Guadeloupe: Europas Traum von einer Insel

Von Maik Brandenburg

Wolken, Regen, kühler Wind - schön ist der Frühling in Mitteleuropa bisher nicht. Ganz anders 7000 Kilometer westlich: Die französische Karibikinsel Guadeloupe bietet Traumwetter, Müßiggang und köstlichen Rum. Ein Besuch im Paradies.

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Bruno Gargar sagt, er sei Karibe, Afrikaner und Franzose. Von den Kariben, den Ureinwohnern der Kleinen Antillen, habe er seine Liebe zur Natur, von den Menschen der ostafrikanischen Küste, die einst als Sklaven hierher gebracht worden waren, stamme seine Liebe zur Musik. Und von den Franzosen? "Die Liebe zum Geld", sagt Bruno lächelnd.

Bruno ist ein beneidenswert entspannter Typ, stets mit Schirmmütze und nie in langen Hosen. Ein paar Jahre lebte er in Europa, in Paris, auch im deutschen Freiburg. Lange Hosen verbindet er mit Kälte. Kälte aber ist das Letzte, was einem auf Guadeloupe einfällt. Die Insel in der Karibik, gelegen zwischen Dominica und Montserrat, ist ein Überseedepartement von Frankreich, so etwas wie ein Bundesland unter Palmen. Das soziale System gleicht dem in Somme oder Marne. Auf der anderen Seite haben sich hier kreolische Traditionen wie etwa Hahnenkämpfe erhalten. Oder vermischt mit europäischen Einflüssen: Ein kräftiger Hahn, so sagt man hier, braucht sein tägliches Training, sein tägliches Baguette und seinen Pastis.

"Meinen Paradiesgarten", nennt Bruno seine Insel. "Ananas, Mandarinen, Avocados, Kokosnüsse habe ich bislang erst einmal im Supermarkt gekauft, und das war in Paris", sagt er lächelnd. Hier, auf Guadeloupe, brauche er bloß in sei Gärtchen hinterm Haus zu gehen oder in den Wald, da sei alles, was er braucht.

Jagd auf alkoholisierte Krabben

Wie ein riesiger Schmetterling liegt die Insel im Karibischen Meer. Ihr rechter Flügel heißt Grande Terre . "Als Kinder suchten wir dort, in den Mangrovensümpfen, nach blau-roten Krabben", erzählt Bruno. Sie gossen Wasser in ihre Wohnhöhlen und trieben sie so hinaus. Manchmal warteten sie aber auch einfach, bis sich die Krabben an den überreifen, gärenden Mangos und Ananas satt gefressen hatten. "Dann brauchten wir die besoffenen Tiere einfach nur einzusammeln."

Der linke Flügel wird Basse Terre genannt. Hier erhebt sich der Vulkan Soufrière bis auf 1500 Meter Höhe - er thront über einem kleinen Regenwald und dem "Parc des Mammelles". Man klettert über einen Baumwipfelpfad und blickt hinab auf Mahagonibäume, auf Gummibäume und Kastanien. Papageien fliegen um Lianen, Kolibris naschen an wilden Orchideen, dicke Ameisen erklimmen Kokospalmen. Angelegt wurde der 20 Meter hohe Baumwipfelpfad vor vielen Jahren von deutschen Insektenforschern.

Die rund 20 Kilometer lange "Route de la Traversée" verbindet die beiden Halbinseln. Der Himmel ist von einem übernatürlichen Blau. Blau sind gleichfalls die Häuser am Wegesrand, auch rosa oder gelb, als hätten sie sich für den nächsten Karneval geschminkt - der beginnt hier übrigens im Januar.

Schachbrettmuster für die Toten

Weniger bunt geht es auf dem Friedhof von Morne-á-l'Eau zu. Als seien hier nur Schachfans begraben, zieren schwarzweiße Kachelmuster die Pavillons der Toten. Fast 2000 dieser Totenhäuschen stehen auf dem Friedhof. Manche Pavillons haben mehrere Stockwerke, Treppen führen hinauf. Es gibt kaum Blumenschmuck, der verginge zu schnell in der Hitze. Wo dennoch Blüten die Gräber schmücken, sind sie getöpfert oder aus Plastik.

Abends brennen unzählige Kerzen auf den Gräbern, vor allem an Allerheiligen. "Dann tanzen die Lebenden mit den Toten", sagt der Historiker Guy Nouvier. "Schwarz", sagt Nouvier, "steht natürlich für die Trauer der Hinterbliebenen." Weiß aber für die Freude - die Freude der Toten. "Ab jetzt haben sie ja Urlaub", sagt Guy und lächelt. Zumindest für die ersten "Bewohner" des Friedhofs, die afrikanischen Sklaven, war der Tod tatsächlich eine Befreiung aus Leid und Knechtschaft. Die meisten wurden allerdings nur auf den Plantagen verbuddelt, ein Begräbnis konnten sie sich nicht leisten.

