wandern ist, dass es darum geht, immer möglichst geradeaus zu gehen, anstatt den Pfaden zu folgen", sagt Wladimir. Im GPS-Gerät ist der Zielpunkt gespeichert, ein Pfeil gibt Richtung und Entfernung an. Es sind noch exakt 2,11 Kilometer, als er feierlich verkündet: "Wir sind jetzt genau in der Mitte des Ozeans."

Er macht ein weiteres Foto mit seiner Digital-Spiegelreflexkamera. Die Umgebung besteht aus einer schier endlosen flachen Schneedecke, aus der vereinzelt ein paar Büsche und skelettartige Äste ragen. "Ozean" heißt der Sumpf, der unter dem halben Meter Schnee verborgen ist. Ist der eigentlich tief? "Ja, sehr tief, bestimmt einige Meter."

Doch das scheint ihn nicht zu beunruhigen. Er ist schließlich nicht derjenige, der bei fast jedem Schritt mit einem Fuß im Schnee versinkt. Seine Gedanken sind woanders: "An diesem Punkt hier war noch niemand. Im Sommer ist es unmöglich, hierhin zu kommen. Und im Winter ist es völlig sinnlos", sagt er, grinst fröhlich und stapft dann weiter durch die weiße Ödnis auf seinen breiten Holzbrettern. Die Metallbindungen, die seine Wanderschuhe mit den Brettern verbinden, quietschen bei jedem Schritt. Noch zwei Kilometer. Dann noch 995 Meter, 500, 200. Für die letzten Meter verlässt er das Sumpfgebiet, wieder geht es in einen dichten Wald.

Feier mit Knalleffekt

"100 Meter - wir haben es geschafft", sagt Wladimir schließlich. Denn ab diesem Radius gilt ein Versuch als gültig. Jetzt sei es Zeit für den "Confluence-Tanz". Das ist die Suche nach dem genauen Schnittpunkt, der Versuch, zehn Nullen auf das Display zu bekommen. Gleichzeitig auf einen Kompass und das gelbe GPS-Gerät blickend, prescht er durch das Unterholz, stolpert, steht wieder auf, biegt ein paar Mal um 90 Grad ab und bleibt dann stehen. Das Gerät zeigt die Ziffern 59°00'00.0" N und 35°00'00.0" O. "Herzlichen Glückwunsch, dein erster Confluence-Punkt!"

Ringsum stehen eng ein paar Pinien und Fichten, auf den Tannennadeln liegt Schnee. Eigentlich sehe es hier genauso aus wie bei 59 N - 36 O, gibt Wladimir zu. "Es ist kein besonderer Ort, das ist ja alles nur virtuell." Dann wirft er nacheinander zwei "Schwarzer Tod"-Böller auf den schneebedeckten Waldboden. Wie Bombenexplosionen durchbricht der Lärm die Stille.

Wladimir zelebriert den Erfolg mit einer Marlboro und einer Tafel löchriger Slava-Schokolade. Zum Beweis für seinen Online-Bericht macht er Fotos in alle vier Himmelsrichtungen. Es ist seine 49. Erstbegehung. "Ein bisschen verrückt muss man schon sein", gibt er zu. Dann wirft er noch einen Böller auf eine Fichte.

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