Honduras: Am Altar des Schamanen

Von Linus Geschke

Wo Touristen zu den Ruinen alter Mayastätten strömen, führen Schamanen die medizinischen Traditionen ihrer Urväter weiter. Den Heilkräften der "Curanderos" vertrauen jedoch vor allem die Einheimischen - schließlich arbeiten sie mit Handauflegen, Kerzen und Tieropfern.

Mayastätte in Honduras: Heilkräfte der Curanderos Fotos
Linus Geschke

Bunt gescheckte Häuser schmiegen sich an steile Hänge, die Straßen sind unregelmäßig mit Kopfsteinpflaster bedeckt, aus den kleinen Cafés schallen lateinamerikanische Lieder. Copán, umgeben von Kaffeeplantagen, Bergen und Nebelwäldern, strahlt die verblichene Grandezza eines spanischen Kolonialstädtchens aus. Hier, unweit des Grenzgebietes zu Guatemala, gibt es noch keinen organisierten Massentourismus: Wer in den östlichen Winkel von Honduras reist, hat meist Turnschuhe an den Füßen, den Rucksack auf dem Rücken und einen "Lonely Planet"-Reiseführer in der Hand.

In der Zeit zwischen 200 und 900 nach Christus lag wenige Meter außerhalb des heutigen Örtchens eine der bedeutendsten Mayastädte überhaupt. Bis zu 35.000 Menschen lebten hier; sie bauten Tempel, Paläste und Wohnhäuser, opferten den Göttern und huldigten ihren Herrschern. Heute streifen Touristen, Hobbyarchäologen und Esoteriker in Hanfhosen zwischen den im Tal liegenden Ruinen umher.

Begleitet werden sie dabei von kundigen Guides, Männern wie Miguel Raymundo. Auf dem Weg zwischen Altären, Opfersteinen und Hieroglyphen erzählt er Geschichten von Königen wie "Rauchender Jaguar" oder "18 Kaninchen", dem Herrscher, der das Bild der Mayastadt am stärksten bestimmte - fast alle der kunstvoll verzierten Stelen auf dem Areal tragen sein Antlitz. Das gesamte Gebiet wirkt immer noch wie verwunschen: Die verhältnismäßig geringe Zahl der Touristen kann der mystischen Atmosphäre des Ortes nur wenig anhaben.

Nur wenige Touristen vertrauen dem Heiler

Anders als die Ruinen der Maya ist der Name Jose Guadalupe Canaan in keinem Reiseführer und in keinem der bunten Prospekte zu finden, die in den kleinen Hotels über die örtlichen Attraktionen informieren. Der 51-Jährige ist der Medizinmann des Ortes, ein "Curandero", wie die Mischung aus Schamane und Heiler, der die Kräfte der Natur mit religiösen Beschwörungen verbindet, hier genannt wird. Auch Raymundo führt nur in den seltensten Fällen Touristen zu ihm. Weil sie nicht glauben. Weil sie zweifeln. Weil sie jeder weißen Tablette mehr vertrauen als seinem über Generationen überlieferten Wissen.

Dabei könnte Miguel Raymundo viel über die Kräfte des Curandero erzählen. Beispielsweise, wie er ihn geheilt hat, als er vor vier Jahren an Nierensteinen litt. Die Behandlung im Krankenhaus? Viel zu teuer. Die Krankheit aussitzen? Viel zu schmerzhaft. Canaan hat ihn untersucht und gab ihm dann zwei Tage später einen Tee mit, den er drei Wochen lang zu trinken hatte. Als sie dann endlich herauskamen, die Nierensteine, da sah es aus wie "Sand im Urin": So schwört es zumindest Raymundo, während er in die Ferne blickt und sich eine Zigarette anzündet.

Es ist ein steiler, holpriger Feldweg, der von der Landstraße aus zu dem Medizinmann von Copán führt. Am Ende des Weges steht eine aus Steinblöcken, Lehm und Holz erbaute Hütte, vor der räudige Köter in der Sonne dösen und Gänse und Hähne sich um ein paar Maiskörner balgen.

