Paddeln in Ostgrönland: Gefangen im Eis-Labyrinth

Von

Mit Muskelkraft von Eisberg zu Eisberg: In den Fjorden von Ostgrönland fühlen sich Paddler winzig zwischen den Wunderwerken der Natur. Kajaktouren in dieser Region zählen zu den schönsten der Welt - aber wenn hier ein echter Sturm aufkommt, kann man nicht auf schnelle Hilfe hoffen.

Ostgrönland: Paddeltour in einsamer Natur Fotos
Norbert Eisele-Hein

Mit der Einsendung erklärt der Absender, dass er die Rechte an den Fotos besitzt, mit der Veröffentlichung einverstanden ist und die Allgemeinen Nutzungsbedingungen akzeptiert.

* optional

Vielen Dank!
Ihr Tipp wurde gespeichert - in wenigen Minuten können Sie ihn auf der Karte sehen.

Tipp mitteilen

Facebook Twitter Tipp versenden
Beitrag melden

Begründen Sie knapp, warum es mit diesem Beitrag ein Problem gibt.

Hier geht's zur großen Reise-Weltkarte

Die leichte Strömung im Kong-Oscar-Fjord lässt die Kajaks stetig auf den Eisberg zudriften. Plötzlich wechselt das tief dunkelblaue Wasser die Farbe. Schon leuchtet aus gut 30 Metern Tiefe der hellblaue, weitausladende Sockel des Eisbergs unter unseren roten und gelben Plastikbooten. Wie war das noch gleich mit der Spitze des Eisbergs? Zwei Drittel sind unter Wasser? Drei Viertel? Neun Zehntel? Im Nu hebt eine Gänsehaut den ansonsten nahtlos anliegenden Neoprenanzug. Nicht auszudenken, wenn dieser Eisberg dreht, kippelt oder auch nur ein größerer Brocken davon runterfällt. Also: Nichts wie weg.

Aber alles der Reihe nach. Nach der Ankunft am Flughafen Kulusuk, der aus ein paar Blechcontainern besteht, werden wir am Bootshafen des Örtchens schon von einigen Inuit-Jägern empfangen. Sie grüßen uns mit ein paar Brocken Englisch.

Schon jagen wir mit bald 70 km/h an der zerklüfteten Küste entlang. Beim Slalom zwischen Eisbergen in der Größe von Wohnblocks fühlen wir uns wie James Bond, klammern uns aber etwas weniger cool an Gurten und Reeling fest. Das Ziel: Tasiilaq, die Schaltzentrale Ostgrönlands. Wir errichten unser Basislager auf einem Felssporn mit 360-Grad-Panorama. Robert Peroni, ein charismatischer Südtiroler, gesellt sich zu uns ins Mannschaftszelt. Vor knapp 30 Jahren durchquerte er mit einer Expedition den grönländischen Eisschild und fand seine Bestimmung. Seit 16 Jahren lebt er nun in Tasiilaq.

Seine Reiseagentur Red House arbeitet überwiegend mit Inuit zusammen. Robert versteht sich als "Brückenbauer", wie er sagt. Er möchte das "Geld im Ort lassen" und den "Menschen eine Chance geben". Zusammen mit Daniel Kraus, dem Geschäftsführer eines Reiseveranstalters, selbst Grönlandfan und begeisterter Kajaker, kam er eines langen Sommerabends auf die Idee, den Spuren der Inuit-Jäger zu folgen: mit dem Kajak, übrigens einer Erfindung und Wortschöpfung der Inuit, entlang der Jagdrouten zu den schönsten Trekkingtouren paddeln und dann zu Fuß die landschaftlichen Schönheiten erkunden. Ein wohl kalkuliertes Reiseabenteuer im Expeditionsstil.

Gewehr zur Eisbären-Abwehr

Peter, unser Guide, vertäut noch seinen "Eisbärenstopper", eine großkalibrige Büchse, und schon stechen wir in See. Im Ikavartisaq-Fjord paddeln wir bei königlichem Wetter und schlagen nach einigen Stunden unser Camp auf. Die steilen, wuchtigen Gipfel sind keine 1500 Meter hoch, wirken aber von Meereshöhe aus schier unbezwingbar. Schon nach wenigen Schritten am Ufer wird klar: Wandern in Grönland hat etwas Exklusives und führt durch echte Wildnis. Es gibt keinen Pfad, kein Schild und schon gar keine Hütte zum Einkehren. Nichts. Unser einziger Draht zu Roberts Red House, zur Außenwelt, ist Peters Satellitentelefon.

