Grand-Canyon-Skywalk Ohnmachtsanfall in Filzpuschen

Mutprobe über dem Abgrund: Der gläserne Skywalk über dem Grand Canyon ragt 1200 Meter über der Talsohle aus dem Fels und lässt Adrenalin durch den Körper schwappen - täglich machen ängstliche Besucher in letzter Sekunde einen Rückzieher.


Peach Springs/Arizona - Der Grand Canyon Skywalk gilt als höchster Balkon der Welt. Doch wer das imposante Bauwerk besucht, muss auf ein Urlaubsfoto aus eigener Produktion leider verzichten, denn die Glasbrücke ist Sperrzone für Kameras. Schuld daran ist ein unachtsamer Tourist. Kurz nach der Eröffnung des gläsernen Balkons am westlichen Grand Canyon Ende März ließ er seinen Fotoapparat auf die durchsichtige Plattform fallen - und trübte somit die 1200 Meter tiefe Aussicht auf den Grund der Schlucht durch einen hässlichen Kratzer. So die offizielle Version.

Die allerdings will Günter Graul aus Aschaffenburg, mit seiner Tochter Veronique auf Rundreise im Südwesten der USA, nicht glauben: "Die wollen doch nur ihre eigenen Fotos verkaufen", ist der Gast aus Deutschland überzeugt. Begeistert sind Vater und Tochter dennoch: Nach anfänglicher Überwindung war der Skywalk für beide "ein wunderschönes Erlebnis".

Teure Mutprobe nach dem Büfett

Das darf auch erwartet werden: Schließlich nehmen die Hualapai-Indianer für die Herausforderung 75 Dollar, eingebunden in eine Rundtour durch ihr Reservat mit weiteren Stopps. Darunter ist auch ein Besuch des Guano Point, ein ebenfalls traumhafter Aussichtspunkt, wo die Gäste sich an einem Büfett den Bauch vollschlagen können. Ein Bus-Shuttle pendelt von Station zu Station.

Als wir uns auf den Skywalk trauen, macht sich ein mulmiges Gefühl breit. All unserer lockeren Gegenstände entledigt, dafür aber mit Filzhüllen an den Füßen, stehen wir mit einem Schritt über dem Abgrund. Vom freien Fall trennt uns jetzt nur Glas, so dünn wie ein kleiner Finger lang ist. Die Dimensionen der wie ein Gemälde wirkenden rot-braunen Felsstrukturen kann das Auge nicht ermessen. Erst wenn man tief unten über dem Colorado River einen Hubschrauber entdeckt, wird einem die Höhe bewusst: das Flugobjekt erscheint nicht größer als eine Biene aus etwa drei Metern Entfernung.

Für Will ist all dies nichts Besonderes mehr. Zehn Stunden täglich steht der Hualapai auf dem Glas, schiebt seine Schicht als "Security". Weitere "Profis" in luftiger Höhe sind eine Frau, die die Fingertapsen der Besucher an der Brüstung ohne Unterlass wieder wegwischt und schließlich der einzige Fotograf. 22 Dollar verlangt er für ein großformatiges Erinnerungsbild. Immerhin: Das Werk wird mit dem Schriftzug "I did it!" veredelt.

Es getan zu haben, darauf kommt es offenbar an. Colleen Doyle aus New Jersey tastet sich wie andere auch verängstigt vorwärts, die Hände fest an der Brüstung, dort wo der Boden des 900-Tonnen-Bauwerks aus Glas und Stahl nicht durchsichtig ist und mehr Sicherheit verspricht. Nach bestandener Mutprobe findet sie: "Das ist etwas, was jeder machen sollte." Ihr Sohn Paddy und andere Kinder hingegen hüpfen unbeschwert in der transparenten Mitte umher, bringen das Hufeisen in eine leichte Schwingung und finden alles einfach nur "scary". Die kräftige Brise aber kann der Plattform nichts anhaben - Windgeschwindigkeiten bis zu 160 Stundenkilometer soll das Bauwerk aushalten. Eine Messstation in unmittelbarer Nähe misst die aktuellen Werte.

Angstattacken und Ohnmachtsanfälle

Andere trauen sich und der Statik nicht und drehen, obwohl sie bezahlt haben, auf dem Absatz um. Etwa fünf Besucher würden sich täglich in letzter Sekunde von dem gut 21 Meter vom Fels abstehenden Skywalk abwenden, weiß ein anderer Sicherheitsmann. Für ihn ist es nur eine Frage der Zeit, bis einer mal in Ohnmacht fällt.

Wer Geld sparen will, kann in direkter Nähe der gläsernen Brücke dennoch Nervenkitzel erleben. Am Westrim, der gigantischen vom Colorado in Jahrmillion gefrästen Erdfurche, können Besucher bis an die ungesicherte Kante herantreten. Zwar ist der senkrechte Blick nicht möglich, dafür aber das Fotografieren erlaubt. Die Gewissheit, dass ein einziger Schritt den sicheren Tod bedeutet, schüchtert ein. Ein Mädchen findet dennoch die Ruhe: Sie meditiert auf einer der letzten Steinplatten. Ihr Haar weht im Wind, die Augen hat sie geschlossen.

Hier am Eagle Point - in der Sprache der Hualapai: Sá Nju Wa - dort wo der Blick auf eine riesige Felsformation fällt, die an einen Adler mit ausgebreiteten Flügeln erinnert, sind besondere Schwingungen in der Luft. Die Indianer glauben, dass ihre Ahnen dem Wasser entsprungen sind. Deshalb war die Errichtung des Skywalks nicht unumstritten. Vor allem ältere Stammesmitglieder forderten, das Land nicht zu berühren, da es heilig sei. Andere sagten, es müsse etwas für die Zukunft der Kinder des noch knapp 1800 Mitglieder zählenden Stammes getan werden. Dass Geld benötigt wird, sieht man an den ärmlichen Verhältnissen im nahe gelegenen Peach Springs, dem Zuhause der meisten Hualapai.

Am Eagle Point liegen Tradition und Geschäft dicht beieinander. Das aber ist nicht erst seit Skywalk-Zeiten so. Die Hualapai vermarkten den Grand Canyon West, dem entlang sie Land in einer Länge von 170 Kilometern besitzen, schon seit rund 20 Jahren. Rafting auf dem Colorado, Helikopterflüge und Planwagenfahrten werden angeboten. Für Spiritualität war noch immer Platz.

Von Stefan Robert Weißenborn, ddp



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