Grönland-Expedition: Gruppenbild mit Abgrund

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Die Wahrscheinlichkeit geht gegen Null, auf dem grönländischen Inlandeis auf andere Menschen zu stoßen. Sehr überrascht sind die Expeditionsteilnehmer deshalb über eine Gruppe freundlicher Osteuropäer, die ihren Weg kreuzt. Weniger erfreulich sind kurz danach gewaltige Hindernisse im Eis.

Grönland-Expedition: Gegen jede Chance Fotos
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De Quervain packt draußen seine Messgeräte zusammen, Hössli schaufelt Schnee in den Kocher, Gaule füllt die Essnäpfe mit Müsli und Peronin. Peronin? Moment, das war 1912 noch gar nicht erfunden, als diese drei Herren zusammen mit meinem Opa hier übernachteten. Für sie war es Zeltplatz Nummer 27. Ziemlich genau hundert Jahre später campieren wir an der genau gleichen Koordinate, da kann schon mal die Phantasie mit einem durchgehen.

Also noch einmal: Wilfried packt seine Messgeräte zusammen, Jan schaufelt Schnee in den Kocher, Gregor füllt die Müslinäpfe. Ein Routinemorgen in der Arktis. Nur etwas ist anders als sonst: Kein Wind lässt die Zeltplanen schlackern, eine fast gespenstische Ruhe herrscht hier draußen. Nach einem kurzen Versuch, mit Segeln voranzukommen, geben wir es auf. Ein langer Fußmarsch oder besser Skimarsch steht auf dem Programm, insgesamt knapp 30 Kilometer haben wir uns vorgenommen.

Wir gehen deshalb längere Etappen als sonst zwischen den Pausen und schwitzen wie noch nie in Grönland. Auf unseren Woll-Oberteilen sind bald weiße Punkte zu sehen, weil der Schweiß nach außen transportiert wird und dort gefriert.

Menschen als Zugtiere

Für einen Moment geht mir durch den Kopf, dass die Expeditionsteilnehmer 1912 es einfacher hatten als wir: Sie hatten Hunde, die das Gepäck zogen. Wir dagegen sind selbst die Hunde. Ich habe mir schon angewöhnt, bei großer Anstrengung die Zunge für ein paar Sekunden heraushängen zu lassen, das kühlt wunderbar.

Der Gedanke ist natürlich trotzdem Quatsch, nicht nur wegen unserer erheblich besseren Ausrüstung. Wer loszieht mit einer ungenauen Karte der Ostküste und dem Wissen, dass ein Misserfolg den Tod bedeutet, hat hier erheblich größere Sorgen als wir.

Ein bisschen verantwortungslos finde ich das ja schon von meinem Opa, den ich nie kennengelernt habe, weil er 24 Jahre vor meiner Geburt starb. Dass der hier einfach in der Kälte Grönlands sein Leben riskiert. Immerhin hat er ja damit gewissermaßen auch mein Leben aufs Spiel gesetzt. Wäre er damals gescheitert, wäre ich nie geboren worden und hätte nie die Chance gehabt, hundert Jahre nach seinem Erfolg hier mit meiner Expedition zu scheitern.

Zufallstreffen auf dem Eis

Wir sind nun auf dem Rückweg in Richtung Ostküste, exakt auf der historischen Route. Zumindest so exakt, wie es möglich ist - bis zu 100 Meter Ungenauigkeit muss man bei den damals errechneten Koordinaten einkalkulieren. Möglicherweise sind wir die Ersten seit 1912, die diese Etappen von Zeltplatz 26 bis 29 nachlaufen. Denn wer auf Skiern aus dem Westen kommt, steuert weiter nach Süden, weil man dort leichter vom Eis herunterkommt.

Als ich mir dank dieser Gedanken gerade sehr pioniermäßig vorkomme, sehe ich plötzlich ein paar kleine schwarze Punkte auf dem Eis vor uns. Menschen! Spielt jetzt meine Phantasie völlig verrückt? Sie sind etwa drei Kilometer weg, wir laufen hin. Aus den schwarzen Punkten werden die Gestalten von sechs Männern und drei Frauen mit leicht beladenen Plastik-Pulkaschlitten. "Das passiert nicht so oft, dass man auf dem Inlandeis jemanden trifft", sagt ein breit grinsender Andres. Wir kennen den sympathischen Letten aus Tasiilaq, er ist Mitarbeiter in Robert Peronis Unterkunft und Expeditionsbasis "Rotes Haus". Seine Aussage ist eine massive Untertreibung: Nur ein paar Dutzend Menschen gehen pro Jahr so weit auf den grönländischen Eispanzer.

