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Salem in Neuengland: Total verhext

Von Jens-Martin Trick

Hexen-Pilgerort Salem: Mekka der Magier Fotos
Patrick Cornelissen

Rund 4000 Hexen, Hohepriester und sonstige bekennende Abergläubische leben in dem US-Städtchen Salem in Neuengland. Und zu Halloween kommen noch mehr, von überall. Den Ruhm verdankt der Ort seiner mörderischen Vergangenheit.

Lynn Haley sitzt im Schneidersitz auf einer Grabplatte. Ganz gelassen, mit geschlossenen Augen und Musik in den Ohren. Die lachenden, gaffenden und Selfies schießenden Touristen, die an ihr vorbeiflanieren, scheinen sie nicht zu stören. "Das ist einer meiner Lieblingsplätze", sagt sie und streicht liebevoll über den rauen Granit, "an diesem Ort tanke ich jede Menge Kraft." Fast täglich verbringt die 34-Jährige hier ihre Mittagspause.

Haley trägt dunkle Kleidung, hat lange, schwarz gefärbte Haare und großflächige Tätowierungen. Sie hat die mörderische Geschichte des ansonsten so beschaulichen US-Städtchens nach Salem gebracht: 1692 begann hier mit den sogenannten Hexenprozessen eine historisch einmalige Hetzjagd. Mindestens 150 wahllos der Hexerei Beschuldigte kamen ins Gefängnis, für 25 von ihnen endeten sie mit dem Tod. Auf dem ältesten Friedhof der Stadt befindet sich das Grab von John Hathorne, Richter der Hexenprozesse, und eine Gedenkstätte für die Opfer.

Die schüchtern wirkende Haley bezeichnet sich selbst als Hexe und fühlt sich mit der Welt der Magie eng verbunden. So eng, dass sie vor knapp zwei Jahren von der Westküste der USA ins ferne Neuengland zog, sich eine Zweizimmerwohnung suchte und mittlerweile als Servicekraft arbeitet. "Viel bleibt dabei nicht über", sagt sie. Aber die Nähe zu diesem Platz und der Kontakt mit Gleichgesinnten würden den finanziellen Verzicht aufwiegen.

Und Geistesverwandte finden sich in Salem genug. Schwarz ist die dominante Farbe, die ja eigentlich keine ist und nichtsdestotrotz "ein Lebensgefühl symbolisiert", das auch Lynn seit knapp 20 Jahren verspürt. "Zu Hause war es oft schwierig. Ich wurde begafft und als Sonderling abgetan", erzählt sie. Selbst von ihren Eltern habe sie sich oft missverstanden gefühlt. Hier sei alles anders: "Irgendwie normal, und das fühlt sich richtig an."

Polizist mit Hexenlogo

Allein muss sich Lynn in keinem Fall mehr fühlen: rund 4000 Hexen, Hohepriester und sonstige bekennende Abergläubische leben in der Stadt. "Das sind rund zehn Prozent unserer Bevölkerung", sagt Kate Fox, Direktorin der örtlichen Tourismusbehörde. Dazu kämen rund eine Million Besucher im Jahr, "70 Prozent von ihnen kommen lediglich aufgrund der Hexenthematik". Fox bedauert zwar, dass viele den traurigen Hintergrund ausblenden, weiß aber, dass es letztlich die Sensationslust und der Spaßfaktor sind, die Touristen aus aller Welt nach Salem pilgern lassen.

Längst hat sich Salem in eine Art Disneyland des Okkulten verwandelt. Auch die Behörden pflegen einen recht unbekümmerten Umgang mit der delikaten Vergangenheit: Die Grundschule heißt "Witchcraft Heights Elementary", es gibt ein halbes Dutzend Hexenmuseen und diverse Veranstaltungen unter dem Motto Magie. Selbst das Footballteam der High School nennt sich stolz "The Witches" und trägt das Hexensymbol im Logo.

Auch die örtliche Polizei drückt schon einmal ein Auge zu, wenn jemand wie Lynn Haley friedlich auf einem der Grabsteine sitzt, ohne diese zu beschädigen oder Rituale dort zu praktizieren. Patrouillengänge auf dem Friedhof gehören dennoch zur täglichen Routine. Doch was sollte eine Hexe von einem Ordnungshüter in Salem schon zu befürchten haben, auf dessen Arm ebenfalls das Hexenlogo prangt?

Zudem sorgt der Rummel für Umsatz in der Stadt. Zahllose Geschäfte mit Kitsch und Zauberzubehör haben sich angesiedelt. Besucher können an spukreichen Führungen teilnehmen, ganz klassisch einen Blick in die Zukunft riskieren - und Kontakt zu Verstorbenen aufnehmen. Zumindest, wenn man Susan Morgan Glauben schenkt: "Bereits meine Großmutter hatte diese besondere Energie und konnte aus Teeblättern lesen", erzählt die 56-jährige, quirlige Schamanin, die nur ein paar Orte weiter lebt und öfter nach Salem kommt.

Wahrsagen per Telefon

Jetzt, im Oktober, gibt Morgan, die viel und gern zu reden scheint, Nachwuchshexen wieder Unterricht im Laden einer befreundeten Hohepriesterin: im Magika-Shop von Lori Bruno, die sogar eine eigene Kirche gegründet hat. Ihre Anhänger pilgern aus der ganzen Welt nach Salem, um sie zu kontaktieren oder nehmen ganz neumodisch über Facebook statt über die Glaskugel Kontakt mit ihr auf.