Guy Nouvier weiß auch viel über den buchstäblichen Zauber des Friedhofs. Jetzt, bei Tage, merke man nicht viel vom Treiben der Hexen und Zauberer, sie seien eben Wesen der Nacht. Doch an einem kleinen Grab zieht Guy aus einer Ritze einen versteckten Zettel hervor. "Gott segne dich, Madame Amie, der die Kirche den Kopf abgeschnitten hat", steht darauf. Wahrscheinlich schwarze Magie, sagt Nouvier und steckt den Zettel zurück.

Schlimm? Nein, schlimm finde er so etwas überhaupt nicht. Alles, was den Traditionen dient, ist ihm willkommen. "Nach der Sklavenbefreiung von 1848 wurde alles weggeworfen, was irgendwie mit Afrika zu tun hatte", sagt Nouvier. Erst seit einiger Zeit gebe es Leute, die wieder nach ihren überseeischen Wurzeln suchen. "Aber da ist nicht mehr viel", erzählt der Historiker. Derzeit arbeitet er an der Herausgabe eines Wörterbuchs, Kreolisch-Afrikanisch. Im Wesentlichen trägt er Wörter der verschiedenen Stammesdialekte zusammen, die hier einst von den Sklaven gesprochen wurden.

Walzer auf Karibisch

Wenn es um Traditionen geht, gehört Gwo Ka auf jeden Fall dazu. Das ist die Musik Guadeloupes, Erinnerung an die Sklavenzeit und modernes Entertainment zugleich. Im Örtchen Trois-Rivières hält es auch Bruno nicht mehr: Er löst einen der Drummer ab, trommelt, singt, tanzt.

Immer wieder wechseln die Rhythmen, jeder hat seinen eigenen Namen: Mal ist es der Kaladia, ein schleppender Takt, der vor allem auf Beerdigungen gespielt wird. Dann Paginbel, einer Mazurka ähnlich. Schließlich der schnelle Roulé, eine Art karibischer Walzer. "Damit haben die Schwarzen früher versucht, die Weißen nachzumachen."

Schwer atmend verabschiedet sich Bruno wieder aus der Musiker-Gruppe. Jetzt braucht er einen ordentlichen Rum. Ordentlich, das bedeutet auf Guadeloupe Rhum Agricole. Der ist aus frischem Zuckerrohrsaft gemacht. Jeder andere Rum sei Panscherei, auch diese berühmten aus der Werbung, sagt Bruno. "Die verwenden Melasse, ein scheußliches Zeug." Im Agricole dagegen seien alle Aromen der Insel vereint, Vanille, Zimt, die würzigen Brisen des Meeres. "Auch gebackene Bananen und selbst Toffeegeschmack haben die Kenner schon rausgeschmeckt. Und das Aroma von Kaffee." Genau so einen hat Bruno jetzt nötig.

Einst einer der teuersten Kaffees der Welt

Allerdings will er ihn an einem besonderen Ort trinken, in Vieux-Habitants. Berühmt wurde der Ort vor allem durch seine Kaffeeplantage, die "Domaine de l'Habitation La Grivelière". Über 200 Jahre ist sie alt, früher schufteten hier die Sklaven. Ein paar ihrer windschiefen Hütten stehen noch, Reste ihrer Mauern und Kamine, aus denen Avocadobäume wachsen.

Dennoch ist die Plantage nicht verfallen. Das wunderschöne Herrenhaus wurde im alten Stil renoviert, samt Salon, Prunkgeschirr und Betten der ehemaligen Besitzer. Auch die alten Lagerräume, die Röstbretter und Mühlen existieren noch und sind sogar funktionstüchtig.

Von den ehemals 90 werden wieder 25 Hektar genutzt. Die Sträucher wachsen in etwa 400 Metern Höhe und auf bestem vulkanischem Grund. Bis Mitte der sechziger Jahre zählte Kaffee aus Guadeloupe zu den edelsten Tropfen der Welt, die man in Tassen gießen kann. Vor allem der Arabica wurde wie edler Wein beschrieben und gehandelt. In den besten Zeiten kostete ein Kilo von Guadeloupe rund 800 Francs, ein Vielfaches des südamerikanischen Kaffees . Dann brach der Weltmarkt ein, die Kosten des Kaffeeanbaus auf der Insel wurden zu hoch. Heute werden wieder rund zehn Tonnen im Jahr auf Guadeloupe geerntet.

