Hawaii Ritt zum Abgrund der Welt

Mit dem Maultier die Klippen entlang, haarscharf an Felskanten vorbei, auf Serpentinen zum Strand hinab. Ole Helmhausen stand auf Hawaii Ängste aus - auf einem winzigen Eiland, das sich die ursprüngliche Kultur und Natur des Archipels erhalten hat.


Molokais Nordküste ist eine monumentale, aus dem Pazifik ragende Felswand. Vom Wasser aus lässt ihr Anblick an eine vergessene Welt denken, nicht umsonst wurden hier Sequenzen für dritte Folge des Dino-Thrillers "Jurassic Park" gedreht. Beim Blick von oben dreht sich einem den Magen um. Um die 500 Meter hoch ist die Klippe, wir erklettern sie per Muli.

Meines hört auf den schönen Namen Lahilahi. Oder auch nicht, jedenfalls reagiert es weder auf Kommandos noch Rippenstöße. Und genau betrachtet, ist das auch ganz gut so. Denn zehn Minuten nach Verlassen der Scheune von Molokai Mule Ride Inc. am Highway 470 hat unsere Gruppe, eine Herde Maultiere mit ahnungslosen Touristen huckepack, den Kalaupapa Overlook erreicht.

Lahilahi fädelt ein, die Mähre macht - das beruhigt doch sehr -dies offenbar nicht zum ersten Mal. Und nun schaukeln wir beide, mit dem Schweif von Keaka vorne und der unaufhörlich furzenden Pili hinten, zum Point of No Return. Die Felskante kommt so unvermittelt, dass der Schock Verspätung hat. Unmittelbar vor Lahilahis Kopf hört plötzlich die Welt auf, stürzt sie in die ziemlich bodenlose Tiefe. Am liebsten würde ich umkehren und Kalaupapa Kalaupapa sein lassen. Aber für einen Rückzieher ist es jetzt zu spät.

Der Trail, der sich in 26 extrem engen Serpentinen zum Strand hinunterwindet, ist zu schmal für solch ein Manöver. Ich schließe also mit meinem Leben ab, verfluche gehörig die Idee zu diesem Trip und halte mich am Sattelknauf fest. Doch Lahilahi scheint das Leben ebenso zu lieben wie ich. Jeder ihrer Schritte sitzt. Nur an die Kurven, an die mag ich mich überhaupt nicht gewöhnen. Dann hängen Lahilahis Kopf - und meiner, nur höher - ein paar Sekunden über dem Abgrund, während die gute Stute ihre vier Extremitäten sortiert und gemächlich in die neue Richtung stellt.

Schutzgebiet für hawaiianische Kultur

Maultieren sein Leben anvertrauen - nicht gerade ein typisches Hawaii-Erlebnis! Während die übrigen Inseln des Hawaii-Archipels noch immer vom Südsee-Mythos zehren - Palmen, Strände, Hula-Hula - hält sich Molokai, so gut es geht, aus dem Massentourismus heraus. Zwischen den größeren Nachbarn Oahu und Maui liegend, ist es immer schon ein Schutzgebiet gewesen, früher für verbannte Tabu-Brecher von anderen Inseln, heute für die hawaiianische Kultur.

Fast die Hälfte der rund 8000 Insulaner haben hawaiianische Vorfahren, nur 20 Prozent sind eher weiß als braun. Dass sich der Ananas-Produzent Del Monte vor 30 Jahren aus Molokai zurückzog, schadete zwar der Inselökonomie, nahm aber auch das Tempo aus der Überfremdung durch den amerikanischen Mainstream.

Tatsächlich wirkt Molokai auf den Neuankömmling wie ein Stück Südsee aus einem Joseph-Conrad-Roman. Die Propellermaschine der Island Air landet auf einem handtuchbreiten Rollfeld zwischen struppigen Bäumen und vertrocknenden Feldern. Erst das mit einem tiefen Seufzer anfahrende Gepäckband erweckt den Mini-Flughafen zu Leben. An der Straße nach dem Hauptort Kaunakakei erinnert ein Schild mit der Aufschrift “Aloha. Slow down. This is Molokai” daran, das dies nicht Honolulu ist.

