Hotel Montana nach dem Erdbeben "Aufgeben liegt nicht in der Natur der Haitianer"

Das Hôtel Montana in Port-au-Prince war einst berühmt bei Stars und Politikern. Beim Erdbeben 2010 versank es in Trümmern, Chefin Cardozo war 100 Stunden verschüttet. Ihre Geschichte erzählt vom Überlebenswillen und Lebensmut der Haitianer.

Klaus Ehringfeld

Von , Port-au-Prince


Es ist nicht einfach, Nadine Cardozo zum Erzählen zu bewegen. Die elegante Frau zweifelt, bittet sich Bedenkzeit aus. "Es wühlt so viel auf", sagt sie.

Man kann das verstehen. Was die haitianische Hotelbesitzerin durchgemacht hat, reicht an Horror für mehrere Menschenleben. 2005 wurde sie entführt und war 14 Tage in der Hand von Erpressern. Aber das war nichts verglichen mit dem Jahrhundertbeben, das sie überlebt hat.

Cardozo, heute 67 Jahre alt, bekam vor fast fünf Jahren ein neues Leben geschenkt. Das gilt auch für ihr Hôtel Montana, jene mythische Herberge über Haitis Hauptstadt Port-au-Prince, die den vielen Krisen in der Geschichte dieses geplagten Landes widerstanden hat.

Als Nadine Cardozo sich dann doch vorsichtig der Vergangenheit nähert, öffnet sie in ihrem Büro eine Schublade des grauen Aktenschranks. Er steckt voller Erinnerungen, verpackt in beige Ordner und Klarsichthüllen. Bilder und Briefe des Danks von Größen der Politik und des Showgeschäfts. Kofi Annan, Angelina Jolie, Desmond Tutu - alle waren in den stürmischen oder beschaulichen Jahren mal im Montana.

"Hier ist noch der Staub vom Beben drauf", sagt Cardozo und zeigt eine Mappe, auf der "Embargo" steht. 1994 war das Montana monatelang das Pressezentrum des Landes, als die internationale Gemeinschaft Sanktionen gegen das kleine Haiti verhängte. Der aus dem Amt geputschte Staatschef Jean-Bertrand Aristide sollte wieder installiert werden. CNN und andere Sender übertrugen damals von der Hotelterrasse live in die Wohnzimmer der Welt.

"Aus einem Trauma Stärke ziehen"

Nur von der größten Katastrophe ihres Landes, ihres Hotels und ihres eigenen Lebens hat Nadine Cardozo keine Fotos im Aktenschrank. Die Bilder hat sie im Kopf. Von den 37 Sekunden, in denen 63 Jahre Arbeit und Leben einfach zusammenfielen. Bei der Naturkatastrophe am 12. Januar 2010 ging nicht nur Port-au-Prince unter, sondern auch diese 145-Zimmer-Herberge zerfiel binnen Augenblicken zu Staub. Cardozo, eine der beiden Eigentümerinnen des Hotels, überlebte 100 Stunden unter den Trümmern. Man sprach von einem Wunder.

Die damals 62-Jährige hielt in einem Hohlraum aus, konnte sich nicht bewegen, bekam kein Wasser, kaum Luft, und ein Stahlträger hatte sich in ihren Oberschenkel gebohrt. Als sie schließlich gerettet wurde, stand sie am Rande des Nierenversagens. Operation folgte auf Operation. Aber gerade über all das will sie nicht reden.

Dabei steht die Geschichte von Cardozo und ihrem Hotel für die Widerstandskraft und den Lebensmut der Menschen in diesem kleinen Land der großen Katastrophen. "Wir Haitianer haben gelernt, aus einem Trauma Stärke zu ziehen und wieder von vorne anzufangen", sagt die Überlebende. Heute bietet das Montana, 1947 von den Eltern gegründet und 1973 von den Töchtern Nadine und Garthe übernommen, 65 Zimmer auf einem weitläufigen von tropischen Pflanzen gesäumten Areal. 120 Zimmer sollen es einmal werden.

