Größter Weinkeller der Welt: Schampanski auf ex

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Tief unter den Hügeln Moldawiens liegt der größte Weinkeller der Welt. Zwischen Millionen von Weinflaschen in labyrinthartigen Gängen wurden schon Nikita Chruschtschow, Jiang Zemin und Juan Antonio Samaranch abgefüllt. Gezecht wird auf Befehl einer James-Bond-Lady. Natürlich auf ex.

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Der Eingang ähnelt dem Höllenschlund. Quietschend öffnet sich das Eisentor, und dann gähnt er dort, der Tunnel. Der Berg ist bereit, uns zu schlucken. Wir sind uns nicht sicher, ob er uns jemals wieder freigibt, wenn wir uns weiter vorwagen. Doch dann tritt Sergej, der robuste Chauffeur, das Gaspedal seines noch robusteren Skodas durch, und wir preschen mit voller Kraft voraus - geradewegs hinein in den Berg.

Als sich unsere Augen an das Halbdunkel gewöhnt haben, sehen wir sie links und rechts vorbeiziehen: Dutzende, nein Hunderte, ach was: Aberhunderte von riesigen Weinfässern, jedes doppelt so hoch wie Sergejs Skoda, der immer weiter in den Berg hineinbraust. Mal nimmt er eine Abzweigung nach rechts, dann biegt er links ab, und die Fässer werden von unzähligen Flaschen abgelöst, die in Wandnischen der Ewigkeit entgegendämmern.

Nach einigen Minuten hält Sergej vor einer Tür. Als wir uns aus dem Wagen zwängen, öffnet sie sich, und eine Frau tritt heraus. Mit ihren herrischen Gesichtszügen, dem roten Kurzhaarschnitt und der sowjet-ähnlichen Uniform scheint sie geradewegs einem James-Bond-Streifen der siebziger Jahre entstiegen zu sein. Gerade überlegen wir, ob sich in der Spitze ihrer Stiefel wohl kleine Dolche verbergen, da schmettert sie uns mit tiefem Bass entgegen: "Willkommen in Cricova, im größten Weinkeller der Welt! Sie befinden sich in einer ehemaligen Mine, 60 Kilometer lang und 85 Meter unter der Erdoberfläche. Sie wurde von deutschen Kriegsgefangenen gegraben. Ich bin Natalja. Und jetzt kommen Sie trinken!"

Wein als Staatsschatz

Sofort ist uns klar, dass wir jetzt nur eines tun können: gehorchen. Ehrfürchtig schreiten wir im Halbdunkel an Flaschenbergen vorbei. Klar, vor unserem Besuch haben wir im Reiseführer gelesen, dass die kleine Republik Moldawien zwischen Rumänien und der Ukraine ihren Staatsschatz statt in Gold oder Aktien in Wein angelegt hat. Aber dieses Allerheiligste direkt vor uns zu sehen, lässt uns nun doch erschaudern.

Dank seines milden, vom nahe gelegenen Schwarzen Meer begünstigten Klimas war Moldawien von den planwirtschaftenden Sowjets zum größten Weinproduzenten der UdSSR aufgedonnert worden. Damals zählte eher Masse als Klasse, die Herren in Moskau wollten ständig neue Rekordmargen sehen. Die Produktion läuft bis heute. Deshalb zählt das kleine Moldawien mit seinen gerade mal 4,2 Millionen Einwohnern zu den zehn größten Weinbauländern der Welt. In Westeuropa sind die recht schweren Rebsäfte allerdings weitgehend unbekannt.

"Moldawien ist ein ordentliches Weinland", sagt Dieter Hoffmann von der Forschungsanstalt Geisenheim, einer der führenden deutschen Weinexperten. "In den vergangenen 15 Jahren hat sich dort vieles getan. Allerdings haben es die osteuropäischen Länder schwer, bei westeuropäischen Konsumenten Anerkennung zu finden. Sie haben einfach keinen Luxusnimbus wie etwa Kalifornien oder Australien."

Die Rote Armee brachte Hermann Görings Weinsammlung

Doch in Osteuropa erfreuen sich die moldawischen Weine großer Beliebtheit. Und Cricova, 20 Kilometer nördlich der Hauptstadt Chisinau, ist der König der Weinkeller. Die Kelterei hat sich auf Schaumweine spezialisiert, die sie "Schampanski" zu taufen beliebte. Die Gesamtzahl der hier lagernden Flaschen gibt Natalja lapidar mit "zwischen einer und zwei Millionen" an. Zwar hält die regionale Konkurrenz vom Weinkeller Milestii Mici mit rund anderthalb Millionen Flaschen den offiziellen Eintrag im Guiness Buch der Rekorde. Doch das lässt Natalja kalt: "Cricova ist viel berühmter." Vielleicht haben sich die Emissäre der Rekordprüfer bislang einfach nicht nach Cricova getraut. Immerhin müssten sie dort monatelang Flaschen zählen. Allein im Keller von Milestii Mici sollen sie fast ein Jahr lang zugebracht haben - bei kühlen zwölf Grad Celsius und bis zu 98 Prozent Luftfeuchtigkeit.

"Kommen Sie trinken!", schmettert Natalja wieder und führt uns weiter durch das Tunnel-Labyrinth. In einer Nische dürfen wir die weltweit letzte Flasche eines süßen Rotweins aus Jerusalemer Trauben, Jahrgang 1902, bestaunen. Nebenan lagert fast die komplette Weinsammlung von Hermann Göring, darunter ein Stapel Château Mouton Rothschild Pauillac 1-er Cru Classe von 1936. Jede der Flaschen aus der Nazi-Kollektion sei bis zu 50.000 Euro wert, sagt Natalja. Die Rote Armee habe sie bei der Eroberung Deutschlands gefunden und 1947 nach Moldawien gebracht.

Man muss wissen, wo der Feind trinkt

"Kommen Sie trinken!", befiehlt sie dann noch mal und schiebt uns in ein Gewölbe. Darin prangt über grünen Kunstledersesseln eine riesige Weltkarte, in der die obligatorischen Länderfähnchen nicht fehlen. So wusste man wohl zu Sowjetzeiten immer, wo der Feind trank. Dann entkorkt Natalja die erste Flasche, füllt unsere Gläser randvoll und schmettert: "Los, auf ex!"

Ein Seitenblick auf eine Tafel an der Felswand verrät uns, wer hier unten schon alles abgefüllt wurde: die sowjetischen Regierungschefs Chruschtschow und Gorbatschow, der Kosmonaut Gagarin (zwei volle Tage lang!), Chinas ehemaliger Staatspräsident Jiang Zemin, Ex-IOC-Präsident Samaranch. Russlands Präsident Putin soll hier seinen 50. Geburtstag gefeiert haben. Kein Zweifel: Die Lady ist bereits mit härteren Gegnern fertig geworden. Also mühen wir uns brav, uns eine ansehnliche Portion des moldawischen Staatsschatzes einzuverleiben. Nach der sechsten Flasche ist Natalja zufrieden und erlaubt Sergej, uns abzutransportieren. "Kommen Sie wieder mal nach Moldawien! Wir haben hier noch Hunderttausende von Flaschen liegen!", ist das Letzte, was wir hören, als Sergej uns in seinen Skoda bugsiert. Wir sind uns nicht ganz sicher, ob er den Ausgang finden wird.

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