Wir paddeln quer über den Fjord zur Gemeinde Tiniteqilaq, 120 Menschen leben hier. Angeseilte Schlittenhunde jaulen, an einem Holzbalken sind Fische zum Trocknen aufgehängt. Der Ort wirkt wie ein Außenposten der Zivilisation inmitten völliger Einsamkeit. Von einem Aussichtshügel können wir erstmals den Sermilik-Fjord in seiner ganzen Größe betrachten: Er wird 30 Kilometer nördlich von sechs riesigen Gletschern gespeist. Bei den derzeitigen Tagestemperaturen von bis zu 20 Grad Celsius platzen dort Eisberge groß wie Kreuzfahrtschiffe ab, einige davon ziehen nun majestätisch vor uns vorbei, umringt von Tausenden kleineren Exemplaren in allen erdenklichen Phantasieformen.

An einigen Stellen liegen die weißen Ungetüme so nah beieinander, dass ein Durchkommen unmöglich erscheint. Zum Glück gibt uns ein Jäger auf dem zehn Kilometer breiten Fjord Geleitschutz. Mit seinem knallroten Motorboot lotst er uns durch das Eislabyrinth. Wir campen am Nordostufer des Stoklund-Fjords.

Nach dem Abendessen laufen und krabbeln wir noch über raue Platten auf den knapp 500 Meter hohen Hoesslys Bjerg. Der wurde vor genau 100 Jahren so benannt, nach einem der vier Mitglieder einer Schweizer Grönland-Expedition, der es gelang, das Inlandeis zu durchqueren. Der Blick von dort oben auf den Sermilik-Fjord ist magisch. Keine Hochspannungsleitung, kein Kondensstreifen am Himmel, absolute Stille.

Blühende Landschaften, eisige Aussichten

Auch unser nächster Zeltplatz nach einer Paddelstrecke in den Hundefjord liegt paradiesisch inmitten prächtiger Wollgraswiesen. In der Umgebung gedeihen Löwenzahn, Ranunkeln und das arktische Weideröschen - die Nationalblume Grönlands. Das ist das "Grünland", wie es der Isländer Eirikur Thorvaldson, genannt Erik der Rote, im Jahre 982 vorfand. Hoch über uns ist nun das Inlandeis zu sehen. Aus der Ferne betrachtet wirkt das im grellen Mittagslicht wie schwebender Zuckerguss auf einem Gugelhupf.

Das größte Eisplateau der Welt wird bis zu 3400 Meter dick und ist so schwer, dass sich die Landmasse darunter Hunderte Meter abgesenkt hat. Darin sind etwa zehn Prozent der Süßwasserreserven der Erde gebunden. Ein Abschmelzen hätte einen Anstieg des Meeresspiegels um sechseinhalb Meter zu bedeuten. Und die Eisdecke schmilzt derzeit jährlich um 240 Kubikkilometer, das ist ein Vielfaches von einst.

Hilfsbereite Robbenjäger

Der Rückweg aus dem Hundefjord fordert den Bizeps enorm. Eine frische Brise und die aufkommende Flut stellen die Paddelkünste auf eine ernsthafte Probe. Die Passage zum Johan-Petersen-Fjord ist fast schon voll mit Treibeis. Wie aus dem Nichts tauchen plötzlich einige Inuit-Jäger mit ihren Schnellbooten auf. Sie haben unser Problem scheinbar gerochen - vielleicht waren aber auch zufällig gerade ein paar Robben in der Nähe, auf die sie es abgesehen haben.

Die Männer lotsen uns durch den eisigen Irrgarten und schubsen kleinere Schollen einfach auf die Seite. Am Südufer des Fjords stellen wir wie immer zuerst das Küchenzelt auf. Schon blubbert der Kartoffelbrei im riesigen Kessel, brutzeln die Würste in der Pfanne. Es duftet verlockend. Ein dunkelbrauner Polarfuchs streicht mit erhobener Nase ums Lager. In der Umgebung finden wir sogar erstmals Zeichen menschlicher Existenz. Unsere Vorgänger haben aus großen Steinplatten eine windgeschützte Latrine gebaut. Eine gute Idee, denn der Wind wird immer stärker.

Am nächsten Morgen stehen wir fassungslos vor den steifgefrorenen Zelten. Wind und Flut schieben fußballfeldgroße Eisberge mit irrer Geschwindigkeit durch den Fjord. Das Treibeis dazwischen stapelt sich mit einem bedrohlichen Rumpeln und Krachen übereinander. "Da kommt auch kein Inuit mit dem Schnellboot mehr durch. Wir sitzen fest", stellt Peter lapidar fest.

Keine Chance für Kajaks

Zum Glück haben wir drei Puffertage eingeplant. Das Brot wird zwar knapp, aber zur Not schmeckt die Wurst auch ohne. Wir wandern auf den 1200 Meter hohen Pingertuit. Als wir den Rand des Gipfelplateaus erreichen, brechen wir die Tour jäh ab. Der Wind fährt in die Jacken und droht uns mitsamt unseren Rucksäcken von den Felsen zu schleudern. Von oben beobachten wir das eisige Chaos im Johan-Petersen-Fjord. Die Eisberge driften und drehen sich, schrammen aneinander. Flut, Wind und Strömungen sorgen für jede Menge Bewegung. Da würde nicht mal ein atombetriebener Eisbrecher durchkommen, geschweige denn ein Kajak.