600 Kilogramm bester Kaffee kamen im letzten Jahr von La Grivelière. Auch Bruno pflückte hier als Kind die roten Bohnen, in den Ferien zumeist. Es war schweißtreibend, mühselig, die Finger schmerzten. "Meine Eltern sagten aber, nur so lerne ich das Leben kennen." Von irgendwo kommt der Duft von Mandarinen, er mischt sich mit dem Aroma frischgerösteten Kaffees. Kolibris fliegen umher, in den Mahagonibäumen singen die Baumfrösche. Bruno nippt an seiner Tasse Arabica und schließt die Augen. "Das Leben kennenlernen" - auf Guadeloupe heißt das eben auch, es zu genießen.

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insgesamt 11 Beiträge
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1. Wirklich traumhaft schön....
juergw. 26.04.2012
Zitat von sysopWolken, Regen, kühler Wind - schön ist der Frühling in Mitteleuropa bisher nicht. Ganz anders 7000 Kilometer westlich: Die französische Karibikinsel Guadeloupe bietet Traumwetter, Müßiggang und köstlichen Rum. Ein Besuch im Paradies. Guadeloupe: Europas Traum von einer Insel - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/reise/fernweh/0,1518,829787,00.html)
glücklicherweise nur für gutbetuchte Besucher.Keine Horden von Ballermännern und Frauen die sich schnell mit billigsten Rotwein zuschütten.Bleibe ein Paradies Guadeloupe !
2. Rainbowarrior fuer Franzoesich Polynesien
ofelas 26.04.2012
Zitat von sysopWolken, Regen, kühler Wind - schön ist der Frühling in Mitteleuropa bisher nicht. Ganz anders 7000 Kilometer westlich: Die französische Karibikinsel Guadeloupe bietet Traumwetter, Müßiggang und köstlichen Rum. Ein Besuch im Paradies. Guadeloupe: Europas Traum von einer Insel - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/reise/fernweh/0,1518,829787,00.html)
Frankreich hat seine Kolonien halt noch, aber geschickt umbenannt in Departments, und durch Alimentation gefuegig gehalten. Auf jeden Euroschein sind diese unten verzeichnet, und somit werden diese Gebiete dann auch ein Interessengebiet (Problem?) der Eurozone.
3. alptraum
namste 26.04.2012
Der Bericht ist genauso unkritisch wie die meisten Reisefuehrer. Da ich auf Martinique und Guadeloupe gelebt habe moechte ich hinzufuegen, dass die Inseln selbst der komplette Traum einer Trauminsel sind. Die schwarze Bevoelkerung aber der komplette Alptraum. Rassismus, Agressivitaet, Chauvinismus und Neid sind die weit verbreiteten Charaktermerkmale. Zudem sind sie trotz massivster finanzieller Unterstuetzung aus Paris eine der teuersten Gegenden der Welt.
4.
worldg 26.04.2012
Zitat von ofelasFrankreich hat seine Kolonien halt noch, aber geschickt umbenannt in Departments, und durch Alimentation gefuegig gehalten. Auf jeden Euroschein sind diese unten verzeichnet, und somit werden diese Gebiete dann auch ein Interessengebiet (Problem?) der Eurozone.
Selten so gelacht und so ein Quatsch gelesen. Wie sollten diese kleinen Inselstaaten ein Problem für die Eurozone werden?!? Und nebenbei: Verglichen mit etlichen anderen mittelamerikanischen Ländern geht es diesen "Kolonien" ziemlich gut, verwerfliches kann ich da wirklich nicht erkennen...
5. Was Genaues weiß er nicht!
Centurio X 26.04.2012
Zitat von ofelasFrankreich hat seine Kolonien halt noch, aber geschickt umbenannt in Departments, und durch Alimentation gefuegig gehalten. Auf jeden Euroschein sind diese unten verzeichnet, und somit werden diese Gebiete dann auch ein Interessengebiet (Problem?) der Eurozone.
Guadeloupe ist eine Insel in der Karibik und hat mit Franz. Polynesien, das im Pazifik liegt nichts zu tun. Poynesien ist ein Übersee-Territorium und hat als Währung den Franc Pacifique, Guadeloupe ist ein Departement vergleichbar mit Elsass-Lothringen und hat den €. Die Bewohner von Guadeloupe fühlen sich als Franzosen, und von Kolonialer Unterdrückung durch Frankreich kann keine Rede sein.
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