Kaunakakei schließlich ist eine schläfrige Angelegenheit aus drei, vier flachen Häuserblocks, die sich an der meist leeren Ala Malama Street festhalten. Es gibt keine, weder hier noch anderswo auf der Insel, Fastfood-Läden, Kinos und Starbuck-Cafés, keine Ampeln, Rolltreppen und hohen Hotelkästen. Tante-Emma-Läden versorgen die Menschen mit allem Notwendigen. Auf den Bürgersteigen zeigen Nachbarn einander ihre Kinder, und das einzige Geräusch ist, neben Getuschel und Gelächter, das rhythmische Klatschen billiger Flip-Flops made in China.

Ein Nachtleben ist abwesend. Nächtlichem Entertainment am nächsten kommt die freitags von 16 bis 18 Uhr auf der Terrasse des Molokai Hotel in Kaunakakei stattfindende Jam Session. Dann versammelt sich dort alles, was eine Ukulele halten kann, zum Schrammeln hawaiianischer Volksweisen. Doch weil die Musikanten meist Kupunas (Senioren) sind, ist kurz nach Sonnenuntergang auch schon wieder Schluss.

Schöne Strände und noch viel mehr

Was also hat Molokai dem Besucher außer Maultieren und einem schläfrigen Hauptort zu bieten? Strände, natürlich. Anders als anderswo im Archipel sind sie jedoch meist leer. Und gelegentlich sogar schwer erreichbar. Wie der Kawakiu Beach, der nur mit Vierradantrieb erreichbar ist. Die besten Strände liegen im Westen der Insel, allen voran der Papohaku Beach, ein fast fünf Kilometer langer und hundert Meter breiter Sandstreifen, der an einen dichten Mezquite-Wald grenzt. Die schönsten Tage des Jahres jedoch nur am Strand zu verbringen, täte Molokai allerdings unrecht.

Im Osten der Insel, die vor den Europäern als “Pule Oo” (ungefähr: wirksames Gebet) bekannt war, weil die Insulaner ihre Gegner angeblich zu Tode beten konnten, liegen die ältesten Siedlungsreste von Hawaii. Bereits um 650 n. Chr. war das Halawa Valley, ein enges, zum Meer offenes Tal dicht besiedelt. Erst in den sechziger Jahren gaben die hier lebenden Insulaner ihre traditionelle Lebensweise auf, doch einige von ihnen sind vor ein paar Jahren zurückgekehrt und rekonstruieren nun das in alter Zeit für die Tarofelder angelegte Bewässerungssystem.

Über die Molokai Visitor Association buchbare Touren unter Leitung von “cultural practicioner” - nach alter Väter Sitte lebende Hawaiianer - führen tief in das immer enger werdende Tal hinein, durch einen immergrünen tropischen Dschungel und vorbei an den Moos überwachsenen Resten uralter Heiau (Plattformen für rituelle Handlungen), Lele (Altäre) und GrabstättenAlibi genannter Adliger.

Nach fünf Kilometern endet das Halawa Valley an einer gewaltigen Felsenwand. Natürlich inspirierte der Anblick der Mouala Falls, die hier in ein 80 Meter tiefer liegendes Becken stürzen, die Altvorderen zu Sagen und Legenden, wie der von der Riesenechse Moo, die allzu leichtsinnige Schwimmer mit Haut und Haaren verschlingt. Und natürlich ist - bis jetzt - noch jeder Besucher so unversehrt wie erfrischt den Fluten entstiegen.

Verbannungsort für Lepra-Kranke

Lahilahi & Co. nicht zu vergessen. Sinn und Zweck der 26-Serpentinen-Übung auf Maultier-Rücken ist der Besuch der Kaulapapa-Halbinsel. Auf der flachen, von Meer und Felsenwänden vom Rest der Insel hermetisch abgeschlossenen Halbinsel ließen die hawaiianischen Könige einst die Lepra-Kranken des Archipels zum Sterben absetzen. So groß war damals die Angst vor dieser als unheilbar geltenden Infektionskrankheit, dass auch Menschen mit harmlosen Hautproblemen nach Kalaupapa verfrachtet wurden.

Die die Landung an der gefährlichen Küste überlebten, wünschten bald den Tod herbei: Kalaupapa, vom Rest der Insel weiter entfernt als der Mond, war die Hölle auf Erden. Junge Frauen wurden von deformierten Männern vergewaltigt, Kinder in Lumpen bettelten um Essen. Es mangelte nicht an Versuchen seitens der Kirchen, für die Verdammten von Kalaupapa zu sorgen, doch erst Vater Damien gelang es, ihr Leiden zu lindern. Er wusch ihre Wunden, baute ihnen Hütten und bettelte überall in Molokai für sie um Nahrung. 16 Jahre wirkte der resolute Priester aus Belgien in Kalaupapa, bis 1889 auch er von der Lepra hingerafft wurde.

