Grönland-Expedition Schatzsuche im Massaker-Camp

Lassen sich nach hundert Jahren noch Spuren einer historischen Expedition in Grönland entdecken? Tatsächlich: Bis heute steht an der Ostküste ein Steinmann, der einst als verzweifelter Hilferuf gedacht war. Ein echter Glückstreffer könnte außerdem ein überraschender Knochenfund sein.

Stephan Orth

Von Stephan Orth


Bis jetzt waren wir eine Eis-Expedition, ab heute sind wir eine Trekking-Reisegruppe mit Schatzsucher-Ambitionen. Wir verlassen das Eis und laufen erstmals seit Wochen wieder über festen Grund. Oder besser: einigermaßen festen Grund. Hauptsächlich geht es über Moränen aus losem Geröll.

Unser erstes Wanderziel ist der historische Zeltplatz 29, das letzte Camp auf dem Eis der Expedition von 1912. Wir haben die Koordinate aus dem fast hundert Jahre alten wissenschaftlichen Bericht, den der Schweizer Expeditionsleiter Alfred de Quervain nach seiner Rückkehr veröffentlichte. Allerdings waren die damaligen Messmethoden erheblich weniger präzise als ein heute handelsübliches GPS-Gerät.

Der Punkt befindet sich 60 Meter unterhalb eines Schneefeldes auf steinigem Untergrund. Das Eis reichte damals noch viel weiter ins Tal als heute. Camp 29 ist der Schauplatz eines furchtbaren Massakers: Schlittenhunde von der Westküste durften damals nicht an die Ostküste, um die Artenreinheit zu gewährleisten. Darum mussten die Expeditionsteilnehmer hier einige Tiere erschießen, nachdem sie ihnen wochenlang so treu gedient hatten. Mein Opa Roderich Fick beschreibt das in seinem Tagebuch verstörend detailliert:

"Anfangs waren wir damit insofern vorsichtig und rücksichtsvoll gegen die Hunde, indem wir den zum Schlachten bestimmten erst eine ganze Strecke weit von den anderen weg hinter einem Moränenklotz angebunden erschossen. Hoessli wollte nicht schießen und so musste ich das machen. Zuerst kannte ich die Anatomie des Hundes nicht und schoss zu tief durch den Schädel, dass grausame Szenen vorgekommen sind.

Ein so schlecht getroffener Hund schrie und wälzte sich rasend am Boden rum, dass der zweite Schuss gar nicht so leicht anzubringen war. Beim Schlachten kamen aber schon die andern Hunde an und waren schwer abzuhalten über den toten herzufallen und sich satt zu fressen oder lieber noch zu überfressen. Am meisten waren sie auf den Kopf aus. Den Kopf schnitten wir gewöhnlich ab und überließen ihn den Hunden, die sich darum zankten."

Funde zwischen Felsbrocken

Ich laufe also durch ein karges Geröllfeld irgendwo in Ostgrönland und suche nach alten angeknabberten Hundeschädeln. Ein bisschen verrückt ist das schon, aber eigentlich dürfte hier nichts wegkommen.

Nach etwa einer halben Stunde finde ich in einer Vertiefung zwischen Felsbrocken tatsächlich Reste von einem Tierkopf: ein Rentier-Geweih, ziemlich alt und verwittert sieht es aus. Rentiere hatten die vier damals allerdings nicht im Zuggeschirr ihrer Schlitten, also suche ich weiter.

Kurz danach entdecke ich erneut etwas Weißes, das nicht wie ein Stein aussieht: Bingo, ein Knochen! Er ist etwa 20 Zentimeter lang und sieht nach einem Schienbein aus, ein Teil des Wadenknochens ist noch daran. Die Größe würde zu einem ausgewachsenen Schlittenhund passen. Den nehme ich mit, zu Hause suche ich mir dann einen Anatomie-Experten, der sich den Knochen mal ansieht. Schon möglich, dass ich nun ein Stück von dem Jakobshavner, von Jason, Mono oder wie die Hunde alle hießen, in der Hand halte.

Am Nachmittag steigen wir noch auf die fast schwarze Bergkuppe, die sich direkt vor unserem Zeltplatz erhebt. Vor hundert Jahren war mein Opa da oben: Er baute einen Steinmann, an dessen höchstem Punkt er eine leere Pemmikandose befestigte. In der Hoffnung, dass Inuit-Paddler im Fjord auf die Reflektionen in der Sonne aufmerksam werden würden.

Der Steinmann steht bis heute, der Sockel besteht auf der Ostseite aus auffällig hellem Fels, der Rest ist schwarzes Gestein. Ich habe das Bauwerk schon im vergangenen Jahr entdeckt, als ich mit Eltern, Bruder, Onkel und Tante in den Hundefjord reiste, um Schauplätze der Expedition von 1912 zu entdecken. Jeden Abend lasen wir im Zelt aus Opas Tagebuch vor, es war ein einmaliger Urlaub, von dem alle Beteiligten bis heute schwärmen.

Ich hinterlasse eine Nachricht in dem Steinmann. Gute Arbeit, sehr stabil, mein Opa war ja Architekt und kannte sich mit Statik aus. Der Blick auf den Sermilikfjord im Abendlicht ist von hier oben phänomenal. Ob vor hundert Jahren die vier Männer diese Aussicht überhaupt genießen konnten, während sie ihre ganze Überlebenshoffnung auf diesen Wasserweg setzten?

Ein Boot aus Zeltplane und Schlittenholz?

Während mein Opa Hunde schlachtete und den Steinmann baute, waren Expeditionsleiter de Quervain und Karl Gaule tagelang auf den Bergausläufern gen Osten unterwegs, um ein Depot mit Kajaks und Essen zu finden. Das hatte der dänische Ortsvorsteher von Tasiilaq für sie eingerichtet. Zur Orientierung besaßen sie eine handgezeichnete Karte auf Pergamentpapier. Die war leider sehr ungenau, deshalb wurde eine verzweifelte Alternative erwogen:

"Ich bin damit beschäftigt, den Plan für ein Boot zu machen, das aus unserem Schlitten und Zeltmaterial im Notfall gebaut werden soll. Holz wäre wohl gerade genug da, wenn wir alles verwenden, aber schlimm steht es mit dem Segeltuch! Wir haben an wirklich wasserdichtem Segeltuch nur das Segel und die grünen Schlittensäcke, die aber auch schon beschädigt sind. Ich bin nach allem Versuchen überzeugt, dass wir kein wasserdichtes Boot fertig kriegen."

Mein Opa sah deshalb zwei Möglichkeiten. Entweder würden sie ein undichtes Boot bauen und bei der Fjord-Überfahrt ständig Wasser ausschöpfen. Wenn es zu voll liefe, wollten sie versuchen, an Eisbergen oder großen Eisschollen zu landen. Oder sie müssten mindestens drei Monate bis November oder Dezember ausharren, bis der Fjord komplett zugefroren ist, und dann eine Querung zu Fuß versuchen.

"Pemmikan und Petroleum wäre noch für zwei Monate da. Dann müssten wir mit den 27 Hunden auskommen und vielleicht schießen wir auch Bären. Die Wartezeit wird einem sehr lang werden und dann kommen wir dieses Jahr nicht mehr heim und man wird zu Hause uns für verloren halten."

So weit kam es nicht. Nach fünf Tagen kehrten die anderen zurück mit der Nachricht, dass sie das Depot gefunden hatten mit vier Kajaks. Die Gruppe konnte gemeinsam zum Fjord absteigen.

Das machen wir ihnen nach - wir müssen nämlich dringend mal baden.

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