Von "Mare"-Autor Tim Schröder
Doch genau das Gegenteil ist der Fall. Der Schmutz kehrt zurück. Davon ist die Hydrogeologin Patricia Beddows von der Northwestern University in Evanston im US-Bundesstaat Illinois überzeugt. Mit der Verklappung des Klärschlamms ruinierten die Einheimischen ihre eigene Umwelt, sagt sie.
Seit Jahren taucht Beddows hinab in die Cenoten. Sie ist eine der Ersten, die genau vermessen haben, woher das Wasser kommt und wohin es fließt. Dutzende Male hat Beddows kiloschwere Messgeräte in die Höhlen hinabgeschleppt, armdicke Strömungsmesser, die wie Windräder im Wasser rotieren. Sie hat Farbstoffe in die Cenoten gekippt und an etlichen Stellen Wasserproben gezogen, um herauszufinden, wohin die Farbpartikel verdriften. "Das Süßwasser fließt außergewöhnlich flott durch das Kalkgestein. Jeden Tag kommt es mehrere Kilometer voran", sagt Beddows. Es rauscht auf einer Expressroute gen Ozean.
An der Küste sprudelt es direkt aus dem Fels ins Meer, anderswo fließt es in kleinen Bächen aus der Unterwelt, manchmal auch unsichtbar unter dem Strand. Die Süßwassermengen sind gigantisch. Allein aus dem größten Höhlensystem, dem Xel-Há, ergießen sich in einem Jahr 230 Millionen Kubikmeter Wasser in den Golf von Mexiko, mehr als doppelt so viel Süßwasser, wie die Stadt Hamburg jährlich verbraucht.
Fatalerweise mischt sich das Süßwasser auf seiner Reise durch den Untergrund mit dem Salzwasser, das in der Gegenrichtung in die Cenoten strömt, trotz der Halokline. Das stinkende Abwasser steigt also wieder auf - mitsamt den Bakterien, Krankheitserregern und all dem, was sonst noch durch Toiletten und Waschbecken gespült wird.
Erste Pläne für biologische Kläranlagen
Klärschlamm ist reich an Phosphaten und Nitraten, Nährstoffe, die Pflanzen gedeihen lassen. Auch das ist ein Problem, denn das Süßwasser trägt sie dorthin, wo sie nichts zu suchen haben, in die Korallenbänke vor der Küste. Dieser Lebensraum ist nährstoffarm, keine Alge kann darin gedeihen, daher ist das Wasser so klar. Das Zuviel an Nitraten und Phosphaten wirkt da wie Dünger. Im Riff erblühen die Algen. Wie ein grünes Geschwür überwuchern sie die Korallen.
Mittlerweile hat Beddows' Forschungsarbeit die Lokalpolitiker aufhorchen lassen. Der Tourismus ist hier der wichtigste Wirtschaftszweig und eine intakte Natur das Maß, mit dem gemessen wird. Inzwischen gibt es erste Pläne für den Bau von biologischen Kläranlagen, in denen das Abwasser durch Schilfpflanzen gereinigt wird. "Die Verschmutzung der Cenoten ist eine große Bedrohung, aber ich glaube, dass man das Problem mit solchen Lösungen in den Griff bekommen kann", sagt Beddows.
Die Forscherin liebt die Cenoten. "Beim Tauchen im offenen Meer hat man immer einen Horizont. In den Höhlen aber gibt es kein Oben und Unten. Tauchen ist hier Fliegen in drei Dimensionen - vor allem, wenn man in riesigen, kathedralengleichen Höhlen schwebt."
Die Höhlen werden weiter wachsen, das ist gewiss. Denn auf den Kalkstein wirkt das brackige Salzwassergemisch der Halokline wie ätzendes Gebräu. Als "geologischen Bohrer" bezeichnet Beddows dieses chemische Phänomen, das den Fels Mikrometer für Mikrometer auflöst. Still und stetig wird der Bohrer im Untergrund weiter werken, den Boden durchlöchern und einstürzen lassen. Neue Cenoten werden entstehen, nicht bis in alle Ewigkeit, ganz sicher aber noch für Jahrtausende.
Aus "Mare", Heft 80, Juni 2010
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