Schamanin Susan Morgan: Salem ist "einzigartig und mystisch" Zur Großansicht
Jens-Martin Trick

Schamanin Susan Morgan: Salem ist "einzigartig und mystisch"

Auch Morgan geht mit der Zeit: "Ich kann den Menschen auch am Telefon aus Teeblättern lesen. Das funktioniert ebenso gut, als wenn sie mir direkt gegenübersitzen würden", sagt sie. Der Unterschied zwischen persönlichem Gespräch und schlichtem Telefonat bestehe lediglich im Preis. Und für die Sparfüchse unter ihren Kunden hat sie noch ein Angebot: eine Flatrate für Gruppen ab 15 Leuten.

Salem sei in jedem Fall ein gutes Pflaster, sagt die schwarzhaarige Schamanin und meint damit angeblich nicht in erster Linie die spendierfreudige Kundschaft, sondern vor allem den Ort an sich: "Die Kombination aus Geschichte und Neuzeit machen Salem so einzigartig und mystisch", schwärmt sie. Das muss man einfach einmal erlebt haben, gerade jetzt, wenn der alljährliche Höhepunkt naht.

Pünktlich am 31. Oktober, an Halloween, wird Salem zur Pilgerstätte aller Hexer und Hexen und solcher, die es vielleicht einmal werden wollen. Zumindest für eine kurze Nacht und ausstaffiert mit jeder Menge falscher Warzen, störrischer Reisigbesen und schwarzer Umhänge aus dem nächstbesten, gut sortierten Fachgeschäft.

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insgesamt 17 Beiträge
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1. Halloween...
wittchen2000 30.10.2015
soll mal schön in den USA bleiben. Wir haben schon Karneval & Fasching und das sind viel bessere weil positiviere Festivitäten, nicht dieses Kommerz-Rumgeschmiere mit Plastikskelletten, Spinnweben und ekligem Kunstblut. Alles was an Halloween "gut" ist haben wir schon im Frühjahr, und zwar viel viel besser.
2.
dimsche 31.10.2015
Halloween hat seinen Ursprung nicht in den USA sondern im keltischen. Es ist unterm Strich nicht kommerzieller als der deutsche Fasching. Und der entscheidende Vorteil: Es ist nach einer Woche vorbei. Es ist nicht von verbissenen Karnevalsgremien geprägt, die sich ernsthaft damit auseinandersetzen, welche Maske nun das historische Recht auf einen Platz in der Zunft hat und welcher Gockel im Rang der höchste ist. Die Kinder dürfen sich in der Schule, im Verein und zu Hause verkleiden und ziehen einen Abend von Haus zu Haus und erfreuen die Alten mit ihren Kostümen. Die Erwachsenen gehen auf ein oder zwei Parties und das wars. Kein wochenlanges verkleidetes Dauerbesäufnis, bei dem jeder verklemmte Spießer mal so richtig hemmungslos seinen Schweinehund nach außen kehren darf.
3. zu 1
ManRai 31.10.2015
Danke, erlebe gerade 2 Tage blutverschmierte Kinder, Plastik/Papier Fledermäuse - und dabei sollten alle mal abends hochsehen, es gibt hier richtige und richtig viele Fledermäuse. Halloween ist Kommerz in Reinkultur und keine Kultur, war halt ein Loch im Actionkalender übrig und das musste gefüllt werden, Weihnachten und Santa Claus ist zu weit weg, Sommerferien auch....
4. Halloween vs Fasching
hs57 31.10.2015
Was ist eigentlich schlimm an Halloween und vor allem, was soll an unserem Fasching besser (positiver) sein. Ein Fest, bei dem es ausreicht, sich ein paar bunte Farbtupfer ins Gesicht zu pinseln und dann Startschuss für einen neuerlichen Alkoholexzess. Mehr ist es doch leider auch nicht. Warum sollen also die Jüngeren keinen Spaß mit kreativen Verkleidungen an Halloween haben, nur weil es aus den USA kommt - wir setzen uns immer gerne auf den Sockel, aber es gibt wahrlich Schlimmeres, das aus Übersee rüberschwappt. Auch bei uns gibt es übr. Städte wie Salem, die bestimmte Geschichten touristisch ausschlachten: why not??
5. Horror ist einfach nur toll
albert schulz 31.10.2015
Diese getürkten Sensationsmeldungen aus dem Land der grenzenlosen Freiheit (oder waren es die unbegrenzten Möglichkeiten ?) kann man nur verstehen, wenn man weiß, daß alle diese Meldungen konstruiert und lanciert werden. Die Presse in Amerika schafft sich ihre eigene Welt, die ganz exakt festlegt, was wichtig ist für den Leser und was er verstehen darf und kann. Zugegeben, auf dem Kontinent ist es in Ansätzen auch schon so, und es gibt Pe-riodika, die diese Entwicklung ganz massiv unterstützen, aber da es sich regelmäßig um die dämlichsten Blätter überhaupt handelt, wird ihr Erfolg sehr überschaubar sein. In Neuengland regiert das Geld. Und wenn ich die Menschen für blöde verkaufen kann und daran noch Geld verdienen, ist es das Optimum dessen, was ein ordentlicher Calvinist aus dem Leben machen kann. Dabei ist ihm piepegal, daß der Mummenschanz katholisch ist.
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