Helgoland und Sansibar Die ungleichen Schwestern

Dort die große Gewürzinsel vor Afrika, hier die "Badewanne in der Nordsee" - der Helgoland-Sansibar-Vertrag hat vor 115 Jahren die Geschichte der beiden Eilande auf immer verknüpft. So sehr sie sich auch unterscheiden, finden sich doch erstaunliche Gemeinsamkeiten.

Von Dörte Saße


Stone Town  auf Sansibar: Die Unesco unterstützt die Restaurierung des Weltkulturerbe-Ortes
Dörte Saße

Stone Town auf Sansibar: Die Unesco unterstützt die Restaurierung des Weltkulturerbe-Ortes

"Wie kann man nur einen nagelneuen Anzug gegen einen schäbigen Hosenknopf eintauschen?", wetterten Zeitungen und Stammtischbrüder im Deutschen Reich 1890. Besonders entsetzt waren jene, die Deutschland als aufsteigende Kolonialmacht sahen: Endlich hatte man doch in Ostafrika einen Fuß in die Tür gekriegt - dank des mutigen Burschen Carl Peters. Der Pastorensohn hatte ohne Auftrag des Deutschen Reiches und quasi als Ich-AG erste sogenannte Schutzverträge mit vielen Häuptlingen geschlossen, überall dort, wo die Engländer und Portugiesen noch nicht hingekommen waren. Und dann so etwas: Tauscht der deutsche Kaiser bei den Engländern das große, reiche Sultanat Sansibar gegen das 800-mal kleinere Eiland Helgoland!

Vor 115 Jahren war Sansibar in aller Deutschen Munde. Sagenhafte Dinge hatte man gehört von der Insel, von orientalischen Szenen wie aus Tausendundeiner Nacht. Und von exotischen Gewürzen, die damals zuweilen Gold wert waren. Doch die Berichterstatter übertrieben zuweilen, damals wie heute - mit dem Unterschied, dass man heute via Reisebüro selbst zu der inzwischen zu Tansania gehörenden Insel fahren und sich sein eigenes Bild machen kann.

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Inselschwestern: Helgoland und Sansibar

"Das riecht doch wie Kardamom", sagt das australische Touristenpaar und betrachtet die wie Palmenwedel aus dem Boden wachsenden Blätter. Die Kapseln mit den aromatisch riechenden Samen hängen dicht über dem Boden. Dagegen wächst Pfeffer in der Luft, denn die Pfefferpflanze schlingt sich wie eine Liane um Tragebäume. Schwarzer Pfeffer sei das Gleiche wie roter oder grüner Pfeffer, nur zu anderer Reifezeit geerntet, sagt Joseph.

Joseph führt die "Mr. Mitu Spice-Tour" und lotst Neugierige durch die Gewürzvielfalt von Sansibar. Er liefert detailreiche Monologe, bevor jeder anfassen und riechen darf. Auch die Vanille-Orchideen wachsen als schlingende Schmarotzer in der Luft, während Zimt sich als dünne Rindenschicht von den Stämmen des Zimtbaums abschälen lässt, prompt in seine bekannte Form zusammenrollt und schon leicht typisch riecht.

Die Nelkenbäume, die die Insel als einen der größten Nelkenexporteure berühmt gemacht haben, riechen noch überhaupt nicht. Erst die Nelkenblüten enthalten die intensiv duftenden Öle. Auch der Muskatnussbaum lässt noch nichts von dem Geruch geraspelter Muskatnüsse erahnen. Außerdem gedeihen viele der rund 66 verschiedenen Sorten an Bananen hier, sagt Joseph, denn die afrikanischen Sonne von oben und das kühle Meer rund 30 Kilometer vor dem Festland sorgen für mildes, warmfeuchtes Klima.

Faserbananen auf Helgoland

Auch auf Helgoland wird es nie zu kalt und selten zu warm. Europas einzige Hochseeinsel, 70 Kilometer vor der deutschen Küste, liegt dem Golfstrom nahe und bietet ein noch milderes und wärmeres Klima als die Blumeninsel Mainau. Und auch auf Helgoland wachsen Bananen: "Japanische Faserbananen haben ihre ersten Winter ohne Frostschutz überlebt, neben Feigen, Agaven und anderen südlichen Pflanzen", vermeldet das Team von "Exoten auf Helgoland". In Vorläuferexperimenten in den 1980er Jahren hatten Biologen erfolgreich Hanfpalmen, Kamelien oder auch Lorbeer ausgepflanzt. Jetzt kamen im vorigen Sommer mehr als 30 Palmen und 200 andere Pflanzen in die Inselerde, berichtet Joachim Jäck vom Projektteam. Die meisten Südländer haben aber weniger mit der Kälte als mit dem salzigen Seewind zu kämpfen.

Die Sansibar auf Helgoland: Die Inseln sind durch ihre Geschichte verbunden
Dörte Saße

Die Sansibar auf Helgoland: Die Inseln sind durch ihre Geschichte verbunden

Palmen sollen das Eiland noch attraktiver machen. Dabei vergeht auch heute noch kaum ein sonniges Sommerwochenende, an dem die Dampfer aus Bremerhaven, Cuxhaven und Hamburg nicht gestopft voll mit Touristen anlangen, die das Einkaufsparadies Helgoland - dank Zollfreihandelszone - mit einem Ausflug verbinden. Kaum sind die Schiffe mittags angedampft, schippern kleine Börteboote die Touristen auf die Insel, denn zum Anlanden der großen Pötte ist der Hafen nicht tief genug. Wem die dreistündige Dampferfahrt zu lang dauert, der kann mittlerweile den schnellen Katamaran vom und zum Festland nehmen oder landet mit dem Kleinflieger auf Helgolands Miniflugplatz.