Andere Geistliche und Ärzte setzten seine Arbeit fort, und in den sechziger Jahren ermöglichten Fortschritte in der medikamentösen Behandlung die Aufhebung der Quarantäne. Heute lebt noch eine Hand voll Lepra-Kranker in Kalaupapa, das inzwischen aus modernen Häusern mit Satellitenschüsseln besteht. Es steht ihnen frei, diese Fast-Geisterstadt unter Palmen, in der es keine Kinder, keine Schule, keinen Supermarkt und keine Sonnenanbeter an den Stränden gibt, zu verlassen, doch die meisten ziehen es vor, hier zu bleiben, sie haben nie woanders gelebt. Ihr Durchschnittsalter beträgt inzwischen 78 Jahre, Besucher sind gehalten, ihre Privatsphäre zu respektieren.

Spektakulärer Blick auf Molokais Nordküste

Vor der Siedlung satteln diese von den Mulis auf den altersschwachen Bus von Damien Tours um, der sie zum Besucherzentrum und zur schönen St. Francis Kirche bringt. Vor der hübschen St. Philomena Kirche auf der anderen Seite der Halbinsel endet die Tour. Gleich neben der Kirche befindet sich Damiens Grabstätte. Der Blick von hier aus auf die zerklüftete, dunkelgrün überwachsene Nordküste von Molokai ist spektakulär. Irgendwo dort wurden die Anfangsszenen von "Jurassic Park III." gedreht. Fast sieht man die Spielbergschen Flugsaurier durch den Dunst gleiten. Nicht gerade typisch für Hawaii. Doch zu Molokai würde das durchaus passen.