"Hôtel Montana, Haiti": Schild mit Blümchen
Klaus Ehringfeld

"Hôtel Montana, Haiti": Schild mit Blümchen

Das großzügige Anwesen erreicht man über kurvige Straßen, biegt in einen steilen Weg ein und kommt dann zu dem rostbraunen Tor, an dem wie eh und je auf einem Schild "Hôtel Montana, Haiti" steht, mit Blümchen. Ein Schild, das jahrzehntelang wie ein Versprechen war. Hier war man sicher, hier herrschte Ruhe, hier war es friedlich. Hinter den dichten Palmen und den kräftig blühenden Bougainvilleen sind die Rezeption und die einzelnen Gebäude kaum zu erkennen.

Immer wenn es Haiti besonders schlecht ging, ging es dem Hôtel Montana besonders gut. Der Sturz von Diktator Baby Doc 1986, das Embargo 1994, der neuerliche Sturz von Präsident Aristide 2004, Uno-Missionen, Staatsstreiche, Invasionen und Wirbelstürme. Und immer war das Montana das soziale, politische und mediale Zentrum.

Urlauber waren seit Mitte der Achtzigerjahre eher die Ausnahme - in Haiti wie auch im Hotel. Der Blütezeit des Tourismus in den Sechziger- und Siebzigerjahren, als die Clintons in Haiti flitterten und es einen Club Med mit 700 Betten gab, machten politisches Chaos und das Gerücht ein Ende, Aids stamme aus Haiti.

Krisen- und Entwicklungshelfer, Blauhelme, Reporter und Diplomaten lösten die Urlauber ab - und alle trafen sich im Montana zum Sundowner, um in der kühlenden Brise der Terrassen hinunter auf die Slums zu schauen und zu beraten, wie man der Gewalt Herr werden und die Armut besiegen könnte.

"Ich wollte Haiti nie verlassen"

Alle Jahre trotzte das Montana Unruhen und Wirbelwinden. Nur den Erdstößen am 12. Januar 2010 um 16.53 Uhr trotzte es nicht.

Fast fünf Jahre später sitzen Nadine und ihre sieben Jahre ältere Schwester Garthe an einem Tisch im Garten ihres Hotels und sprechen über das, was war, was ist und was wird - zwei vitale Damen, erfolgreiche Unternehmerinnen und Kämpferinnen. "90 Prozent des Hotels waren zerstört", sagt Garthe. "12.000 Lkw-Ladungen Trümmer wurden weggefahren", sagt Nadine. 80 Menschen starben im Montana, darunter 18 der damals 400 Angestellten.

Nadine (l.) und Garthe Cardozo: Aufgeben liegt nicht in der Natur der Haitianer
Klaus Ehringfeld

Nadine (l.) und Garthe Cardozo: Aufgeben liegt nicht in der Natur der Haitianer

Kam nie der Gedanke ans Aufgeben? "Ich wäre mir wie ein Feigling vorgekommen", antwortet Nadine Cardozo in perfektem Deutsch und richtet den Seidenschal, den sie passend zum blauen Kleid ausgesucht hat. Sie ist mit einem Zahnarzt aus Bayern verheiratet. Der wollte, dass sie nach dem Unglück nach Deutschland ziehen: "Aber ich wollte Haiti nie verlassen." Und Garthe fügt hinzu: "Aufgeben liegt nicht in der Natur der Haitianer, schauen Sie sich doch unser Land an."

Also fingen die beiden Frauen wieder an, gleich nachdem Nadine halbwegs genesen war. Sieben der 145 Zimmer waren heil geblieben, die Angestellten verzichteten monatelang auf Lohn. Und so entstand zwischen Trümmern, Baggern und Presslufthämmern das Montana II. Aufgemacht haben die Schwestern im Mai 2010, nur vier Monate nach dem Totalzusammenbruch.

Geblieben aus den Zeiten von Montana I. ist der sagenhafte Blick über die Stadt, die große Ruhe, die vielen Nischen in der verwinkelten Anlage. Und die Bar, an der Barmann Stanley den Rum Sour mischt. Es heißt, es sei der Beste der Stadt.

