Heavy-Metal-Dampfer: Voll in Fahrt
Kreuzfahrten sind nur was für Rentner? Nicht auf der "Poesia". An Bord lassen es Heavy-Metal-Bands und ihre Fans so richtig krachen: Viel Sex, noch mehr Drogen und rund um die Uhr Rock 'n' Roll. "Mare"-Redakteurin Martina Wimmer über eine Schiffsreise, bei der nicht nur das Meer unendlich blau ist.
Es ist gemeinhin ein erhabener Moment, wenn ein Passagierschiff aus dem Hafen läuft. Die Leinen los, das Ufer schwindet, in die Ferne schweift der Blick, die Hoffnung. Der Mensch an Bord kann sich dem schwer entziehen, auch wenn er nur kurz Urlaub macht, bei einer Kreuzfahrt, fünf Tage, westliche Karibik, Jamaika, Grand Cayman und das blaue Meer.
"Poesia" heißt das Schiff, das klingt verträumt und italienisch; dort, wo es ablegt, quert eine sechsspurige Straße das Wasser, am Ufer Hotelkästen in Beton gegossen, ein paar Palmen, das Passagierterminal wie eine Verladestation: Fort Lauderdale, auf Wiedersehen.
Ein älteres Paar lehnt an der Reling auf dem zweiten Oberdeck, entspannt, zufrieden, die Haltung sagt: Wir haben es verdient. Gleich neben ihnen hängt ein kleiner Lautsprecher, Musik fürs Gemüt schafft unvergessliche Momente, wer Ferienglück auf See verkauft, weiß um den klingenden Wiedererkennungswert. Man bleibt italienisch und elegisch, das Schiff bewegt sich, Andrea Bocelli singt "Con te partirò - Time to say goodbye". Doch das Glück, die Seufzer, sie währen nur ein paar Sekunden, ein tragischer Irrtum, dann hebt es die Herrschaften an der Reling aus den Schuhen.
Ferientraum für US-amerikanische Mittelschichtsurlauber
"ARE YOU READY TO ROCK 'N' ROLL????!!!!" Ein markerschütternder Schrei, ein Gitarrenakkord von der Gewalt eines Schwertransports, ein Donnerschlag auf die Basstrommel, das Wasser im Pool zittert. Hinter dem Rücken der Ahnungslosen, ein Deck tiefer, spielt die Musik. Kleine Mosaiksteine in frischen Blautönen formen Wellen als Bühnenhintergrund wie bei einem Kurtheater, davor türmen sich rechts und links mannshoch die Verstärker, zwischen ihnen toben fünf Männer.
Schwarze T-Shirts, enge Hosen, dünne Beine, die Arme großflächig und farbenfroh tätowiert, ganz vorne am Mikrofon schüttelt einer lange blonde Haare und grölt mit finsterer, vernarbter Miene: "WE ARE BROKEN TEETH AND WE ARE HERE TO ROCK THE HELL OUT OF THIS BOAT!!! SO RISE UP THAT BUDWEISER AND SAY YEAH!!!!"
Auf den Liegestühlen und an den Bars des "Coral Bay Pool Deck", inmitten von Kunstpalmen und runden Stehlampen, in der türkisfarbenen Ausstattung eines mediterranen Ferientraums für US-amerikanische Mittelschichtsurlauber, liegen und lungern Menschen in schwarzen T-Shirts, sie recken ihre großflächig und farbenfroh tätowierten Arme in die Luft, Bierflaschen in der Hand, der Ton des Schiffshorns geht unter in ihrer lautstarken Antwort: "YEEEEAAAAHHHH!"
Ein Deck höher steht Linda, 57-jährige Immobilienmaklerin aus Michigan, mit ihrem Mann Gerry, sie hält einen Cocktailbecher in der Hand, ein wenig zu fest der Griff, ihre Knöchel werden weiß dabei. "Die fünf Tage hier, das ist mein Jahresurlaub. Ich arbeite hart. Ich brauche Entspannung. Hätte ich das gewusst, ich hätte niemals diese Kreuzfahrt gebucht. Aber das Reisebüro hat mir nichts erzählt." Und außerdem: "Ich bin mit Woodstock groß geworden, ich mag Crosby, Stills, Nash and Young."
Es ist dunkel geworden, die Lichter am Ufer werden kleiner, die "Poesia" fährt in ein schwarzes Nichts. Am Pool brüllt der Mann ins Mikrofon: "THIS IS OUR LOVE SONG, HAHA! IT IS CALLED: 'STICK IT IN'!!!"
Dies ist erst der Anfang einer Geschichte, die nur am Rande von einem Missverständnis erzählt.
Dieser Text stammt aus mare No. 82.
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- Montag, 25.10.2010 – 06:14 Uhr
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mare
Die Zeitschrift der Meere
Heft No. 82, Oktober/ November 2010
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