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fritze meier, 17.01.2007
1. no doubt about it
natürlich auf dem herrlichen anwesen von robin masters an oahus ostküste. und nach dem rundflug mit den island hoppers einen guten schluck im king kamehameha-club. göttlich!
Paolo, 18.01.2007
2.
---Zitat von sysop--- Hula und Aloha - jede der über hundert Inseln von Hawaii hat ihren besonderen Charme. Was haben Sie erlebt? ---Zitatende--- Ich wusste gar nicht, dass SPON jetzt Diskussionen startet, die von vorne herein nur von wenigen Foristen genutzt werden können...und dann auch nur von einer elitären Gruppe. Als nächstes wird gefragt: "Wie war es, als Sie Ihre erste Million verdient haben?"
Lopez21 18.01.2007
3. Elite Paradies?
[QUOTE=Paolo]Ich wusste gar nicht, dass SPON jetzt Diskussionen startet, die von vorne herein nur von wenigen Foristen genutzt werden können...und dann auch nur von einer elitären Gruppe. QUOTE] Hawaii war vor 25 oder 30 Jahren sicherlich ein fuer den grossen Rest der Welt unerschwinglich vorzustellendes Paradies. Auch heutzutage gibt es in unseren europaeischen Breiten immer noch die verbreitete Meinung, dass dem so ist. Aber erkundigen Sie sich einmal im Reisebuero: zwei Wochen in Honolulu oder auf Big Island sind schon zu den Preisen zu haben, wie alle anderen Destinationen in Traumparadiese. Wer aber nach Hawaii fliegen will, muss Amerika moegen und das amerikanische. Frueher war es wie Alaska ein Aussenseiterstaat und Hawaii nannte sich Hawaii und zaehlte sich nicht unbedingt direkt zu den USA. Inzwischen ist Hawaii aber wie Florida zum Altersheim von mehr oder weniger wohlhabender Amerikaner/innen verkommen. Natuerlich gibt es noch heute wunderschoene Straende mit maerchenhaften Sonnenuntergaengen. Auch der Polynesien Garden ist sehr empfehlenswert, um wenigstens einmal einen kleinen Schimmer davon mitzubekommen, wie auf den Inseln vor ihrer Besetzung gelebt wurde. Natuerlich auch nicht nur immer in paradiesischer Einigkeit, denn das Schlachtfeld auf den Bergen von Oahu, wo die Eindringlinge von Maui in den Tod über die Felsen getrieben wurden, laesst einen ganz schoen erschaudern. Kulturell bieten die Inseln einiges, auch wenn es inzwischen absolut fuer die Touristen hochgepeppt wurde. Aber wo denn nicht auf dieser Welt sind es Tourritheater, was mit dem Tatsaechlichen der Vergangenheit nichts mehr zu tun hat. Weiter darf man nicht erschrecken, dass man wesentlich mehr Asiaten vorfindet als Polynesier. Die Enheimischen leben meist sehr zurueckgezogen (eingepfercht in Reservatsdoerfer), wo Drogen, Kriminalitaet und Armut vorherrschen. Nur das bekommen ja die wenigsten Touristen zu sehen, wie ebenfalls ueberall auf dem Rest der Paradieswelten. Dass soviele Asiaten inzwischen nicht nur aufgrund der geographischen Lage der Hawaii-Inseln gerne dorthin auf Urlaub kommen sondern sich auch als sehr geschaeftliche Ansiedler niederlassen liegt auf der Hand. So sollten sich reisende Frauen nicht unbedingt auf einen schoenen Liederabend in einer Kareaoke Bar freuen, die es im asiatischen Viertel von Honolulu zu Dutzdenden gibt, sondern eher ihre Maenner ans Bett fesseln, denn dort drin werden meist nur die Maenner zu sehr saftigen Preisen besummt... Natuerlich darf auch nicht das Klima ausser Acht gelassen werden. Fuer Europaer ist es einfach traumhaft. Nicht zu tropisch. Aber immer angenehm warm mit einer schoenen Brise. Alles in allem kann ich Hawaii wirklich nur empfehlen. Eine Reise ist es immer wert, auch wenn man seine Suedseetraeume spaetestens auf Hawaii etwas begraben muss. Das war einmal.
Paolo, 18.01.2007
4.
---Zitat von Lopez21--- Hawaii war vor 25 oder 30 Jahren sicherlich ein fuer den grossen Rest der Welt unerschwinglich vorzustellendes Paradies. Auch heutzutage gibt es in unseren europaeischen Breiten immer noch die verbreitete Meinung, dass dem so ist. Aber erkundigen Sie sich einmal im Reisebuero: zwei Wochen in Honolulu oder auf Big Island sind schon zu den Preisen zu haben, wie alle anderen Destinationen in Traumparadiese. ---Zitatende--- Wer es sich leisten kann... Oder ist auch der Harz eine der "Destinationen in Traumparadiese"? Dann ist Hawaii wahrscheinlich nicht zum gleichen Preis zu haben... ;-))
Lopez21 18.01.2007
5. Ob Hawaii oder Schwarzwald
---Zitat von Paolo--- Wer es sich leisten kann... Oder ist auch der Harz eine der "Destinationen in Traumparadiese"? Dann ist Hawaii wahrscheinlich nicht zum gleichen Preis zu haben... ;-)) ---Zitatende--- geschaetzter Paolo Hier in diesem Thread geht es ja nicht um die Jammerei als Harzempfaenger. Denn dann sollte der Spiegel wohl auch keine Foren ueber den Schwarzwald, die Schweiz oder das Allgaeu eroeffenen. Es ist klar, dass man Hawaii sich leisten koennen muss, wie ueberall hin, wenn man in Urlaub faehrt. Das koennen sich aber die wenigsten Harzgeplagten. Ob das richtig oder falsch ist sollte jedoch sicherlich nicht hier in diesem Thema zur Debatte stehen. Ich kann nur noch einmal ausfuehren, dass ein Urlaub auf Hawai heutzutage erschwinglich ist. Fluege sind um 1.000 Euro zu kriegen und wenn man sich ein bischen umschaut, findet man auch Hotels unter 100 USD die Nacht. Essen ist eher guenstiger als bei uns in Mitteleuropa. Deshalb wiederspreche ich, dass es nur eine Elitedestination ist. Ein Europa-Urlaub kommt einem auch nicht viel billiger! Thema ist also, wo es oder ob es auf Hawaii schoen ist und nicht, ob ein Harzler es sich leisten kann. Da finde ich auch nichts abstossendes daran, dass der Spiegel dieses Thema eröffnet, denn zum Jammern gibt es genügend andere Threads, wo es auch zum Thema dann passt.
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