Grönland-Expedition: Arktisforschung durchs Zeltfenster

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Wie stark hat sich in hundert Jahren Grönlands Eis verändert? So stark, dass eine Hundeschlittenexpedition wie damals heutzutage unmöglich wäre. Doch nicht nur in Bezug auf die Transportmittel, sondern auch zwischenmenschlich ist bei der Jubiläumstour einiges anders - zum Glück.

Grönland-Expedition: Pulkaschleppen im Spaltengebiet Fotos
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Das leichte Prasseln auf dem Zeltdach so gegen Mitternacht verheißt nichts Gutes. "Scheiße, das ganze Essen ist noch draußen", sagt Gregor, der neben mir liegt. Wir haben die Säcke mit den Nahrungsmitteln zum Trocknen auf Plastikplanen gelegt, sie waren immer noch feucht von dem Wasserschaden, den unsere Seekiste beim Transport nach Grönland erlitten hat.

Jetzt sind sie wieder nass, weil es anfängt zu regnen, und wir müssen sie schnell in den Pulkas verstauen. Zum Glück betrifft das nur die Transportbeutel. Unsere Nahrungsvorräte selbst sind darin in kleinen wasserdichten Folienverpackungen untergebracht. Wäre das nicht so, hätten wir da draußen jetzt einen riesigen matschigen See aus Pasta mit Lachspesto, Pulver-Rührei und Beef Stroganoff.

Der Regen wird am Morgen immer stärker, wir beschließen, noch etwas zu warten mit dem Aufbruch. Schließlich merken wir, dass es keinen Zweck hat, bauen ab und laufen los. Zunächst ist das Gelände angenehm einfach, nur die Wassermassen von oben nerven ein bisschen. Aber Jacke, Hose und Schuhe halten dicht. Wenigstens ist es nicht sehr kalt, bei vier Grad brauchen wir keine Handschuhe, so sehr hält das Laufen warm.

Folgen des Klimawandels

Das Gelände vor uns sieht in der Nähe von drei Nunataks - so nennen die Inuit Felserhebungen, die aus dem Eis herausragen - immer gruseliger aus. Wieder jede Menge Schneekuppen und Bachquerungen. Wir beschließen deshalb, die Pulkas hier zu zweit zu ziehen. Der Zweite hilft hinten mit einer Repschnur und viel Muskeleinsatz beim Bergaufgehen, Lenken und Bremsen. Dann müssen wir zwar zweimal gehen, aber immerhin wird so das Material geschont.

Jetzt sind auch tiefe Spalten und Gletschermühlen im Weg. Wilfried staunt über die drei Bergspitzen. "Bei unserer ersten Grönland-Durchquerung haben wir dort nur einen Nunatak gesehen, 2006 waren es zwei, jetzt drei." So schnell geht hier das Eis zurück, so offensichtlich sind die Folgen des Klimawandels.

Vor sechs Jahren war Wilfried zur gleichen Jahreszeit hier, die Route ist kaum wiederzuerkennen: "So heftig habe ich diesen Aufstieg noch nie erlebt", sagt er. "Mit Hundeschlitten würde hier heute um diese Jahreszeit niemand mehr durchkommen."

Eigentlich hatte ich mir vor der Tour ausgemalt, in eine der wenigen Erdregionen zu gelangen, die sich in hundert Jahren kaum verändert haben. Dass ich dieses Eis genauso erleben würde wie mein Opa damals.

Doch weit gefehlt: Vor hundert Jahren konnte man sicher sein, hier im Juli und August ein gut befahrbares Schneepolster vorzufinden. Jetzt sind hier überall kleine Hügel aus einem glassplitterscharfen Eis, das Hunden die Pfoten blutig reißen würde. Außerdem ist es so uneben, dass die Schlitten wegen der unbändigen Energie der Tiere dauernd umstürzen würden (so wie das unsere leider auch immer wieder tun).

Immerhin die Aussicht in die Ferne dürfte gleich sein, und die ist spektakulär, als am Nachmittag doch noch die Sonne herauskommt: Unten, täuschend nah und doch mehr als 30 Kilometer weg, das Meer mit Eisbergen, links von uns die Schweizerland-Berge, die vor genau 100 Jahren so benannt wurden, weil die Expeditionsteilnehmer Ähnlichkeiten zu den Berner Alpen auszumachen glaubten.

Der Himmel ist grau, doch ein helles Band am Horizont ist wolkenfrei, dort sind die Berge zu erkennen. Zum ersten Mal seit unserem Aufbruch kommt mir der Gedanke, was für ein Quatsch es ist, sich in die unwirtlichen, spaltenreichen Eisregionen des Inlandes zu begeben, statt an der Küste durch die wunderschöne Bergwelt über den Eisbergen und Fjorden zu spazieren.

Wissenschaft im warmen Zelt

Zum Finale dieser bislang anstrengendsten Etappe wartet ein spektakuläres Spaltengebiet. Jetzt nehmen wir zu dritt eine Pulka, der Vierte geht vor und sucht nach dem besten Weg. Wilfried stapft voraus mit einem seiner Skistöcke, an dem eine Grönlandfahne flattert. Der Chef dirigiert, die anderen schuften - für einen Moment wirkt er jetzt wie ein Expeditionsleiter alter Schule. Ein bisschen wie Alfred de Quervain damals, geht mir durch den Kopf, der in den Tagebuch-Beschreibungen meines Opas als ziemlich bestimmend und manchmal auch überaus bequem geschildert wird.

Meine Lieblingspassage in dieser Hinsicht beschreibt, wie sich der Geophysiker damals vor der Kälte drückte: "Quervain hat die witzige Idee, die draußen hängenden Instrumente durchs Guckfensterli mit auf nah eingestelltem Zeiss-Fernglas abzulesen und bleibt dabei gemütlich im Zelt und lacht dreckig dazu. Nachdem ich eine Aufnahme der Schneeschichtung gemacht habe, lässt sich Quervain gewöhnlich eine Tasse voll Schnee zur Dichtebestimmung reinreichen."

Schon bei der nächsten von drei weiteren Touren über das Spaltengebiet packt Wilfried übrigens selbst mit am Schlitten an und überlässt Gregor die Routensuche. Sofort nehme ich in Gedanken jeden historischen Vergleich zurück.

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