Jose Guadalupe Canaan begrüßt seine Besucher mit einem weichen Händedruck. Rein optisch passt er weder in diese Umgebung noch zu den üblichen Vorstellungen von einem Schamanen. Sein hellblaues Hemd steckt in einer Stoffhose, die Schuhe wirken wie frisch geputzt, die Haare sind sauber gescheitelt. Er verbeugt sich leicht und deutet ins im Dunkel liegende Innere der Hütte, dann geht er voran.

Jeder zahlt, was er kann

Hinter zwei kleinen und spärlich möblierten Räumen liegt das Behandlungszimmer. Strom gibt es nicht, die Fenster sind mit Holzlatten vernagelt, die Wände schwarz vor Ruß. Lediglich ein kleines Feuer auf dem Boden sorgt für schummriges Licht. Wer hierher kommt, der muss nicht unbedingt krank sein. Manche wollen auch nur einen Blick in die Zukunft bekommen, das Herz ihrer Angebeteten gewinnen oder, ganz banal, beruflichen Erfolg haben. Feste Preise dafür hat der Curandero nicht - man gibt, was man geben will und geben kann: Ein paar Lempiras, eine selbstgemachte Tortilla und manchmal auch ein Huhn.

In einer Ecke des Raumes befindet sich ein gemauerter Vorsprung, den Canaan mit einer Madonnenfigur und einem Kreuz versehen hat - sein Altar. Der Besucher nimmt auf einem Plastikschemel Platz, dann beginnt die Zeremonie: Der Curandero stellt sich hinter den Patienten und legt die Hände auf dessen Kopf. Dabei flüstert er in schneller Folge Sätze, teilweise ein spanisches " En nombre del Padre, del hijo y el Espíritu Santo", teilweise auch Unverständliches in der Mayasprache Chorti. Anschließend schneidet der Medizinmann Opferkerzen ab: gelbe für die Gesundheit, rote für die Liebe, grüne für den Erfolg. Er zündet sie an, er beschwört die Götter und Heiligen, er streicht über Kopf, Rücken und Arme. Im Raum wird es langsam heiß.

Manchmal kommen Menschen zu ihm mit wirklich schwerwiegenden Problemen. Dann genügen die Kerzen nicht, dann muss etwas anderes als Opfergabe her. Etwas Lebendiges, ein Huhn vielleicht. Schon die Maya glaubten, dass erst aus dem Tod das Werden entsteht, erst aus dem Opfer der Erfolg. Untergang und Schöpfung sind im Tal von Copán seit jeher miteinander verbunden, bei König "18 Kaninchen" ebenso wie bei Jose Guadalupe Canaan.

Zwischen Christentum und alten Riten

Honduras ist heute ein durch und durch christliches Land mit den unterschiedlichsten Ethnien, von denen die Mestizen 90 Prozent ausmachen. Es besitzt den größten intakten Regenwald Zentralamerikas, 80 Prozent des Territoriums sind gebirgig, in den staatlichen Nationalparks leben rund 700 exotische Vogelarten.

Doch auch, wenn nur noch zwei Prozent der Bevölkerung direkt von den Mayas abstammen - deren Mythen und Bräuche bleiben im kollektiven Bewusstsein des Landes fest verankert. Man glaubt an die Bibel und zweifelt dennoch nicht an den alten Riten. Manuel Raymundo sieht das Ganze recht pragmatisch: "Über die medizinischen Qualitäten des Curandero habe ich keine Zweifel. Vielleicht bringt es einem nichts, an seine spirituellen zu glauben - schaden tut es jedoch in keinem Fall."

Immerhin hat die heutige Spiritualität wenig mit den martialischen Riten der Vergangenheit zu tun. Früher, so glauben viele Forscher, wurden bei den berühmten Ballspielen der Maya anschließend beide Mannschaften getötet: die Gewinner, um in einer höheren Klasse wiedergeboren zu werden; die Verlierer, um mit ihrem Tod diesen Aufstieg erst möglich zu machen. Doch das letzte Menschenopfer in Copán liegt heute über 1000 Jahre zurück, und auch Hühner werden nur noch selten geopfert. Aber die, sagt der Curandero nach der Sitzung, kann man dann ja wenigstens noch essen.

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