Auch Sansibar verbindet neben dem Kleinflugzeug eine moderne Schnellfähre, eher benutzt von eiligen Einheimische, schließlich wohnen hier etwa hundertmal so viele Menschen wie auf Helgoland. Die Fähre ist fast flugzeugähnlich eingerichtet mit reserviertem Sitzplatz, Spuckbeutel und Filmunterhaltung. Die Touristenhorden kommen jedoch mit den dicken Kreuzfahrtpötten, die vor der Küste ankern müssen, weil sie einfach zu groß sind.

"Dann kommen viele kleine Boote und bringen die Touristen an Land", erzählt Jalala Mtango, der von seinem Job als Barmann an der Küste gerade Urlaub macht. "In den Gassen von Stone Town warten dann schon die Souvenirhändler auf gute Umsätze." In den kleinen Gässchen, zum Verlaufen wie geschaffen, bietet Lädchen an Lädchen bunte Batiken, hölzerne Skulpturen und eine Mischung aus Touristen-Krimskrams und seltenen schönen Stücken.

Abends kehrt Ruhe ein

"Hakuna matata" heißt es von allen Seiten, "kein Problem" auf Kisuaheli, einfach nur reinkommen und in Ruhe gucken. Im typischen Zeitdruck kaufen die Kreuzfahrer schnell und viel. Wollen noch irgendwo "was typisch Afrikanisches" essen und sind abends wieder abgerauscht. Wirklich "typisch Sansibarisches" fänden sie aber erst bei Sonnenuntergang auf dem großen Platz vor dem "House of Wonders": Direkt am Wasser locken reich beladene Grillstände, mit Fisch und Fleischspießen, Gewürzpizza, Obst und frisch gepresstem Zuckerrohrsaft.

Abends - und das erinnert an Helgoland nach der Abfahrt der Butterfahrer und Schnäppchenjäger - legt sich Ruhe über die Gassen. Einheimische und länger Reisende wagen sich wieder ins "Touristengebiet", die Händler haben gute Geschäfte gemacht. Jetzt lässt sich Stone Town richtig genießen. Ihre vielen weißen Steinhäuser und Paläste aus Sultanszeiten haben stark unter der feuchten und salzigen Meerluft zu leiden, Schimmel und Stockflecken kriechen die gekalkten Wände hoch.

Doch das ist fast Vergangenheit, die Unesco unterstützt seit der Ernennung zum Weltkulturerbe die Restaurierungsarbeiten, und bei den meisten Häusern sieht nur noch die Tür richtig alt aus: die traditionelle, reich geschnitzte und mit Metall verzierte mächtige Sansibar-Tür. Auch Helgoland mit seinen schmucken, im Architektenwettbewerb gestalteten Nachkriegshäuschen hat seinen eigenen Charme, doch zum Weltkulturerbe reichte es bislang nicht.

Blaues Meer und Sand wie in der Karibik

Wer hier wie dort richtig entspannen will, fährt aber an die Strände: Helgoland hat die "Düne" zu bieten - eine kleine Nebeninsel, die vor allem aus Süd- und Nordstrand besteht und dazwischen einen Campingplatz und kleine Bungalows beherbergt. Für alle, die aus der Schlafstatt direkt ans Meer fallen wollen. Weiter als ein paar Fußminuten ist das Wasser hier nie entfernt. Und es ist berühmt für die kraftvolle Wellen und sandreiche Strände, an denen Familien, Sportler und Ruhesuchende ihr Glück finden.

Auf Sansibar liegen die Strände weiter entfernt vom Hauptort, eine Stunde per Taxi oder per Dala Dala, dem typischen Personensammellaster, führt durchs Landesinnere an die Ostküstenstrände. Dort ist das Meer blau und der Sand weiß wie in der Karibik, Palmen säumen die Küste, fast märchenhaft. Doch während man in Helgoland nur noch gelegentlich versteinerte Seeigel findet, sollte man hier im tieferen Wasser besser seine Füße vor den lebenden Exemplaren schützen. Einfache Bungalows liegen direkt am Meer, mit tropischen Blumen vor dem Fenster. Doch es finden sich auch schicke Strandhotels mit Bar und Unterhaltungsprogramm. Während Sansibar und seine Nebeninseln Pemba und Mafia als sagenhaftes Tauchparadies berühmt sind, kommen die Tiertouristen nach Helgoland wegen der geflügelten Natur: Der Vogelfelsen für Zugvögel, Lummen und anderes Gefieder hat das ganze Jahr über Betrieb.

Die Inselschwestern, die unterschiedlicher nicht sein könnten, sind über die gemeinsame Geschichte verbunden. Aktiv sorgt seit 1984 die "Partnerschaftsgruppe Helgoland-Sansibar" für Kontakte, Herzstück sind zwei Kirchengemeinden hier und dort.

Und wer genauer nachhakt, stellt fest, dass die empörten Schlagzeilen von 1890 eigentlich Zeitungsenten waren: Der deutsche Kaiser hatte Sansibar nie besessen und hätte es somit gar nicht eintauschen können. In Wirklichkeit ging es um Kolonialgrenzen und Handelsrechte: Die Engländer bekamen die Oberhoheit über Sansibar und Witu und das Deutsche Reich einen Landstreifen in Namibia sowie das bis dahin britisch besetzte Helgoland. Offenbar war dem Kaiser eine britische Speerspitze nur 70 Kilometer vor seine Küste nicht geheuer gewesen.

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