Handwerker in Tripoli Süßes für die Königstochter

Wer im Libanon das Herz des alten Orients erkunden will, muss in den Norden: In das Land der Olivenhaine und Zedernbäume, der Granatäpfel, Mandeln und Hibiskusblüten. Dorthin, wo bis heute Seifensieder und Zuckerbäcker ihr Handwerk nach alten Rezepturen betreiben - nach Tripoli.

Gisela Dürselen

Von Gisela Dürselen


Soll doch die Politik machen, was sie will. Abdul Walid Ali Hassun regt sich nicht viel darüber auf. Er hat drei Töchter, eine nette Frau und einen Beruf. Er schlendert am Morgen durch das Dämmerlicht der verwinkelten Marktgassen von Tripoli. Trinkt seinen Kaffee, fragt den Gewürzhändler nach seinem jüngsten Sohn und den Schmied nach seinem Geschäft. Dann verschwindet er zwischen Gemüsestand und Brotbäcker in eine überwölbten Gasse - hier im Khan al-Misriyin, einer Karawanserei aus dem 14. Jahrhundert, hat Hassun seinen Seifenladen.

Der 39-jährigen Hassun gehört zu der Sorte von Libanesen, die das Land trotz seiner komplizierten Geschichte stark gemacht haben: Er kombiniert orientalischen Charme mit westlichem Geschäftssinn. Spricht Arabisch, Englisch und Französisch und verhandelt mit Saudis und Kuwaitis ebenso gerne wie mit Leuten aus Paris oder Florenz. Er funktioniert die Woche über wie ein Uhrwerk, am Samstag schultert er sein Gewehr und jagt Vögel in den Bergen. Hassun verkauft in die ganze Welt - und fertigt seine Seifen trotzdem mit der Hand und nach uraltem Rezept.

Seit fünf Generationen betreiben die Hassuns das Seifensiederhandwerk in Tripoli , sie sind eine von fünf verbliebenen Großfamilien in diesem Beruf. Vor hundert Jahren sollen es noch über 20 Familien in der Stadt gewesen sein. Denn Tripoli galt ab dem 16. Jahrhundert zusammen mit Aleppo in Syrien und Nablus in Palästina als das Seifenzentrum des Nahen Ostens.

Die Stadt bot ideale Bedingungen dafür: Es hatte ein ausgeglichenes Klima, die grün bewachsenen Berge, auf denen die Rohstoffen wuchsen, und das Meer, über das schon zu Kreuzfahrers Zeiten Waren nach Neapel, Venedig und Marseille verschifft wurden. Bis heute haben Tripolitaner Seifen einen Ruf - nicht zuletzt deshalb, weil sie der Haut kein Wasser entziehen und damit unbedenklich selbst fürs Gesicht sind.

Heilwissen aus dem Koran

Akurat rasiert und frisiert, öffnet Hassun an diesem Morgen pünktlich wie jeden Tag die schweren, hölzernen Laden seines Geschäfts: Vom Boden bis zur Decke erstrecken sich Regale mit Seifen in allen Formen, Faben und Größen, mit Flakons und geheimnisvollen kleinen Schachteln, die einen Duft verströmen, als wäre dies ein osmanischer Harem. In der Mitte des winzigen Raums steht ein wackeliger Tisch und darauf ein nagelneuer Laptop. Das ist Abdoul Hassouns Büro und zugleich der Ort, wo er zu Mittag isst und mit Kunden Kaffee trinkt.

Gerade ist er eben noch dabei, seine besten Stücke auf die Gasse zu räumen, da stehen schon die ersten Kunden vor ihm: Zwei Männer aus Bahrain mit Bart und knöchellangem Baumwollgewand wollen therapeutischen Rat. Hassun packt in eine kleine Kiste Schwefelseifen gegen Hautunreinheiten und Ekzeme und ein paar weitere Seifen mit Myrthe und Walnussblättern gegen Gürtelrose.

Die Seifen von Abdul Hassun riechen nicht nur höchst angenehm. Sie sollen auch schön machen und sogar heilen. Heilkunst hat eine alte Tradition in der arabischen Welt: Schon der Prophet Mohammed empfahl Schwarzkümmel und Honig als Medizin. Weil der Seifensieder ebenso viel von Überlieferung wie von Wissenschaft hält, studiert er neben den Aufzeichnungen seines Großvaters auch Bücher, die altes Heilwissen, die Weisheiten des Koran und moderne Kosmetik verbinden. "Honig macht die Haut samtweich", sagt er. "Petersilie hilft gegen Hautunreinheiten, Granatapfel gegen Falten und alternde Haut, Jasmin und Lavendel bei schwachen Nerven."

