Hexenmarkt in Bolivien Fauler Zauber der Teufelstropfen

Getrocknete Lama-Föten, Schlangenfleisch und Dynamit-Zündschnüre: Auf dem Hexenmarkt von La Paz sollen spezielle Ingredienzen dem Schicksal der Kunden auf die Sprünge helfen. Doch seit Magie zur Akkordarbeit verkommt, spaltet ein Generationenkonflikt die Hexenszene.

Von Roland Schulz


Es begann mit den Teufelstropfen. Dann kam das Flugpulver. Später trafen die allheilenden Blüten aus Brasilien ein. Doña Ancelma hatte noch nie etwas von ihnen gehört, sie kannte weder die Namen noch die Wirkung, sie dachte: Wird wohl irgendein Unsinn sein, wie ihn Quacksalber in die Welt setzen. Sie entschied, den Schund nicht in ihr Sortiment aufzunehmen. Ihre im Alter gewachsene Autorität sorgte dafür, dass auch die anderen Mütterchen, die rund um die Calle Santa Cruz Heilkräuter verkauften, diesen neumodischen Unfug ablehnten.

Doch die Teufelstropfen verkauften sich gut. Es dauerte nicht lang, da boten fliegende Händler aus Lima Liebestränke feil, Duftwasser, das Dollarscheine anzog, Badesalz gegen den bösen Blick und den Segen der sieben Erzengel in Seifenform. Doña Ancelma erkannte die Nachbarschaft kaum wieder.

Längs der Calle Santa Cruz sah sie nun überall Teufelstropfen in den Läden, die Konkurrenz hatte auf einmal Glück im Angebot, auf Flaschen gezogen, in Honig gegossene Liebe und Erfolg als morgens einzunehmende Essenz. Als dann auch noch Parfüme ins Sortiment kamen, die versprachen, Frauen willenlos und Männer zu Hengsten zu machen, sehnte sich Doña Ancelma zurück in die Zeit, da das einzige Wunder in diesen Gassen die Muskatnüsse gewesen waren, die man eigens von den fernen Molukken heranschaffte.

"Hexenmarkt nennen sie unsere Straße heute", sagt sie. Sie sitzt im Zwielicht ihres Ladens, eine alte Frau in weiten Röcken, das Gesicht zerfurcht, die Hände knorrig wie Wurzeln.

"Sehe ich etwa aus wie eine Hexe?", fragt sie.

Haarlose Hunde gegen Gicht

Sie arbeitet in diesem Loch von einem Laden, solange sie denken kann, 837 Calle Melchor Jiménez, Altstadt von La Paz, Bolivien. Und nie habe sie Hexerei betrieben, die ganzen Jahre nicht, an keinem einzigen Tag. Das schwört Doña Ancelma. Sicher, sie hat Geburten erzwungen mit einem Sud aus den Blüten der Bitterorange, das schon. Sie hat auch mit den haarlosen Hunden der Anden, die khala genannt werden, Gicht geheilt. Und pachamama, Mutter Erde, mit getrockneten Föten von Lamas gefügig gemacht, das hat Doña Ancelma auch. Aber Hexerei? Niemals.

"Das macht Don Cipriano", sagt sie. Sie rafft die Kleidung, sofort stieben zwei kleine Hunde unter ihren Unterröcken hervor, wo sie Wärme suchten in der Morgenkälte dieses Freitags. Beide heißen Baby. So braucht sich Doña Ancelma keine Sorgen zu machen, wie sie die Welpen unterscheidet.

Sie ist inzwischen so alt, dass selbst das Datum ihres Geburtstags im Nebel ihrer Erinnerung verschwimmt, weswegen sie an Tagen, an denen sie sich wie 73 fühlt, auch behauptet, 73 zu sein, an anderen dagegen 81 Jahre alt sein will. Ihre Tochter sagt, Doña Ancelma zähle 90 Jahre. In den Gassen rund um die Calle Santa Cruz sagen sie, Doña Ancelma Góngora sei die Älteste auf dem Hexenmarkt von La Paz.

"Es heißt nicht Hexenmarkt", sagt sie.

Sie stemmt sich vom Schemel, schlurft an den Teekisten vorbei, die sie als Tisch und Tresen nutzt. Wie oft hat sie das nun schon erklärt: Läden wie dieser, in denen es von Koka-Blättern bis Schlangenfleisch alles gibt, was man zum Leben braucht, haben gefälligst chiflerías zu heißen. Hexenmarkt sagen nur die potosínas und alle, die auf deren Seite stehen.

"Alles hat sich geändert, als die Potosínas kamen", sagt Doña Ancelma aus den Tiefen ihres Ladens. Die Glocken der nahen "Kirche zum Geheiligten Rosenkranz" schlagen. Schon neun. Ein Mann in speckigem Jackett hinkt an Doña Ancelmas Laden vorbei und tippt grüßend an seinen Hut. Don Cipriano.

Freitags wirken Zauber besonders stark

Es ist drei oder vielleicht auch nur zwei Jahrzehnte her, dass die Potosínas auftauchten; das Jahr ihrer Ankunft ist in der Vergangenheit verschüttet wie manches andere Detail von Ereignissen, an die man sich rund um die Calle Santa Cruz nicht erinnern will: die Einführung der Gewerbescheine zum Beispiel. Nein, in welchem Jahr die Potosínas kamen, das weiß niemand mehr. Aber von dem Tag wissen sie. Es war ein Freitag. Denn freitags hat Pachamama den Mund offen, sagt man, freitags ist Mutter Erde milde gestimmt, dann wirken Zauber besonders stark, gute wie böse.

Als die Potosínas kamen, trugen sie fremde Tracht, auch ihre Hüte entsprachen nicht dem, was man schicklich nannte in La Paz. Sie waren Frauen aus der Provinz. Sie setzten sich auf die Straßen, an die Kreuzungen der Calle Santa Cruz mit der Calle Linares und mit der Illampu, sogar in der Sagárnaga waren sie, und es sah nicht so aus, als ob sie so bald wieder fortzuziehen gedächten.

Tag um Tag breiteten sie ihre Kräuter auf den Gehsteigen aus und boten beste Preise. Einen ersten Eindruck von der neuen Lage bekamen die alteingesessenen Händlerinnen, als die Potosínas begannen, Zündschnüre von Dynamitstangen zu verkaufen. Sie schworen, der stechende Geruch lulle schreiende Babys zuverlässig in den Schlaf, und das Schlimme war – es schien zu stimmen.

"Schneller als man Amen sagen konnte, hatten sich die Dinge geändert", sagt Doña Ancelma. Sie stakst über Säcke mit Rauchharz, Kisten mit Kräutern, dazwischen Kannen, Dosen, Keksschachteln, gefüllt mit wunderlichen Dingen; Krimskrams bis unter die Ladendecke, den Doña Ancelma für den Fall vorhält, dass doch ein Kunde eine Maultierpeitsche oder den Balg eines Ozelots benötigen sollte.

Die Potosínas lernten das Gewerbe schnell. Ehe man sich versah, hatten sie Stände entlang der Calle Santa Cruz angemietet. Eines Tages waren dann die Teufelstropfen da – eine Tinktur, die Männern angeblich die Lust auf Alkohol raube. Ehefrauen kauften reihenweise. So wuchs das Geschäft. Die Potosínas hatten noch eine viel gewaltigere Neuerung eingeführt als nur Teufelstropfen: Konkurrenz.



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.