Aus Köln nach Kambodscha: Der Tempeldoktor von Angkor Wat

Von Michael Lenz

Vulkanasche-Befall, Erosion, Wasserschäden: Für seine Diagnosen genügt Hans Leisen oft ein kurzer Blick, die Therapien sind erheblich aufwendiger. Der Kölner Geologe ist Tempeldoktor. An Stätten des Weltkulturerbes wie Angkor Wat versucht er, den Verfall aufzuhalten.

Kambodscha: Welterbestätten in Gefahr Fotos
Michael Lenz

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Long Nary hat fast jede der 1850 Tempeltänzerinnen schon mal angefasst. Denn das ist sein Job: Er klopfte die meisterhaft in Sandstein gemeißelten Figuren von Angkor Wat, die Apsaras, mit den Fingern ab. "Klingt es hohl, ist das Relief gefährdet", erklärt Long, der für das German Apsara Conservation Project (GACP) arbeitet.

Die Diagnose von Longs Knöchelarbeit ist erschütternd. "Von den Tempeltänzerinnen sind rund 1300 akut bedroht und weitere 360 nur noch sehr schwer zu retten", sagt Longs Chef, Professor Hans Leisen von der Fachhochschule Köln. Umso beeindruckender aber ist die Engelsgeduld, mit der sich der Geologe und sein Team der Rettung der Apsaras widmen. "Ich bin zum Tempeldoktor geworden", sagt der Mann mit der Ausstrahlung eines knuddeligen Teddybären.

In jüngster Zeit hat er zwei neue Patienten bekommen: die kolossalen Tempel und Paläste in Ayutthaya, das bis zu seiner Zerstörung 1762 durch burmesische Truppen die Hauptstadt des Königreichs Siam war, und im indonesischen Zentraljava die buddhistische Tempelpyramide von Borobudur, die wie Angkor zum Weltkulturerbe gehört.

"Eines Tages werden sie ganz verfallen sein."

Den Zeugen der thailändischen Hochkultur in Ayutthaya hat das Jahrhunderthochwasser vor über einem Jahr arg zugesetzt. Der gut 1200 Jahre alte Tempel Borobudur in der Nähe der Großstadt Yogyakarta wurde vor gut zwei Jahren durch den Ausbruch des Vulkans Merapi in Mitleidenschaft gezogen. Jetzt sind die Probleme in Ayutthaya und Borobudur analysiert, und sobald die finanziellen Mittel fließen, kann wohl noch in diesem Jahr mit der Renovierung der Tempelanlagen begonnen werden.

In der renommierten Siam Society, zwischen Bangkoks neuester Shopping Mall Terminal 13 und den schummerigen Go-Go-Bars des Rotlichtviertels Soi Cowboy gelegen, spricht Leisen vor einem älteren, bildungsbürgerlichen Publikum über die Diagnosen und Therapien seiner betagten Patienten.

Leisen trägt ein dunkelblaues Jackett. Der oberste Knopf seines hellblauen Hemdes steht offen. Trotz seines grauen Barts wirkt der Professor wie ein junger Mann, der sich notgedrungen in Schale geworfen hat. Wer Leisen bei der Arbeit in Angkor Wat erlebt hat, der weiß, dass sich der Geologe in Latzhose und T-Shirt sichtlich wohler fühlt als im Anzug in heiligen Kulturhallen. Aber als jemand, dessen Arbeit aus öffentlichen Mitteln finanziert und von internationalen Organisationen wie der Unesco gefördert wird, wirft er sich eben in Schale und schärft Reportern ein: "Vergessen Sie bitte nicht, das Auswärtige Amt, Referat Kulturerhalt, als Geldgeber zu erwähnen."

Leisen weiß, dass eines fernen Tages seine Arbeit mitsamt den Tempeln, die jährlich Hunderttausende Touristen anziehen, verschwunden sein wird. "Wir konservieren die Tempel so wie sie sind. Es wird nichts hinzugefügt. Ausnahmen werden nur gemacht, wenn es der Statik dient", erläutert Leisen das Prinzip seiner Arbeit und fügt hinzu: "Ziel ist es, den natürlichen Verfall so lange wie möglich hinauszuzögern, um die Lebenszeit der Tempel zu verlängern. Aber eines Tages werden sie ganz verfallen sein."

Spiritualität in der Pause

Wenn Leisen über seine Arbeit spricht, dann ist die Rede immer von "wir". Zum "wir" gehört zuallererst seine Ehefrau Esther von Plehwe-Leisen, ebenfalls Geologin. Ohne sie wäre er nie der Tempeldoktor geworden. "Sie ist bei Vorlesungen eingesprungen, wenn ich mal wieder weg war. Seit langer Zeit machen wir unsere Projekte gemeinsam. Der ständige Austausch und die Diskussionen bringen uns weiter", sagt Leisen, und wie er es sagt, lässt keinen Zweifel daran, dass er damit sowohl die professionelle Partnerschaft als auch die Ehe meint.