Der Tross der Wichtigen und Entscheider, der NGOs und der Uno trifft sich inzwischen woanders, um das Schicksal Haitis zu erörtern. "Aber auch die kommen langsam wieder", weiß Nadine Cardozo. Dann entschuldigt sie sich, sie müsse weiterarbeiten. Doch dann dreht sie sich noch einmal um und sagt: "War ja gar nicht so schlimm, darüber zu reden."

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insgesamt 8 Beiträge
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reever_de 10.12.2014
1. Seltene Ausnahme ...
Diese Bericht düfte die eher seltene Ausnahme darstellen, das es tatsächlich mal zu einem "Happy End" kam - die Mehrzahl der Betroffenen im Land dürfte es nicht viel besser gehen als nach dem Beben. Wohin sind bitte die Milliarden gegangen, die weltweit an Spenden gesammelt worden sind? Selbst die Staatsführung kann ja dazu nichts sagen und zuckt hilflos die Schultern. Spenden senden als Sachleistungen ja, aber Geldspenden in ein Land wie Haiti senden ist wie mit einem Teelöffel voller Wasser die Wüste begrünen wollen ...
bürger_an_die_macht 10.12.2014
2.
Ich kann mir schwer vorstellen, dass die Mitarbeiter gerade nach diesem schrecklichen Erdbeben auf ihren Lohn hätten verzichten können. Wahrscheinlich hätten sie aber sonst ihren Job verloren... In diesem Hotel scheinen die Machtverhältnisse noch klar geregelt zu sein. Bravo !
ladozs 10.12.2014
3. Ich habe dieses Ereignis
aufgrund der Berichterstattung ganz anders in Erinnerung.Bilder von apathisch herumsitzender Bevölkerung, Gewalt gegen Schwächere, Raubüberfälle auf Hilfsgüter,Korruption der Herrschenden und extrem geringe Aufbauleistung auch nach mehreren Jahren.Die Hoteliers sind für ihre persönliche Leistung zu bewundern,gehörten aber sicherlich auch zur gesellschaftlichen Elite.Für den Erhalt üppiger Besitzstände lohnt es sich halt mehr zu kämpfen.
jeanluc24 10.12.2014
4. Richtig so
Nach dem Lesen der Kommentare finde ich den Artikel genau richtig so. Ein Gegensatz zu dem, was die Leute erwarten und was sie sonst hören.
maranata 10.12.2014
5. Haiti für einen Europäer schwer zu verstehen
Denkt man an Haiti schwirrt bei vielen die Gedanken da war doch was? Natürlich Voodoo - Papa Doc (Tontons Macoute) und dann das furchtbare Erdbeben!!!!! Hotel Montana in Port-au-Prince vor dem Erdbeben eine Insel der Zuflucht, wo man die berauschenden haitianischen Gegensätze (für den Menschen der westlichen Prägung) zur Ruhe kommen lassen konnte. Ein Paradies der Erholung in einer mystischen Atmosphäre. Und dann das furchtbare Erdbeben!!!!!! Frau Nadine Cardozo, lag meine ich gelesen zu haben, mehrere Tage verschüttet unter Trümmern lebendig begraben. Was muss ihr durch den Kopf gegangen sein? Das anmutige Hotel durch die wilde Naturkatastrophe war danach platt wie eine Briefmarke. Ein riesiger Albtraum mit über 200 Opfern. Sehr sehr bemerkenswert dieser schöne Wiederaufbau. Welche Kraft muss dieses gekostet haben? War selbst viele viele Male Logiergast im Hotel Montana vor dem schrecklichen Geschehen. Habe in diesem Lande gearbeitet und habe tief einschneidende Änderung in meinem Leben hinnehmen müssen (Voodoo) könnte darüber ein Buch schreiben. Im Nachhinein war es aber eine Bereicherung meines Lebens. Wünsche Frau NadinCardozo mit ihrer Familie weiterhin Schaffenskraft - und bin mir sicher es wird wieder ein magnetischer Anziehungspunkt für viele Gäste aus aller Welt werden! Da kann man nur sagen: adelante! Unten sehen sie die ungeheuerliche Zerstörung des Hotel Montana: http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/3/34/Hotel_Montana_Haiti_after_earthquake.jpg
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