Er ist unterwegs mit einer Gruppe aus seinem Heimatland, die für ein paar Tage mit Steigeisen auf dem Eis herumwandern. Sie halten respektvoll Abstand, vermutlich riechen wir nach zwei Wochen ohne Dusche ein wenig streng.

Einige Filmkameras sind auf uns gerichtet, als wir uns mit Andres unterhalten. Er kann sich wohl gut in unserer Situation hineinversetzen. Denn er selbst hat zwei Inlandeis-Durchquerungen versucht und musste beide abbrechen. "Einmal war ich mit meiner damaligen Freundin unterwegs, das klappte gar nicht. Und beim zweiten Mal hatte ich nur Peronin als Nahrung dabei und habe das mit zu wenig Wasser gemischt. Das habe ich nicht vertragen." Beim nächsten Mal klappt's bestimmt, sagt er zum Abschied. Ich weiß nicht, ob er sich oder uns meint oder uns alle. Acht weitere Letten wünschen uns "Good luck!" und ziehen weiter nach Süden, um dort einen Zeltplatz zu suchen.

Fjord in Sicht!

Mit jedem gelaufenen Kilometer sind nun vor uns im Osten mehr Berge zu sehen. Erst nur ein paar pyramidenartig eckige Gipfel, zwei hohe, dazwischen ein niedrigerer, weiter rechts noch ein kleinerer. Dann immer mehr, bis eine komplette Gebirgskette vor uns liegt. Mit Gipfeln in der Form gigantischer Zähne und sägeblattartig gezackten Graten, zuletzt ist darunter auch das Meerwasser im Sermilikfjord mit seinen Eisbergen zu sehen, was für ein Finale!

Mein Opa schreibt über dieses Panaroma in seinem Tagebuch: "Der Anblick des Meeres macht mir so Freude, trotzdem es noch so weit bis dahin ist. Unser Leitwort hieß ja: 'Keinen andern Ausweg für uns aus de-Quervains-Havn [ihr Startpunkt an der Westküste] als nach Osten!' Und jetzt liegt es wieder vor uns, das Nordmeer. Aber wir wissen ja noch nicht, ob wir auch hinkommen. Es kann uns noch manches Hindernis ganz aufhalten."

Die Expeditionsteilnehmer von 1912 hatten Angst vor Spalten und Schneesümpfen. Wir haben das auch, denn über das Terrain vor uns haben wir keine Informationen. Sie wunderten sich, dass es nicht endlich steiler bergab geht, wir tun das auch.

Schneebrücken über den Abgrund

In Opas Tagebuch steht, dass sich der Untergrund oft hohl anhört, so als würde man über eine Trommel fahren, weil sich darunter gefährliche Spalten befanden. Wir dagegen stoßen nun auf offene Spalten, die immer gewaltiger werden. Die ersten von ihnen lassen sich noch in großen Bögen umgehen, doch bald führen nur teils haarsträubend aussehende Schneebrücken darüber hinweg.

Nachmittags ist der Schnee schon zu matschig und weich, um die halbwegs sicher passieren zu können. Deshalb schlagen wir ein Camp auf und stehen am nächsten Morgen sehr früh auf, weil die Brücken durch den Nachtfrost stabiler sind.

Im Zickzackkurs mühen wir uns Kilometer für Kilometer, Stunde um Stunde voran und geraten schließlich in eine Sackgasse furchteinflößender Spalten. Nach meinem Fiasko beim Segeln, das uns einige Zeit gekostet hat, habe ich noch etwas wiedergutzumachen. Jetzt ist der Moment dazu gekommen. Ich schlage eine Umgehung nach links über ein Schneefeld im Norden vor und gehe eine Route voraus, die uns fast drei Kilometer weiter in Richtung Ziel und weit weg von den Spalten bringt. "Ist doch gut, jemanden dabei zu haben, der die richtigen Gene für so was hat", sagt Wilfried anerkennend.

Es dauert noch einen weiteren Tag mit einer extrem anstrengenden Etappe über brutalste Buckelpiste, bis wir endlich festen Grund erreichen. Unterhalb von einem fast schwarzen Berg mit flachem Gipfelplateau schlagen wir unsere Zelte auf. Den Berg kenne ich gut, morgen steigen wir hinauf - ich muss den anderen da oben unbedingt was zeigen.

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