Rückkehr aus der Arktis Die seltsamen Freuden der Zivilisation

Das erste Weißbrot, das erste Bier, die erste Dusche nach Wochen: Bei der Rückkehr von einer Arktis-Expedition hält die Zivilisation einige echte Highlights bereit. Spiegel und Kühlschränke gehören allerdings nicht dazu.

SPIEGEL ONLINE

Von Stephan Orth


Es ist entschieden zu warm hier, und der Spiegel an der Wand gefällt mir gar nicht. Aus dem glotzt mich nämlich ein erschrockener Kerl mit unordentlichem Bart und roter Nase an. An die Kopfhaut schmiegen sich ein paar dunkelblonde Streifen, die nur entfernt an Haare erinnern und an den Spitzen in teils bizarren Formen nach außen abstehen.

In den fast vier Wochen in der Arktis habe ich manchmal sehnsüchtig an beheizte Räume gedacht. Jetzt will ich am liebsten sofort wieder raus. Oder wenigstens ins Zelt. Das Glühlampenlicht im Hostel "Rotes Haus" in Tasiilaq brennt auf der Gesichtshaut, die Heizung sorgt für Schweißausbrüche. Nun, ich trage ja auch noch Klamotten, die bei rund null Grad gute Dienste leisten. Ein kühlender arktischer Wind im Gesicht wäre jetzt schön.

Das Zurückkommen ist oft der Teil einer Reise, der den größten Kulturschock bereithält. Weil das Alltägliche plötzlich exotisch ist, das eigentlich Vertraute neu. Als ich aus Australien zurückkam, kamen mir die Menschen in Deutschland grimmig und unflexibel vor. Nach einer Moskau-Winterreise fand ich sie verdächtig heiter. Und nach einem China-Urlaub waren sie riesengroß und ziemlich spärlich vorhanden - ich konnte es nicht fassen, morgens um halb neun noch freie Sitzplätze in der U-Bahn vorzufinden.

Fotostrecke

15  Bilder
Grönland-Tour: Zurück in den Alltag
Weißbrot als Geschmackserlebnis

Und jetzt, nach einer Expedition in die Einsamkeit der grönländischen Eiswüste? Nicht die Menschen sind das Exotische, ich war ja rund um die Uhr mit drei Spezies-Genossen zusammen. Stattdessen ist es die Zivilisation selbst, die sich ungewohnt anfühlt.

Die hat zunächst mal einige Vorzüge: frisches Weißbrot und Käse zum Beispiel. Allein für dieses Geschmackserlebnis sollte jeder einmal im Leben vier Wochen lang nur Astronautennahrung und Pemmikan zu sich nehmen. Oder das erste Bier: ein Gedicht aus Hopfen und Malz, auch wenn es sich um eine schlecht gekühlte Dose der objektiv betrachtet fürchterlichen Sorte Tuborg Green handelt. Einer meiner Mitstreiter bringt das Gerücht auf, dass man mit dem Seufzer nach diesem ersten Schluck Bier Schlüsselstellen eines Pornofilms synchronisieren könnte. Könnte man.

Die erste Dusche dagegen ist eher enttäuschend. Denn ob man sich drei Wochen nicht wäscht oder fünf, ist eigentlich egal. Unser eigener Geruchssinn ist völlig abgestumpft, die Körperhygiene ist hauptsächlich ein Akt der Nächstenliebe gegenüber den anderen Hostel-Gästen. Manche von ihnen machen zunächst einen respektvollen Bogen um uns. Die müssen uns allerdings sowieso nicht lange ertragen. Abends um viertel nach acht schaut Gregor, mein Zeltkollege der vergangenen Wochen, auf die Uhr: "So spät war ich schon lange nicht mehr im Bett", sagt er und holt seine Zahnbürste.

Die Zivilisation bietet Brot und Bier, sie ist aber auch a) verwirrend, bedeutet b) einen Verlust von Kontrolle und ist c) ziemlich fehleranfällig.

  • Verwirrend wie ein Supermarkt mit Neonlicht, zwölf Sorten Käse, zwei Apfelarten und Dutzenden italienischen und französischen Rotweinen. Was nimmt man denn da? Warum sind die ganzen Packungen so bunt?
  • Ein Kontrollverlust deshalb, weil plötzlich nicht mehr wir bestimmen, wie der Tag abläuft. Weil wir ständig auf irgendwas warten müssen: Frühstück erst ab acht Uhr, das Boot zum Flughafen fährt um zehn, der Flieger geht um drei.
  • Und fehleranfällig, weil das Internet im Hostel erst mal nicht funktioniert, der Geldautomat kein Geld ausspucken will oder die Kaffeesahne-Miniverpackung so konstruiert ist, dass sich der Inhalt bei ungestümer Handhabung überallhin ergießt, nur nicht in Richtung (hurra, Filter-) Kaffee. Weil der Kühlschrank in der Hostel-Wohnküche ein furchtbar nerviges Surren von sich gibt, das sonst niemand wahrzunehmen scheint. Wir kommen aus einer schwarzweißen Welt der Kälte und des Windes in eine knallbunte Welt der Störgeräusche, der unbegrenzten Wahlmöglichkeiten - und der Internet-Informationsflut.

Eigentlich ist nichts passiert auf der Welt

Zum ersten Mal wieder News seit vier Wochen. Es könnte ein Ufo gelandet oder ein Krieg ausgebrochen sein, wir würden nichts davon wissen. Ein kurzer Blick auf die Nachrichtenportale bringt Entwarnung - im August ist eigentlich nichts passiert.

Im Privaten dagegen schon: Eine Freundin schreibt per E-Mail, dass ihr Opa in der Ukraine mit 87 gestorben ist. Sie bedauert es, ihn nicht mehr besucht zu haben, zuletzt hat sie ihn vor vier Jahren gesehen.

Ich denke an meinen Opa, den ich nie getroffen habe, der für mich aber gerade lebendig ist wie noch nie. Die Grönlandreise war für mich eine Art Besuch bei ihm, weil er vor hundert Jahren das Inlandeis überquert hat. Ich kann mir nun vorstellen, was er für Anstrengungen erlebt hat. Wie er gefroren hat. Was er gesehen hat. Unterwegs habe ich immer wieder in seinem Tagebuch gelesen: dem Tagebuch eines 26-jährigen Abenteurers, der noch nicht so recht weiß, was er mit seinem Leben anfangen will. Ein unternehmungslustiger Jungspund, kein pfeiferauchender Schaukelstuhl-Opa.

Er brauchte damals von Tasiilaq in Ostgrönland mehr als zwei Wochen, um per Schiff und Zug zurück nach Hause zu kommen. Meine Rückreise besteht aus einer Stunde Bootsfahrt und knapp sechs Stunden im Flugzeug. Die Welt ist ziemlich bequem geworden.

Am ersten Abend zu Hause sitze ich im besten Steakhaus der Stadt vor einem Filet Mignon vom argentinischen Rind, medium gebraten, und frage mich, was eigentlich Luxus ist. Ein gutes Stück Fleisch und ein Dach über dem Kopf? Oder die Möglichkeit, wochenlang durch ein kalte Eiswüste zu ziehen mit Zelt und Skiern, den ganzen komplizierten Alltag hinter sich zu lassen, sich nur aufs Weiterkommen, aufs genug Essen und Warmbleiben konzentrieren?

Die Antwort ist natürlich: beides. Für längere Aufenthalte ist es allerdings in der Zivilisation gemütlicher.

Klicken Sie hier, um alle Texte der Grönland-Expedition zu lesen!

zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.