Radtour durch Havanna Cruisen zwischen Oldtimern

Martin Staub war einst Finanzberater in Saarbrücken, jetzt leitet er Radler auf selbst gebauten Lowrider-E-Bikes durch Havanna. Eine Tour führt zu den versteckten Ecken der Stadt - zu Street-Art-Künstlern und in überwucherte Fabrikruinen.

Björn Moholdt

Von Rainer Müller


Das schmiedeeiserne Tor ist überwuchert. Dahinter liegt ein Garten mit bizarren Pavillons, Türmchen und Brücken, die zwischen den Luftwurzeln und Lianen der Urwaldbäume fast verschwinden. Martin Staub macht eine weit ausholende Geste: "Dies ist mein Lieblingsort: das Tropical, eine ehemalige Brauerei." Sie war Kubas älteste, nun ist nur noch der betriebseigene Biergarten geöffnet - die Jardines de la Tropical.

Staubs Gäste haben eine Überraschungstour mit E-Bikes durch Havanna gebucht, zu ungewöhnlichen Orten außerhalb des Zentrums. Hauptsache, nicht die üblichen Klischees aus Malecón, Buena Vista Social Club und bröckelnden Altbauten. Oder wenigstens nicht nur. Die Jardines de la Tropical ist einer dieser versteckten Plätze. Im industriell geprägten Stadtteil La Ceiba gelegen, ist der Biergarten am Wochenende eine beliebte Open-Air-Disco, tagsüber sind die Radler die einzigen Gäste.

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Radtour durch Havanna: Street Art, Villen, Sozialprojekte

Hinter der Bar langweilen sich vier Angestellte. "Im Kommunismus geht so was", scherzt Staub, bestellt Bier und erzählt: Einst saß der Deutsche im Vorstand eines Versicherungskonzerns. Seine Aufgabe: "Jobs abbauen, allein erziehende Mütter auf die Straße setzen und Pseudositzverlegungen inszenieren. Da hatte ich keine Lust drauf". Also ging er.

Wer ihn heute sieht, einen kräftigen 57-Jährigen mit Wikingerbart, schwarzem T-Shirt, eine Bierdose in der einen und Zigarre in der anderen Hand, sieht keinen Versicherungsmanager, eher einen Altrocker. Leidenschaftlicher Motorradfahrer ist er tatsächlich. Wenn er Zeit hat, geht er mit Freunden auf Tour. Der Claim seiner Firma: "Bike your revolution".

Aus Manufaktur zum Touranbieter

Mit der bietet er nun seit ein paar Monaten Touren auf selbst gebauten Pedelecs im Retro-Look an - eigentlich eher aus Versehen. Ohne Vorkenntnisse fing Staub nach seiner Kündigung an, im heimischen Saarbrücken Fahrräder zu entwerfen. Das Design ergab sich für den Kuba- und Oldtimer-Fan wie von selbst: ein Lowrider, ein tiefergelegtes Rad mit Hirschlenker, breiten Reifen und einem Rahmen, der die markanten Haifischheckflossen der Straßenkreuzer zitiert.

Mit diesem Entwurf und Mitte 50 wagte er den Neustart auf Kuba. "Die Idee war, die Räder hier zu bauen und zu verleihen." Die Idee scheiterte. Kein Material, keine Maschinen, keine Mechaniker. Also gründete er mit einem Freund im Saarland die Firma "Cubyke", baute die ersten Räder dort und verschiffte sie nach Kuba. Da standen sie dann in Containern im Hafen. "Um unsere Fahrräder verleihen zu dürfen, müssen wir nachweisen, dass wir Gäste ins Land holen." Aus der Fahrradmanufaktur mit Verleih wurde ein Touranbieter.

Nächster Stopp: alte Fabrikantenvilla aus den letzten Jahren der spanischen Kolonialzeit, errichtet im maurischen Stil mit Burgzinnen, filigranen Säulen, bunten Kacheln und üppig verzierten Rundbögen. "Ich kenne die Wärterin", sagt Staub, "für ein Trinkgeld lässt sie uns rein." Seit Jahren steht das Herrenhaus leer und bietet eine schöne Kulisse - wie auch die düster geschminkte Gothic-Band findet, die hier gerade ein Musikvideo dreht.

Trotz der erträglichen 25 Grad ist der E-Antrieb willkommen, der die Radler entspannt zwischen den Oldtimern dahingleiten lässt. Fahrräder sind eher selten in Kuba. Einer der wenigen einheimischen Radfahrer hält an der Kreuzung neben den Cubykes und schaut bewundernd: "Che lindo!" - wie schön. "Motor eléctrico?" Sí, señor. Auch sonst reagieren die Menschen immer positiv, recken den Daumen hoch, lächeln.

Murals als Sozialprojekt

In der Callejon de Hamel, einer kunterbunten Gasse im afrokubanischen Arbeiterviertel Cayo Hueso, sagt Martin Staub: "Die Fahrräder könnt ihr einfach stehen lassen, die klaut keiner." Das Viertel hatte nicht immer den besten Ruf. In den Neunzigern begann dann der Künstler Salvador Gonzàlez Escalona die Gasse - eigentlich ein langgezogener Hinterhof - in eine Freiluftgalerie und Sozialprojekt zu verwandeln.

"Am Anfang galt er als schräger Vogel. Aber heute ist er der berühmteste Street-Art-Künstler Kubas - und immer noch ziemlich verrückt," sagt sein Assistent Elias Assef und wirkt mit seinem wilden blond-braunen Afro, Brille und schrillem Batikhemd selbst wie ein bunter Vogel. Zum Projekt gehören auch Kunstworkshops für straffällige Jugendliche und präventive Sozialarbeit. Das Projekt gilt als so erfolgreich, dass es auch in anderen Stadtvierteln Havannas kopiert wird.

Einige von Escalonas Gemälden bedecken als "Murals" ganze Hauswände, Skulpturen, Totenmasken und Mobiles schmücken die Straße. "Alle Kunstwerke sind von den afrokubanischen Religionen inspiriert", erklärt Assef im Atelier. Santeriá ist die bekannteste unter ihnen, eine Mischung aus dem Katholizismus der spanischen Kolonialherren und einer nigerianischen Religion der Sklaven. Im Kommunismus lange verpönt, wird Religion auf Kuba seit einigen Jahren wieder sichtbar - und ist nirgends so bunt wie hier in der Callejon de Hamel, wo am Wochenende auch ganz irdische Rumba-Partys stattfinden.

Musik ist ohnehin allgegenwärtig in Havanna. Dieses Klischee ist so wahr, dass es eigentlich kein Klischee ist. Während die Radfahrer durch das Wohnviertel rollen, tönt Musik an fast jeder Straßenecke und gefühlt aus jedem zweiten Fenster: Rumba, Salsa, Jazz, Hip-Hop.

Das ist einer der Vorteile, mit dem Rad unterwegs zu sein. Dem Tempo der Stadt angepasst und mittendrin, sind die Eindrücke viel direkter als im Auto sitzend. Als die Radfahrer drei Straßenblöcke weiter am Parque Trillo vorbeikommen, hören sie Musik und rollen spontan auf den Platz, wo gerade eine Gruppe Frauen unter schattigen Bäumen zu Salsa-Klängen tanzt. Die Kinder quengeln am Rande oder spielen Fangen zwischen den Beinen der Mütter.

Die Gruppe lässt kubanische Alltagskultur auf sich wirken - und gibt zwischendurch immer wieder gerne Auskunft zu den "sehr schönen" Rädern. "Muy lindo", ganz genau.

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