Arktis-Expedition Rettungsflug mit Aussicht

Schlechtwetter-Alarm am Abreisetag: Der letzte Tag auf dem Inlandeis wird für die Expeditionsteilnehmer noch einmal zu einer Nervenprobe. Sie warten auf einen Helikopter - und zählen schon mal ihre kümmerlichen Proviantvorräte für den Notfall.

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Expeditionsleiter Wilfried rührt Pemmikan-Stückchen in seinen flockigen Frühstücks-Kartoffelbrei und flucht in seinen Bart. Nicht, weil wir kein Müsli mehr haben, auch nicht, weil das Pemmikan seit Dezember 2009 abgelaufen sind - das essen wir schon seit Wochen ohne Komplikationen. Sondern weil das Wetter ihm Sorgen macht: "Verdammt, es schneit." Der Himmel ist über Nacht zugezogen, die Berge des Sermilik-Fjords sind schon nicht mehr zu sehen. Nach einer Woche Traumwetter kommt uns das sehr ungelegen, weil uns heute ein Helikopter abholen soll. Und der braucht unbedingt gute Sicht.

Wir malen uns aus, wie es wäre, hier zu überwintern. Wasser haben wir in endlosen Mengen aus den ganzen Eisbächen. Dazu fünf Portionen Abendessen, viel Schokolade, Dutzende Energieriegel. Und etwa sechs Packungen Pemmikan, diese bei großem Energiebedarf überraschend köstlich schmeckende Fleisch- und Fettpampe.

Nach 25 Tagen unterwegs sind wir der Meinung, dass sich Pemmikan nur wegen seines Aussehens noch nicht in den Gourmet-Restaurants der Welt etablieren konnte - dort allerdings bestimmt auch keine Zukunft hat. Zur Optik sollte an dieser Stelle die vorsichtige Anmerkung genügen, dass es wohl sonst kein Lebensmittel gibt, das vor und nach der Verdauung keinerlei sichtbare Unterschiede aufweist.

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Grönland: Per Hubschrauber in die Zivilisation
Dicke Tropfen auf der Zeltdecke

Natürlich ist die Sorge, hier überwintern zu müssen, ziemlich unbegründet. Unseren Rückflug ab Ostgrönland allerdings würden wir verpassen, wenn in den nächsten Tagen kein Hubschrauber kommt. Mit tagelangen Unwettern muss man in Ostgrönland immer rechnen.

Große und kleine Tropfen zeichnen sich auf dem Netzmuster des roten Zeltdachs ab. Wilfried schreibt per Satellitentelefon eine Mail mit Wetterbericht an die Heli-Fluggesellschaft: geschätzte sechs Kilometer Sicht, leichter Schneefall. Kurz darauf blickt Gregor nach draußen und hat gute Neuigkeiten: "Es klart auf."

Wir bauen die Schlafzelte ab, nur das Küchenzelt bleibt noch stehen. Dann ist nichts mehr zu tun. Das sind wir nicht gewohnt. Wir setzen uns auf unsere Sitzkissen, die aus Isomatten in selbstgenähten Taschen bestehen, und reden über Marathonläufe und Radrennen. Wir ist etwas übertrieben, ich als einziger Nicht-Wettkampf-Ausdauersportler der Runde habe nicht viel beizutragen.

Plötzlich sind alle ruhig und lauschen in die Stille. Nur das Rauschen des Eisbaches draußen, das Schlackern der Zeltplane im Wind. Das Zoing von einem Bodengummi, der die Zeltstangen zusammenhält. Das Schleifen von Schuhsohlen auf dem Eis, das Kratzen des eigenen Bartes am Kragen der wasserdichten Jacke. Halb drei ist schon vorbei, die Zeit, die für die Abholung vereinbart war. Kein Helikopter ist zu hören.

Wir gehen nach draußen, laufen herum, warten. Dann endlich Rotorgeräusche. Sie werden lauter, dann wieder leiser, verstummen ganz. Hat der Hubschrauber abgedreht? Hat der Pilot die falsche Koordinate notiert? Jetzt schwillt das Rattern doch wieder an, ein unnatürlicher Lärm, eine brutale Störung der Ruhe der Natur und doch so willkommen. Ein fliegender schwarzer Punkt ist links von dem schwarzen Berg zu sehen, der unser Camp überragt.

Der Punkt wächst zu einem roten Hubschrauber heran, der direkt neben unseren Pulkaschlitten zur Landung ansetzt. Zwei Sitzkissen und ein eingepacktes Segel fliegen mit Schwung in einen Eisbach, als die Rotoren einen kleinen Wirbelsturm am Boden entfachen.

Historische Route im Zeitraffer

Ein gut gelaunter dänischer Pilot steigt aus. "Wie lange wart ihr hier draußen? Dreieinhalb Wochen? Dann ist eine halbe Stunde Verspätung nicht so schlimm, oder?", fragt er grinsend. Wir laden die Sachen ein, fünf Minuten später sind wir startklar.

Auf dem Luftweg folgen wir nun noch einmal ziemlich exakt der historischen Route von 1912, die das Vorbild für unsere Expedition ist: über die Eiskante zum Hundefjord, am Ficksbjerg vorbei bis zu der Stelle am Wasser, wo damals ein Depot mit lebenswichtiger Ausrüstung eingerichtet war. Neun Stunden lang sind die vier Männer damals bis dorthin gepaddelt, wir brauchen keine zwei Minuten für die gleiche Strecke. Dann überqueren wir den riesigen Sermilik-Fjord. Der ist etwa 15 Kilometer breit, eine irrwitzige Idee war das damals, hier notfalls mit einem undichten Boot übersetzen zu wollen.

Es ist schade, dass es neblig ist, sonst hätten wir von oben einen unglaublichen Blick auf das Schweizerland. Unter der Nebeldecke sind nur einige Berge der Kette auszumachen. Mit etwa 200 km/h fliegen wir über eine Landschaft aus schroffem Fels, riesigen Gletschern und Wasser in verschiedenen Blautönen, die wie ein ferner unbewohnter Eisplanet wirkt. Manchmal wird der Hubschrauber durchgeschüttelt, als sei er in Turbulenzen geraten.

Nach nur 20 Minuten Flug taucht die Hafenbucht von Tasiilaq unter uns auf. Nur 20 Minuten, und wir sind in einer anderen Welt, zurück unter Menschen. Zurück in einer Zivilisation, die nach Benzin und Staub riecht.

Am Flugplatz verladen wir die Sachen auf einen rustikal anmutenden gelben Gepäckwagen mit vier Reifen und Gitterwänden aus Metall. Das quietschende Gefährt muss allein Dutzende Kilo wiegen, auf der Ladefläche ist gerade genug Platz für unseren Berg aus Pulkas, Skiern und Rucksäcken. Wir haben dem Pilot erzählt, dass wir wegen kaputter Transportschlitten unsere geplante Inlandeis-Überquerung abbrechen mussten. "So einen Wagen hättet ihr mitnehmen sollen", sagt er zum Abschied.

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Deep_Thought_42 05.09.2012
1. Expedition? Rettungsflug?
Das ganze war doch wohl eher ein Erlebnis-Urlaub mit Hubschrauber-Rückkehr-Versicherung.
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