Grönland-Expedition: Ein kurzer Anflug von Wahnsinn

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Furchteinflößende Gletscherspalten verlangsamen das Vorankommen enorm: Bei der Expedition im Grönlandeis läuft derzeit wenig nach Plan. Die Teilnehmer absolvieren einen Gewaltmarsch im Zickzack, dann segelt auch noch ein Ski in den Abgrund. Aber es gibt Hoffnung.

Expedition im Grönlandeis: Gewaltmarsch im Zickzack Fotos
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Der Ski segelt über die etwa zwei Meter breite Gletscherspalte, stößt mit der Spitze an den Hang. Dort federt er zurück, überschlägt sich und rattert mit dem Geräusch von zerberstendem Glas in den eisigen Abgrund.

Welcher Teufel den Expeditionsprofi Wilfried geritten hat, mit einem beherzten Wurf sein Laufgerät dem arktischen Eis zu überlassen, ist wohl kaum zu erklären, am wenigsten für ihn selber. Vielleicht war es der angestaute Frust, die Erschöpfung, ein kurzer Anfall von Wahnsinn - oder eine Kombination aus allem.

Gerade kamen wir von einem Ausflug zurück, bei dem wir vier Rucksäcke mit je etwa 25 Kilo Gepäck auf dem Weg zu Camp fünf deponiert hatten. Wir wollten sie eigentlich viel weiter bringen, doch ein ganzes Kanalnetz aus furchteinflößenden Spalten machte ein Weiterkommen unmöglich.

Wir sollten längst auf gut mit Skiern befahrbarem Schnee sein, doch die Schwierigkeiten des Vorankommens scheinen kein Ende zu nehmen. Neun Kilometer wollten wir mir den Rucksäcken zurücklegen - nach zweieinhalb müssen wir sie stehenlassen. Wollten. Sollten. Nach Plan läuft hier derzeit wenig.

Kein großer Wurf

Nach so einem Tag kann es dann wohl schon mal vorkommen, dass man die letzte Energie dazu nutzt, seine Skier ins Camp zu werfen. Wilfried hat noch ein Ersatzpaar, darum ist das Ganze nur teuer und ärgerlich, aber kein größeres Problem. Der Preis für den Kommentar des Tages ging jedenfalls an Gregor: "Dann haben wir eben jetzt einen sehr guten Ersatzski."

Unser viel größeres Problem sind weiterhin die beiden kaputten Pulkas. Nur wegen denen haben wir uns entschlossen, einiges Gewicht im Rucksack vorauszutragen. Mechaniker Jan und Expeditionschef Wilfried bewiesen hohe Handwerkskunst, indem sie ein paar Bohrlöcher anbringen und die Lecks mit Reepschnüren vernähten. So sauber, dass jeder Chirurg neidisch werden müsste. Vorläufig ist damit die Gefahr gebannt, dass die Schlitten komplett auseinanderbrechen.

Der Begriff "Camp fünf" hatte inzwischen eine fast mystische Bedeutung, dauernd reden wir davon. Denn Camp fünf ist der erste Messpunkt, - dort könnten wir mit der wissenschaftlichen Arbeit beginnen. Wir hoffen, anschließend noch weitere Punkte anzusteuern, an denen Wilfried bei seinen vorherigen Expeditionen die Eishöhe vermessen hat. Sein Projekt besteht darin, die Unterschiede der Höhe festzuhalten, - etwa ein Meter geht jährlich an der Ostseite verloren. Für die Messungen haben wir 15 Kilogramm Geräte dabei. Kernstück ist eine Messplatte, die wie ein Ufo aussieht und auf einem Stativ montiert wird.

Außerdem hatte Wilfried versprochen, dass ab Camp fünf der Untergrund garantiert aus Schnee statt Eis besteht. Ab dort sollten die Bedingungen endlich so gut sein, dass wir problemlos auf Skiern die Pulkas ziehen können. Ab dort beginnt der meditative Teil der Tour, bei dem es mehr um Ausdauer geht als um die Wegsuche und die volle Konzentration auf jedes Geländedetail.

Neun Kilometer Luftlinie - mehr als das Doppelte Laufstrecke

Der Weg zu Camp fünf war dann ein echter Gewaltmarsch im Zickzack um die Spaltenkanäle. Insgesamt legten wir dabei laut GPS-Gerät 19,5 Kilometer zurück - und das bei einer Luftlinie von neun Kilometern. Oben ist tatsächlich Schnee, wir konnten endlich die Schlitten auf Skiern ziehen - so, wie das für den größten Teil unserer Tour geplant war.

Die letzten Kilometer waren ein Kinderspiel im Vergleich zu den vorherigen Strapazen. Endlich ein lang ersehntes Erfolgserlebnis, und die geflickten Pulkas halten. "Schon gut, so zwei Ossis dabei zu haben, die alles reparieren können, was?", sagte Wilfried grinsend (er stammt ursprünglich aus Magdeburg, und Jan gibt sich mit jedem "ick" als Potsdamer zu erkennen).

Der Tag hinterlässt trotz oder gerade wegen des Erfolgs ein zwiespältiges Gefühl. Haben wir etwa zu früh aufgegeben? Hätten wir die Nahrungsvorräte nicht zurücklassen sollen? Hätten wir es doch bis zur Westküste schaffen können mit den angeschlagenen Schlitten? Ich rüttle ein wenig an dem zugenähten Leck an meiner Pulka, es ist mehr als 20 Zentimeter lang und sieht haarsträubend aus. Wie ein Gebiss kann man es unter den Fäden auf und zu bewegen. Die Entscheidung war wohl doch richtig.


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