Der andere Teil des "wir" sind die Studenten, mit denen zusammen der Professor an den Projekten in Borobodur, Angkor und Ayutthaya arbeitet. "Die entwickeln mit uns die einzelnen Arbeitsschritte und arbeiten vor Ort an den Tempeln", erzählt Leisen. Auf die Frage, ob er und seine Frau sich für ihre Urlaube garantiert tempel- und kirchenfreie Destinationen aussuchen, muss Leisen lachen: "Unsere Urlaubszeiten liegen in den Semesterferien, und die verbringen wir zusammen mit den Studenten auf den Baustellen vor Ort."

Leisen macht keinen Hehl daraus, dass durch die Arbeit an den sakralen buddhistischen und hinduistischen Anlagen in Thailand, Indonesien und Kambodscha religiöse Elemente in sein Leben als rationaler Wissenschaftler eingedrungen sind. "Ich bin kein Kirchgänger. Aber ich empfinde schon die Spiritualität dieser Räume und Gebäude. Wenn ich mal ein Päuschen einlege - was selten geschieht - kann ich mich durchaus darauf einlassen."

Leisens Karriere neigt sich dem Ende zu. "Ich bin gerade 65 geworden, nun geht's auf's Altenteil!" Aber nur als Dozent an der FH Köln. Seine "Patienten" will er weiter verarzten: "Zwanzig Jahre schaffe ich wohl nicht mehr, aber ein paar Jährchen doch noch."

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1. terminal 21
farang84 24.01.2013
not terminal 13. ist der name de shopping mall.
2. Wenn man sich die Ruinenfelder
blob123y 24.01.2013
Zitat von sysopVulkanasche-Befall, Erosion, Wasserschäden: Für seine Diagnosen genügt Hans Leisen oft ein kurzer Blick, die Therapien sind erheblich aufwendiger. Der Kölner Geologe ist Tempeldoktor. An Stätten des Weltkulturerbes wie Angkor Wat versucht er, den Verfall aufzuhalten. Hans Leisen aus Köln: Der Tempeldoktor von Angkor Wat - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/reise/fernweh/hans-leisen-aus-koeln-der-tempeldoktor-von-angkor-wat-a-878184.html)
so anschaut kommt man zum Schluss das hier eine gehoerige Portion Korruption der Kambodschanischen Seite sich mit enormer Inkompetenz der Renovierer paart (nicht der Deutschen). Der Grossteil der Einnahmen ueber den Ticketverkauf verschwindet in den Taschen "einflussreicher" Figuren and manche (Inder z.B.) renovieren die Temple "zu Tod". Vor ein paar Jahren machte sich eine Gruppe von denen auf gratis verschiedene Apsaras zu renovieren. Die benutzen zum waschen eine falsche Fluessigkeit und zerstoerten die Reliefs teilweise, hinterher gabs grosses Geschrei und seitdem hat man nie mehr eine indischen Renovierer dort gesehen. Mehr: angkor thom bayon cambodia khmer temples apsara angkor thom phnom (http://allcambodia.com/Angkor-Thom.htm)
3. Angkor & Borobudur
Layer_8 24.01.2013
Zitat von sysopVulkanasche-Befall, Erosion, Wasserschäden: Für seine Diagnosen genügt Hans Leisen oft ein kurzer Blick, die Therapien sind erheblich aufwendiger. Der Kölner Geologe ist Tempeldoktor. An Stätten des Weltkulturerbes wie Angkor Wat versucht er, den Verfall aufzuhalten. Hans Leisen aus Köln: Der Tempeldoktor von Angkor Wat - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/reise/fernweh/hans-leisen-aus-koeln-der-tempeldoktor-von-angkor-wat-a-878184.html)
Das macht der doch nur für die Touristen! "Ziel ist es, den natürlichen Verfall so lange wie möglich hinauszuzögern, um die Lebenszeit der Tempel zu verlängern. Aber eines Tages werden sie ganz verfallen sein." Buddhistische Spiritualität meets Entropie. Bei den Tibetischen Mandalas ist das genau so. Nichts ist wichtig ;)
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Bevölkerung: 14,0367 Mio.

Fläche: 181.035 km²

Hauptstadt: Phnom Penh

Staatsoberhaupt:
König Norodom Sihamoni

Regierungschef: Hun Sen

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