Brautseife aus Zedern- und Orangenblütenöl

Mitten auf dem Platz der Karawanserei schneidet Hassun mit seinem Gehilfen die zehn Kilo schweren Seifenblöcke aufs alte arabische Maß zurecht: in Quader, je sechs Zentimeter hoch und sieben Zentimeter breit. Genau so, wie es üblich war in den alten Hamams. In den Badehäusern von Tripoli ließen sich einst Bräute für die Hochzeit schmücken, Reisende erholten sich von den Strapazen eines langen Wegs, und Einheimische gönnten sich einmal in der Woche eine entspannende Schaummassage. Reinlichkeit hatte schon immer einen hohen Stellenwert im Islam: Nach dem Koran und den Aussagen des Propheten Mohammed soll die Reinheit des Körpers der inneren Reinheit des Geistes dienen.

Hassuns Brautseife ist hellgrün und rund, ihr Aroma verdankt die handgroße Seifenkugel den fruchtigen Ölen der Zeder und der süßen Essenz von Orangenblüten. Die Zeder soll Kraft spenden; die Orange die Phantasie beflügeln. Damit die Kugel nicht davonrollt, steht sie auf einem ebenfalls aus Seife bestehenden Ring. Diesen fertigt der Handwerker aus kleinen Seifenstückchen, die beim Formen der Kugel entstanden sind. Dazu presst er die kleinen Teile mit einer weiteren Maschine des Großvaters in Form.

Duftendes Wasser aus Rosenblüten

Wer einen Tripolitaner fragt, was seine Stadt berühmt gemacht hat, so wird er sicher nicht nur Seifen nennen, sondern sofort auch an Süßes denken: Kasr al-Helou - Palast der Süßigkeiten - nennen die Einheimischen jene Einrichtung, in die an Wochenenden die Beiruter in Scharen strömen - obwohl sie doch selbst in ihrer Stadt alles und von allem viel mehr haben sollen. Doch während die rund 80 Kilometer entfernte Hauptstadt sich hektisch und modern gibt, hat sich in den verwinkelten Altstadtgassen Tripolis noch vieles von der orientalischen Ruhe alter Zeiten erhalten. Die Tripolitaner Preise gelten als die niedrigsten im ganzen Land, und im Palast der Süßigkeiten, offiziell Café Hallab, braucht niemand auf Luxus und Raffinesse zu verzichten.

Im Café Hallab spielt duftendes Wasser aus Rosen- und Orangenblüten eine wichtige Rolle. Auch das geht zurück auf die Geschichte der Stadt: "1881, als Abdul Rahman Hallab seine erste Patisserie eröffnete, waren die Hügel vor Tripoli ein einziger, prächtig Garten. Im Frühjahr erwachten die Menschen vom süßen Duft der Blüten", sagt Bilal Yahya, der Manager des Cafés.

Glaubt man den Alten von Tripoli, so muss die Stadt noch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein dem Paradiesgarten aus dem Koran geglichen haben. Selbst die Mädchen trugen Namen wie Noushaima, was "duftender Frühlingswind" bedeutet. In den Hügeln vor der Stadt, wo jetzt neben Obstbäumen und Oliven immer mehr Häuser stehen, gedieh früher auch Zuckerrohr. Das war Grundlage für die Zuckerbäckerei, die Tripoli ebenso berühmt gemacht hat wie die Seifensiederkunst.

250 verschiedene Süßigkeiten

Anders als andere arabische Süßigkeiten sind die Tripolitaner Spezialitäten dafür bekannt, dass sie nicht so zuckersüß sind und auch nicht vor Honig triefen. Das war wohl auch dem arabischen König Faisal I. zu Ohren gekommen, der Anfang des 20. Jahrhunderts eigens nach Tripoli reiste, um die Patisserie Hallab damit zu beauftragen, eine neue Süßigkeit für seine Tochter zu entwerfen. Ob die Tochter den hauchzarten Blätterteig mit Frischkäse und Marmelade gemocht hat, ist nicht überliefert - die Gäste im Café Hallab jedenfalls können ihn unter dem Namen "Faysallieh" probieren.

Wer an lauschigen Abenden die Stufen zu dem noblen Süßigkeitentempel von Tripoli hinaufsteigt, tut sich schwer, zwischen der lauschig-grünen Terrasse und dem klimatisierten Café im Innern zu wählen. Genauso schwer fällt die Wahl am Buffet, denn die Firma Abdul Rahman Hallab & Sons vertreibt inzwischen weltweit 250 verschiedene Arten von Süßigkeiten. Darunter ist "Faysallieh" nicht die einzige hochherrschaftliche Leckerei: "Baklawa", bestehend aus Walnüssen und Pistazien oder Pinienkernen, soll eigens für eine türkische Prinzessin erfunden worden sein.

Auch neue Sorten wie zuckerfreie Cookies sind inzwischen in dem Naschtempel zu haben. Doch die Bürger von Tripoli mögen mehr das, was sie kennen: "Halawet al Roz", eine zähe Paste aus eingekochtem Reis, oder die Tripolitaner Hauptspeise "Lahma bi'ajim", Hackfleisch aus Lamm mit Pinienkernen und Granatapfelsirup auf Blätterteig.

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