Erst spät am folgenden Abend lässt der Sturm nach. Der Saum des Inlandeises, der gefrorenen Verbindung zwischen Europa und Amerika, erstrahlt rotgolden. Die Eisberge spiegeln sich im Wasser. Nebelschwaden und schwarze Wolken wabern von der vorgelagerten Insel Quertartivatsiaq herüber. Das Land Mordor aus "Der Herr der Ringe" lässt grüßen. Wir kippen die letzten Tropfen Rum in den Tee und genießen dieses unfassbare grönländische Open-Air-Kino - im XXL-Format und mit Überlänge.

Am nächsten Morgen ist der Spuk vorbei. In seltsamen Ellipsen und Hyperbeln nähern sich drei bunte Punkte übers Wasser. Die Jäger bahnen sich mit Motorbooten ihren Weg durch den Eisverhau. Sie laden uns mitsamt den Kajaks ein und bringen uns pünktlich zum Flughafen. Schade eigentlich.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Reise
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Fernweh
RSS
alles zum Thema Arktis-Reisen
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren
Praktische Informationen
Kajakfahren in Grönland
Die Tour ist nur bedingt für Individualisten geeignet. Die Trekkingtouren sind leicht bis mittelschwer. Die Kajaktour ist technisch auch für Anfänger geeignet. Aber im Notfall gibt es weder ein funktionierendes Mobilfunknetz noch Menschen, die zufällig vorbeikommen. Die Unterstützung durch die Inuit bei den Kajakpassagen wird vor allem bei schwierigem Wetter überlebensnotwendig. Verpflegung kann nur über das Red House organisiert werden. Ein verstopfter Fjord kann den Nachschub komplett lahmlegen. Dann hilft nur noch ein Satellitentelefon und ein Hubschrauber, der allerdings bei heftigen Stürmen auch nur begrenzt einsetzbar ist.

Die Auswahl an Trekkingtouren ist unendlich. Wer anspruchsvollere Berg- oder Klettertouren anpeilt, kann mit Pulka oder Hundeschlitten z.B. zu den 2500 Meter hohen Türmen der Schweizerland-Region. All dies sind aufwendige Expeditionen, die sorgfältige Vorbereitung erfordern.
Reiseinfos
Anreise: Ab Reykjavik mit Air Iceland oder Air Greenland nach Kulusuk. Vor Ort gibt es nur Helikopter oder Boote.

Einreise: Staatsbürger aus EU-Ländern, dem Schengen-Gebiet und der Schweiz benötigen sowohl für Island, als auch für Grönland einen gültigen Reisepass oder Personalausweis. Die Dokumente müssen nach dem Ausreisetag noch drei Monate gültig sein. Es sind keinerlei Impfungen vorgeschrieben.

Zeitverschiebung: MEZ minus 4 h

Beste Reisezeit: Mitte Juni – Ende August, die Temperaturen liegen dann im Schnitt bei 11 Grad tagsüber und 3 Grad nachts. Wir hatten Temperaturen von 23 Grad bis minus 3 Grad.
Zum Weiterlesen
Im Internet: www.greenland.com (offizielle Webseite Grönlands)

www.tuning-greenland.com (Robert Peroni, Red House)

Reiseführer: Sabine Barth: Grönland, aus der Reihe DuMont Reisetaschenbuch.

Ulrike Köppchen, Martin Hartwig, Katja Nagel: Grönland, Conrad Stein-Verlag.

Etain O’Carroll, Mark Elliott: Greenland and the Arctic, aus der Reihe Lonely Planet, in Englisch.

Landkarte: Sagamaps, Angmagssalik, Tasiilaq, 1:250.000, mit englischen Infos, erhältlich im Flughafen Kulusuk.
Ausrüstungstipps
Wer es gerne dunkel hat beim Schlafen, sollte eine Schlafbrille mitnehmen.

Ein Trockenanzug bietet das größte Maß an Sicherheit und Komfort beim Paddeln.

Mit Neoprensocken und Trekkingsandalen vereinfacht sich das Ein- und Aussteigen und die Füße bleiben warm.

Wichtig sind eine gute Sonnenbrille und Sonnencreme, Lichtschutzfaktor 30 bis 50 ist angebracht.

Das Mückennetz funktioniert am besten in Verbindung mit einem breitkrempigen Hut. Die Mücken stechen bei anliegendem Netz durch das Gewebe. Auch eine durchstichfeste Trekkinghose leistet gute Dienste.

Ersatzakkus/Batterien für die Kamera einpacken! (eventuell Mini-Solar-Panel) Es gibt zwischendrin keine Lademöglichkeit!

Fotostrecke
Machen Sie mit: So funktioniert die Reisekarte